Nils Zapfe kreierte "Bonsai Bielefeld"

Nils Zapfe kreierte "Bonsai Bielefeld"

Auf der Suche nach der totalen Transparenz - ein Audiowalk durch die Bielefeld Innenstadt.

© Foto: Philipp Ottendörfer
… und mehr

Phantasienachhilfe

von Jens Fischer

Nils Zapfe: Bonsai Bielefeld

Premiere: 23.03.2017 (Uraufführung)
Theater Bielefeld
Homepage: https://theater-bielefeld.de/

Regie: Nils Zapfe

Dass es Bielefeld gar nicht gibt, ist ein im Internet gehypter Gag. Parodie auf Verschwörungstheorien. So der bisherige Kenntnisstand. Das nach dieser Stadt benannte Theater gibt nun aber Phantasienachhilfe, warum es wirklich so ist. Also scheint.

In der jüngsten Produktion der Genregrenzen und Denkkonventionen fröhlich überschreitenden „Formate“-Reihe wird behauptet, in Bielfeld sei die totale Transparenz realisiert – frei zugängliche Datenkonvolute hätten nicht nur Wände in Glas verwandelt. Der gläserne Mensch sei in der gläsernen Stadt für Außenstehende nun nicht mehr sichtbar, eben alles total durchsichtig. Verantwortlich zeichnet eine Art Sekte, „Bonsai Bielefeld“. Angeführt wird sie vom ehemaligen Schauspielensemblemitglied Nils Zapfe. Er gewährt Gästen Zugang zu dem Open-Source-Projekt. Hat einen Audiowalk kreiert, was er als „begehbares Hörspiel“ übersetzt. Es gilt, das Unsichtbare hörbar zu machen. Inszeniert hat Zapfe das als Bekehrungsakt der Post-Privacy-Bewegung mit final eingemeindender Taufe. Und viel Theorie.

Während Unternehmen aller Wirtschaftszweige immer geheimniskrämerischer agieren, staatliches Handeln immer undurchschaubarer wird, ermuntern Staat und Wirtschaft die Bürger zu Datenexhibitionismus, um mit dem Wissen Macht zu festigen und unfassbar viel Geld zu verdienen. Wider diesen Status Quo denken die Bonsaiker: Wenn sich sowieso jeder freiwillig online nackig macht, wirke klassischer Datenschutz wie ein Relikt der vordigitalen Ära – sei also überflüssig. Wie wäre es, wenn wir gleich alle Daten, Fakten, Hintergründe und Zusammenhänge ins Licht der Öffentlichkeit stellen, sodass keine Macht, kein Gewinnstreben mehr damit verbunden werden kann? Wenn wirklich jeder von jedem alles wissen kann, weil alles allgemein zugänglich ist, wirkt das wie eine Utopie von Freiheit oder eine Dystopie von totaler Überwachung?

Die Theatermacher denken stur Richtung Utopie. Ersehnen als hoffnungslose Idealisten eine diskriminierungsfreie Welt, in der es keine Notwendigkeit mehr gibt, sich ins Privatleben, also hinter Mauern, Gardinen, in Schutzräume zurückzuziehen. Als im Biedermeier das Glück privat wurde, wurde das Private nicht glücklicher, wird behauptet. Es gelte daher die Privatsphäre als bürgerliche Illusion von Freiheit zu entlarven. Gefordert wird wahre Freiheit für alle Geheimnisse.

Durch Einführungsworte und Dramaturgentexte vorbereitet, zieht die 60-köpfige Gemeinde durch Bielefelds Altstadt. Mit roten Kopfhörern. Was im Einkaufstrubel gar nicht auffällt, weil die meisten Menschen Ähnliches auf und in den Ohren haben. Die Audiowalker mit Theaterticket hören einen sphärisch groovenden Soundtrack, über dem sich live sanfte Bekehrerstimmen artikulieren. Sie sind Alleswisser, weil sie Zugriff auf den alles wissenden Datenstream haben. Vorm „Vapiano“-Fast-Food-Laden wird von der Abwesenheit eines Betriebsrates berichtet und präzise benannt, wie viele Küsse und Drogen-Päckchen dort täglich ausgetauscht werden. Der Sprecher kennt den Preis der Straßenlaterne vor der Haustür und verkündet Details aus dem Leben der Paare, Passanten: Die da mit der roten Jacke trinke abends Eierlikör, der mache in Sextoys, die hat eine Blasenentzündung … natürlich ist das alles ausgedacht, damit wir das aber nicht merken, hat Zapfe Darsteller anonym unter die Stadtbummelanten geschmuggelt, die urplötzlich mit den Worten des Sprechers interagieren – etwa zu dem Lied tanzen, das zuvor als ihre Lieblingsmusik vorgestellt wurde.

Natürlich provoziert all das die Frage, warum sich der Zustrom omnipotenten Wissens für mich als Zuschauer beklemmend anfühlt. Ebenso unangenehm, wenn anschließend die Zuschreibungen eines Durchschnittdeutschen verkündet werden – und jeder so seiner eigenen Abweichungen von der Norm gewahr wird.

Schließlich beginnt auf dem Mittelstreifen einer Hauptverkehrsstraße ein Bonsaiker, uns per Headset die Geschichte seines Sexuallebens nahezubringen. Er behauptet: Das wären genau die Infos, die wir als erstes abrufen würden, wenn wir etwas über ihn erfahren wollten. Einige spüren Unbehagen bei seiner Aufforderung, nun ins Gespräch einzusteigen. Mit wem man wie Sex habe und wie viel man verdiene, seien wohl die Tabufragen schlechthin, so das Resümee. Was sagt das über unsere repressiven Moralvorstellungen? Weiß ich gerade nicht. Also hinauf in den 2. Stock zu Carmen Priego. Post Privacy bedeutet eben auch, jeder kann bei jedem mal vorbeikommen. Nur was soll man da? Weder wir Besucher noch die Schauspielerin schaffen es, ein Gespräch in Gang zu bringen. Egal. Wer jetzt nicht angefixt ist, wird trotzdem getauft.

Im seit Jahren leer vor sich hin dämmernden Ratskeller hält ein Zeremonienmeister noch eine Predigt, praktiziert rituelles Tamtam und animiert zur allgemeinen Umarmung. Ausgehändigt wird der Bonsai-Mitgliedsbutton. Und? Schluss. Ein prima zu erwanderndes, hintersinnig schlaues Theaterstück, das jedem Teilnehmer Möglichkeiten spendiert, am eigenen Leib zu spüren, im eigen Kopf zu denken, warum man was lieber für sich behält und warum man was von anderen zu erfahren begehrt. Und wie naiv der Glaube ist, wenn es nichts mehr zu verbergen gebe, sei auch nichts mehr zu fürchten in einer Stadt, die in totaler Transparenz verschwindet …