Jamal Callender und Lorenzo Angelini in einem Ausschnitt aus Stephan Thoss' Choreographie "La Chambre Noire" von Nationaltheater Mannheim Tanz

Jamal Callender und Lorenzo Angelini in einem Ausschnitt aus Stephan Thoss' Choreographie "La Chambre Noire" von Nationaltheater Mannheim Tanz

© Foto: Hans-Jörg Michel
Tanzkritik

Vielfalt neu begreifen

von Ulrike Kolter

Tanzbiennale Heidelberg: Best of Ländle

Premiere: 03.03.2018
Theater Heidelberg / UnterwegsTheater
Homepage: www.theaterheidelberg.de

„Best of Ländle“ klingt der charmante Subtitel zur Abschlussgala der Heidelberger Tanzbiennale. Man erwartet nicht zu viel von diesem Potpourri baden-württembergischer Tanzproduktionen – und muss sich schnell eines Besseren belehren lassen! Ein kurzweiliger Abend, ein tolles Format – und das abgenudelte Wort „Vielfalt“ kriegt wieder eine fundamentale Bedeutung. Was hat der Tanz im Südwesten nicht alles zu bieten von Performance bis Spitzentanz! Auch jenseits der durch Nanine Linning wiederbelebten Tanzeuphorie der Heidelberger (die Biennale ging mit satten 96 Prozent Auslastung zu Ende).

Nach neun Tagen mit internationalen und regionalen Gastspielen endete die mittlerweile dritte Ausgabe der Tanzbiennale – veranstaltet in Kooperation des Heidelberger UnterwegsTheaters und des Theaters Heidelberg. Bekannt ist ja, dass Baden-Württemberg mit den Staatsballetten in Stuttgart und Karlsruhe gleich über zwei herausragende klassische Compagnien verfügt, dazu die vier Ensembles kommunaler Theater (Mannheim, Heidelberg, Ulm, Pforzheim) und jede Menge professionelle freie Truppen zu bieten hat. Die unterschiedlichen choreographischen Handschriften dann versammelt an einem Abend zu erleben, war auch Verdienst der Kuratorin und Tanzförderin Bea Kießlinger. Man startete also in der Spielstätte des UnterwegsTheaters (der etwas abseits gelegenen HebelHalle) und fuhr dann zur zweiten Hälfte des Programms mit Bussen zum Heidelberger Theater – wodurch ein Großteil des Publikums die HebelHalle als Lokation überhaupt erstmals kennengelernt haben dürfte – und betonte damit letztlich die Begegnung der Kooperationspartner auf Augenhöhe.

Auch dramaturgisch glückte die Gratwanderung, aus kompletten Ballettabenden wie Stephan Thoss‘ „La chambre noire“ (Nationaltheater Mannheim Tanz) oder dem „Mozart-Requiem“ von Guido Markowitz (Ballett Theater Pforzheim) nur 10-minütige Ausschnitte zu präsentieren. Hilfreich war, dass alle Truppen Videotrailer mitgebracht hatten, in denen man einen kurzen Eindruck von Handschrift und Intention der jeweiligen Compagnie bekam. So sah man in „Zeitgeist“ des La_Trottier Dance Collective ein Paar, das den Abschiedsschmerz eines geliebten Menschen im endlosen Umfallen von ihr durchexerzierte, während er sie in ihren Ohnmachtsmomenten immer wieder auffing, ihr immer aufs Neue den Kopf stützte kurz vorm Aufprall auf den Boden – übrigens die Eröffnungsproduktion des neu eröffneten EinTanzHauses in Mannheim, wo Éric Trottier und seine Truppe seit letztem Jahr mit einer permanenten Residenz arbeitet.

Von Marco Goecke war das humoristische, inzwischen legendäre Fünfminuten-Solo „Mopey“ zu erleben, und das UnterwegsTheaters aus Heidelberg zeigte mit „Verlaufen“ von Jai Gonzales das tänzerisch wie energetisch beeindruckendste Stück des Abends: ein geschmeidiges Miteinander von drei Tänzern und einer Tänzerin, die mit wechselndem Ineinandergreifen, Rennen, Taumeln und Hebungen in Jeans und Shirts jeder bei sich selbst war und doch alle als homogene Gruppe agierten, unmerklich Arme immer wieder ineinandergriffen und sich lösten, alles als eine große Suche nach dem richtigen Weg.

Das freie Tanztheater backsteinhaus production aus Stuttgart ließ seine Performer in „Wolfgang“ ganz animalisch als heulende Wölfe im Vierfüßlergang kriechen, heulen und wie Flummis umherspringen und vom Stuttgarter Ballett gab es ein herausragendes Pas de Deux auf Spitze („Bite“ von Katarzyna Kozielska, getanzt von Startänzer Jason Reilly und Solistin Anna Osadcenko). Das große Finale gehörte natürlich Tanzchefin Nanine Linning, die Ausschnitte aus ihrer aktuellen Choreographie „Dusk“ präsentierte, eine für ihre Verhältnisse sehr puristische Arbeit mit Tänzern nur in hautfarbener Unterwäsche, mit viel Nebel und ganz sinnlich-kontemplativen Momenten. Großer Jubel für den gebührenden Abschluss eines rundum gelungenen Festivals.