Macbeth im Sonnenblumenfeld - Heikki Kilpeläinen in einer Szene aus Tatjana Gürbacas Inszenierung am Staatstheater Mainz.

Macbeth im Sonnenblumenfeld - Heikki Kilpeläinen in einer Szene aus Tatjana Gürbacas Inszenierung am Staatstheater Mainz.

© Foto: Martina Pipprich
Musiktheaterkritik

Sag mir, wo die Blumen sind

von Detlef Brandenburg

Giuseppe Verdi: Macbeth

Premiere: 09.06.2013
Staatstheater Mainz
Homepage: http://www.staatstheater-mainz.com

Regie: Tatjana Gürbaca
Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
Autor der Vorlage: William Shakespeare

Was bedeutet eine Sonnenblume? Sie bedeutet Wärme, Licht, Hoffnung, Zuversicht. Und nun gleich ein ganzes Feld davon, wie es jetzt auf der Bühne des Mainzer Opernhauses im Licht schimmert, neblig bedroht zwar von Schwaden der Düsternis im Hintergrund, aber doch so freundlich, so – nun ja: so sonnig. Damit symbolisiert dieses Feld ziemlich genau das Gegenteil dessen, was Giuseppe Verdi in seiner Oper „Macbeth“ Klang und Handlung werden lässt. Es ist eines der schwärzesten, krassesten, hoffnungslosesten Werke, die uns dieser Komponist der schönen Melodien und finsteren Weltsichten hinterlassen hat. Und genau dies, diese präzise Negation, macht die Stärke der im besten Sinn unkonventionellen Inszenierung der Mainzer Operndirektorin Tatjana Gürbaca im Bühnenbild von Stefan Heyne aus.

Manchmal nämlich gewinnt eine These erst dadurch ihre ganze Kraft, dass man ihr die Antithese gegenüberstellt. Tatjana Gürbacas Protagonisten, die die Kostümbildnerin Silke Willrett in zeitlos moderne Kampfmontur, Herrscher-Eleganz oder blutverschmierte Leichenhemden gesteckt hat, müssen sich buchstäblich ihre dramatischen Wege durch dieses Feld bahnen. Sie knicken dabei die Pflanzen, schlagen Schneisen durchs sonnige Gelb, missbrauchen es als Versteck, trampeln es nieder. Die Schönheit, die Natur steht den Absichten der Mächtigen im Wege. Also richten sie sie zugrunde, beiläufig, achtlos. Sie gehen über Leichen und hinterlassen eine Wüste. Selten hat man so klar gesehen, wie das politische Handeln die Welt verheert. Dieses Bühnenbild ist atmosphärisch ungemein ausdrucksstark, und es ist zudem dramaturgisch praktikabel, weil es den Figuren alles gibt, was sie für ihre Aktionen brauchen. Nur einmal, in der Szene mit den von Macduff angeführten schottischen Flüchtlingen zu Beginn des vierten Aktes, fährt das Blumenfeld empor und offenbart ein Kellergewölbe, in dem die Vertriebenen wie Tote hausen; und in der Wahnsinnsszene, in der Lady Macbeth sich das Blut der Gemordeten von den Händen waschen will, wandelt sich das Gewölbe dann tatsächlich in eine Gruft.

Dass aus dem Bild auch wirklich fesselndes Musiktheater wird – das freilich bewirkt erst Gürbacas starke Personenführung, die die Handlung mit präzise inszenierten Assoziationen und Metaebenen umgibt. Diese Aufführung steckt voller sinnerfüllter Tableaus und Aktionen. Verdi erzählt hier ja sehr genau vom Verhältnis der Lebenden zu den Toten: Die Toten sind sozusagen für das schlechte Gewissen ihrer Mörder zuständig, sie suchen sie heim, treiben sie in den Wahnsinn und werden so zu Rächern der Weltgerechtigkeit. Tatjana Gürbaca kehrt das gleichsam um: Sie erzählt vom Verhältnis der Toten zu den Lebenden, die die Gemordeten weniger als Rächer heimsuchen, sondern vielmehr als Erlöste.

Ihre Gelöstheit aber spendet keinen Trost, viel eher verspottet sie die Mörder. Wenn Duncan mit Macbeth zu einer dieser typischen Drei-Achtel-Beschwingtheiten, für die sich Verdis Musik noch in der finstersten Katastrophe Zeit nimmt, ein Tänzchen wagt, spürt man: Der Tote hat’s hinter sich und ist heilfroh darüber – und dreht nun mit dem Lebendem, der noch ganz und gar gefangen ist in all seinem Ehrgeiz und seiner Machtgier, eine hübsche ironische Pirouette. Denn der Tote weiß, dass auch sein Mörder bald ein Opfer sein wird; hier entgeht keiner dem wüsten Schicksal. Das macht Gürbaca im Ballett zu Beginn des dritten Aktes unmissverständlich klar: Die „spirti erranti“ (umherschweifenden Geister), die die Hexen da beschwören, zeigen die schottische Königsfolge als eine blutige Sequenz von Mord und Usurpation und laden am Ende Macbeth ein, sich einzureihen. Diese Inszenierung steckt voller solcher Anspielungen, viel mehr, als man hier erzählen kann. Man muss das sehen. Und man sollte es sehen!

Und hören. Was das Mainzer Orchester unter seinem GMD Hermann Bäumer an präziser Differenzierung und geschliffener Zuspitzung leistet, ist erstaunlich. Man hört einen dramatisch hochgespannten Verdi, der doch nie ins Grobschlächtige kippt. Und der von Sebastian Hernandez-Laverny vorzüglich einstudierte Chor trägt diesen anspruchsvollen Interpretationsansatz mit Hingabe und Können mit. Und dann hat das Mainzer Staatstheater mit Heikki Kilpeläinen einen Macbeth in seinem Ensemble, um den man das Haus nur beneiden kann. Der Finne ist der Partie nicht nur gewachsen, er gibt ihr auch ein total überzeugendes eigenes Profil, das vor allem auf die Gebrochenheit dieses Finsterlings abzielt: nuanciert gestaltend, zurückhaltend in der Dynamik, mit faszinierenden Zwischentönen. Und selbst als Ruth Staffa, die Sängerin der Lady, in den Endproben erkrankte, bescherte das Künstlerglück dem Haus mit Karen Leiber vom Mainfrankentheater in Würzburg eine Künstlerin, die diese Partie nicht nur mit großer Präsenz singt, sondern bereits nach wenigen Proben auch mit beeindruckender darstellerischer Intensität aufwarten kann. Auch all die mittleren und kleineren Partien dieser Oper – José Gallisas Banco, Patricia Roachs Kammerfrau, Thorsten Büttners lyrisch ausdrucksvoller Macduff – waren tadellos besetzt.

Übrigens brachte das Wochenende damit auch einen spannenden Verdi-Kontrast, der einiges über den aktuellen Stand der Verdi-Interpretation verrät. Tags zuvor war in Essen Dietrich Hilsdorf mit seiner realistisch aktualisierenden Inszenierung der nahezu zeitgleich mit „Macbeth“ entstandenen „Masnadieri“ ziemlich bald die Puste ausgegangen (Kritik hier). Gürbaca, Heyne und Willrett dagegen konnten mit einem konsequent surrealen künstlerischen Zeichen- und Verweisungssystem erstaunliche Tiefenschichten erschließen. Eine interessante Einsicht – zu irgendetwas also ist so ein Jubiläum offenbar doch gut.