"Songs" am Stadttheater Bremerhaven

"Songs" am Stadttheater Bremerhaven

Natalie Hona, Yosuke Kusano

© Foto: Heiko Sandelmann
Tanzkritik

Das Mann-Frau-Ding

von Jens Fischer

Sergei Vanaev: Songs

Premiere: 12.01.2014
Stadttheater Bremerhaven

Atemberaubend choreographiert und vor spektakulärer Videoanimation visuell brillant in Szene gesetzt, mischen sich Tanzstile von Ballett bis Streetdance zu einer elektrisierenden Performance voller Sinnlichkeit und beeindruckender Athletik, angeheizt durch internationale Nr.1-Hits. Diese explosive Show voller überbordender Energie und ansteckender Lebensfreude, voller waghalsiger Sprünge, atemberaubender Drehungen und sinnlicher Moves reißt garantiert sämtliche Zuschauer von den Sitzen. Ein wahres tänzerisches Feuerwerk, das genau den Zeitgeist trifft. Wie bitte? Nein, das ist jetzt kein ernstzunehmender Rezensionsansatz, sondern nur ein Best-of der albern verlogenen PR-Formulierungen für die Tanzshows „Rock the Ballet“ und „Ballet Revolución“. Im Sinne dieser Erfolgskonzepte erprobt das Ballett Bremerhaven eine offene Form – abseits der Abo-Reihen des Stadttheaters. Natürlich sind Video- und Lichtdesign deutlich schlichter als bei den kommerziellen Produktionen – und auch die Ensemblemitglieder haben nicht gleich virtuose Fähigkeiten in diversen Bewegungskünsten wie die kubanischen und amerikanischen Kollegen. Aber eine prima Show gelingt trotzdem, ein Kaleidoskop der Stile und Temperamente, was so lässig humorvoll sonst nicht in den Arbeiten Sergei Vanaevs zu entdecken ist.

Dafür ist das Thema das übliche: das Mann-Frau-Ding, in dem Romantiker immer noch nach der Liebe suchen. Dazu wurden viele schöne „Songs“ gefunden – im 15. Jahrhundert (William Cornysh) und funkelnden Barock (Purcell), ein mondtrunkenes Gebet („Casta Diva“ aus Bellinis „Norma“), Stadionrockkitsch von INXS und auch die jazzy Eleganz einer Melody Gardot. Verbunden wird die Nummernrevue mit lustigen bis poetischen Lesefrüchten, die eingesprochen werden. Aber eine Geschichte wird nicht erzählt. Dafür zeigt die sechzehnbeinige Compagnie in scheinbarer Mühelosigkeit, was sie abseits der klassisch modernen Figuren noch so alles kann: Hip-Hop-, Musicalshow-, Bollywood-, afrikanischen Tanz, Standard-Geschiebe und sportive Akrobatik. Die Songs sind Mittel zum Zweck, die eigene Persönlichkeit hinter dem häufig abstrakten Bewegungskanon hervorschillern zu lassen. Drei Arten werden gefeiert, auf die Musik einzugehen. Zu hören ist ZAZ mit „Les Passants“, zu sehen ist Natalie Hona, sie formt aus jeder musikalischen eine körperliche Bewegung, übersetzt Klang in Motion wie ein Seismograph das Beben der Erde in eine Zickzacklinie – nur eben geschmeidiger, fantasievoller: purer Tanz, reine Form.

Andererseits werden auch die Geschichten der Songtexte gespielt. Sehr putzig ist das. „Spiel mir das Lied vom Tod“ erklingt, ein Ballettquartett tritt im Cowboydesign auf und illustriert stummfilmschrill „Rocky Racoon“ der Beatles. Es schließt sich ihr „Mother Nature’s Son“ an: Dabei gibt ein Tänzer den „Country Boy“, hackt Holz mit nacktem Oberkörper auf leerer Bühne, während eine Ballerina die Vorzüge ihres Körpers in allen erdenklichen Posen und Tabledance-Animationen darbietet. Bis der Naturbursche mal einen Blick auf ihren Pöter, in ihre Augen riskiert – und panisch wegläuft, verfolgt von der Verführerin.

Ob nun im Fado-Stil, als Arie, Rockballade, Pop-Petitesse – in getragenen Tempi präsentiert der Abend zumeist als Pas des deux das übliche Aufeinanderzu, Voneinanderweg von Mann und Frau: ein paar Schritte miteinander, dann lieber wieder allein, langsames umeinander Drehen, unermüdlich den Raum (und damit die Beziehung) zwischen sich neu definieren, schließlich kurz gemeinsam Adrenalin- oder Endorphinschübe herbeiwirbeln. Disziplin und Wildheit im steten Clinch. Wenn sich aber mal einer der eitlen, scheuen Herren an eine der eitlen, kratzbürstigen Damen kuschelt, stößt sie ihn gleich wieder zurück, worauf mit exaltierter Armchoreographie in stummer Hektik gestritten wird. Erst im vorletzten Song, Red Hot Chili Peppers’ „Road trippin’“, kommt es mal zu einer angedeuteten Umarmung; zitternd gierige Lippen könnten nun unter Einsatz von Speichel-Schmierstoff innigen Kontakt aufnehmen, aber die Frau fällt einfach um. Er und sie als wir, das wird einfach nichts. Chronisches Scheitern, unterhaltsam anzusehen. Ein Satyrtanzspiel zum „Schattenmann“ der 17 Hippies beendet dieses szenische Liebesgedicht, das bei aller Unterschiedlichkeit im Einsatz von Körper, Raum und Klang durch seine Lust auf Leidenschaft zusammengehalten wird.