"Geschichten, die ich nie erzählte"

"Geschichten, die ich nie erzählte"

V. l. n. r.: Sho Takayama, Tommaso Balbo, Johanna Wernmo, Noriko Nishidate, Joris Bergmans, Elvira Zuñiga Porras, Gianni Cuccaro, Chiara Montalbani, Saori Ando, Kenan Dinkelmann

© Foto: Lioba Schöneck
Tanzkritik

Stürmische Begrüßung

von Bettina Weber

Simone Sandroni: Geschichten, die ich nie erzählte

Premiere: 24.10.2015 (Uraufführung)
Theater Bielefeld
Homepage: www.theater-bielefeld.de

Aller Anfang kann schwer sein. Nicht so für Simone Sandroni und seine Tänzer am Theater Bielefeld. Seit Beginn dieser Spielzeit ist der gebürtige Italiener neuer Chefchoreograph des Hauses, in dem zuvor zehn Jahre lang der Tanztheater-Choreograph Gregor Zöllig die Tanzsparte geleitet hat. Und gleich die erste Uraufführung des neuen Teams wurde vom Bielefelder Publikum euphorisch begrüßt. Personell gesehen bedeutet der Wechsel eine umfassende Veränderung: Bis auf wenige Tänzer ist das Ensemble komplett erneuert worden. Simone Sandroni hat zuletzt frei gearbeitet, international. Ein renommierter Choreograph, der freilich eine neue und sehr markante Handschrift mitbringt, andererseits aber auch von Zöllig in Bielefeld etablierte Tanztheatertraditionen fortzuführen bereit ist. Sandroni übernimmt nicht nur die Tanzvermittlungsreihe „Zeitsprung“ in sein Programm, auch er erarbeitet die Choreographien in enger Zusammenarbeit mit den Tänzern.

Diese Tänzer und ihre Geschichten – teils biographisch, teils wohl mit Phantasie angereichert –  bilden das inhaltliche Zentrum dieser ersten Choreographie. Dass hier persönlicher Boden betreten wird, zeigt sich schon, bevor die Vorstellung beginnt. Kinderfotos der Tänzer werden nach vorn projiziert: eine freundliche, handreichende Einladung. Und so gleicht der Abend denn auch einer intimen Vorstellungsrunde; mit zumeist hohem Tanztempo, kanalisierten Emotionen, aber auch: überraschend viel gesprochenem Text. Denn die neuen Tänzer erzählen dem Publikum wortwörtlich Geschichten, kommen immer wieder zum Bühnenrand, sprechen direkt in den Zuschauerraum und unterbrechen dafür die Bewegungen. Sie berichten von ihren ersten Begegnungen mit dem Tanz und von frühen Unterrichtsstunden, von Gefühlen für den Beruf und dem, was im Privatleben auf der Strecke bleibt.

Dort, wo das kleine, noch ungelenk tanzende Mädchen wieder zum Leben erweckt wird, ist das komisch. Dort, wo der Schüler von der Tanzlehrerin Stockhiebe bekommt, stimmt es nachdenklich. Und dort, wo sich der Tanzbarren plötzlich bedrohlich schnell dreht, einer Waffe gleich, der das Ensemble oft nur haarscharf auszuweichen scheint, offenbart die Szenerie auf bedrückende Weise noch deutlicher die Schattenseiten des Tänzerberufs: Die Verletzungsgefahr wie auch das rasend schnell vergehende Zeitfenster, in dem der Körper den strapaziösen Einsatz auf der Bühne mitmacht, sind hier assoziierbar. Bilder wie diese sind packend, andere laden zum Schmunzeln ein. Beeindruckend ist also vor allem die Intensität des abwechslungsreichen Tanzes selbst, vor allem dort, wo er auch erzählerisch in die Tiefe geht. Mal ist das ungestüm und rasend, fast akrobatisch, manchmal auch zärtlich, leise, zurückhaltend. Auch die Tatsache, dass dieses Ensemble gerade erst zusammengefunden hat und sich auf der Bühne dennoch schon so gemeinschaftlich arbeitet, ist beachtlich.

Manchmal schrammen die Tänzer in ihren mündlichen Erzählungen gefährlich nah am Gemeinplatz vorbei: Wenn es heißt, dass jemand „schon immer Tänzerin werden wollte“ zum Beispiel. Hier drohen die ansonsten so vibrierend lebensechten Anekdoten in die Starre des Klischees abzurutschen. Doch glücklicherweise wählen Sandroni und seine Tänzer diesbezüglich genau die richtigen dramaturgischen Geschütze – zum einen durch entwaffnende Ehrlichkeit. Dass sie durch das Ziel, Tänzerin zu werden, viel zu sehr in der Zukunft gelebt habe anstatt in der Gegenwart, erzählt Johanna Wernmo, die an diesem Abend die größte darstellerische Präsenz zeigt. Zum anderen werden die Stereotype selbst ironisiert: Nacheinander treten die Tänzer vor, um zu sagen, weshalb sie eben nicht Tänzer geworden sind: Nicht, weil die Eltern es wollten, nicht, um eine innere Leere zu füllen. „Nicht aus Spaß“, heißt es zwischendurch wörtlich. Und „nicht aus Leidenschaft“.

Zuletzt beschreibt Johanna Wernmo, inmitten ihrer Kollegen stehend, ganz konkret, was sie alle tatsächlich sind: Der muffige Geruch der T-Shirts nach Training zum Beispiel. Aber auch: Entgegen dem Wunsch der Eltern, die die Rückkehr der Kinder erwarten, „hier zuhause“. Der Start von Simone Sandroni und seinen Tänzern ist ein Neuanfang mit großem Ausrufungszeichen: Hier sind wir, mit all unseren Fehlern, und wir freuen uns auf euch! Diese offenherzige Botschaft goutierte das Publikum mit stürmischer Begeisterung.