Manuel Herwig und Annrei Laufkötter als moderne Hänsel und Gretel in "Verschwunden" am Theater Münster.

Manuel Herwig und Annrei Laufkötter als moderne Hänsel und Gretel in "Verschwunden" am Theater Münster.

© Foto: Jochen Quast
Schauspielkritik

Brennpunktsiedlung Hexenwald

von Stefan Keim

Charles Way: Verschwunden

Premiere: 08.11.2012 (Deutschsprachige Erstaufführung)
Theater Münster
Homepage: http://www.theater-muenster.com/index.php

Regie: Kristo Sagor

Hans und Grete haben nur noch sich. Die beiden Geschwister passen aufeinander auf, bilden eine Solidargemeinschaft. Ihre Mutter ist gestorben, der Vater hat wieder geheiratet, dann seinen Job und damit auch den Halt verloren. Jeden Abend besäuft er sich, oft torkelt er hilflos auf der Straße herum. Seine neue Frau ist frustriert, hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Ihre Wut lässt sie an den Kindern aus. Märchenmotive in die Gegenwart zu übertragen ist eine der Spezialitäten des britischen Dramatikers Charles Way. In seinem Stück „Verschwunden“ ist es ihm besonders packend gelungen. Vor zwei Jahren bekam er den Deutschen Kindertheaterpreis. Der Dramatiker und Regisseur Kristo Sagor hat das Stück nun am Jungen Theater Münster mit wenig Aufwand und vier ausgezeichneten Schauspielern inszeniert.

Zwischen Publikum und Bühne klafft ein Graben. Die Distanz passt zum Stück, das als Erzählung beginnt. Kristo Sagor verteilt den Text auf alle vier Darsteller, lässt sie einander ins Wort fallen, parodierend spricht einer auch mal die Worte des anderen. Die Spielhaltungen sind klar, deshalb ist alles gleich verständlich. Manuel Herwig spielt Hans als cooles Straßenkämpferkid mit Kapuzenpulli und weichen Gesichtszügen. Er würde gerne härter wirken als er ist, zumindest am Anfang. Eine perfekte Identifikationsfigur für Jungs zwischen 10 und 13, in denen noch viel Kindliches steckt, die aber auch älteren Idolen nacheifern. Seine Schwester Grete ist jünger, verspielter, was Annrei Laufkötter mit natürlichem Spielwitz glaubwürdig verkörpert. Der Vater ist gutwillig und schwach, ein Zerbrochener, auf den sich keiner mehr verlassen kann. Uwe Topmann entwickelt viele Zwischentöne, zeigt, dass in diesem Menschen mal mehr steckte. Und dann gibt es die böse Stiefmutter, natürlich eine Paraderolle. Christiane Nothofer bedient nur ganz selten Wahnsinnsklischees, lange Zeit bleibt sie nachvollziehbar als attraktive Frau, die um ihr Glück kämpft und es einfach nicht hinnehmen will, in Vorstadttristesse zu versacken. Sie glaubt, dass nur Kälte und Härte zum Erfolg führen. Etwas anderes hat sie nicht kennengelernt.

Grete wird entführt. Charles Way verknüpft das Märchen von Hänsel und Gretel mit einem realen Kriminalfall. 2008 wurde in England eine Neunjährige entführt. Die Eltern selbst waren die Täter, präsentierten sich in den Medien als weinende Opfer, sammelten Spenden, um das vermeintliche Lösegeld bezahlen zu können. Im Stück macht sich nun Hans auf die Suche nach seiner Schwester, lässt sich nicht abschrecken und entmutigen, erkennt schließlich die brutale Wahrheit. Aus dem Märchen ist ein gesellschaftskritischer Krimi geworden, in dem es nicht nur um Spannungseffekte sondern auch um die Hintergründe geht. Auch wenn die Boshaftigkeit der Stiefmutter schockiert, hat sie ihre sozialen Grundlagen.

Drei bewegliche, zimmerhohe Rahmen reichen Kristo Sagor und dem präzisen Ensemble, um diese Geschichte straff und emotional zu erzählen. Einmal kracht eins dieser Bühnenelemente in den Graben. Am Ende stehen Hans und Grete im Wald, Geld regnet vom Himmel, das Mädchen verliert seine Angst. Ein Paradies für Underdogs, einen Augenblick lang glauben sie an ihre Zukunft ohne ständigen Überlebenskampf.