Szene aus Roberto Scafatis "Acqua" mit Lorenzo Ruta, Alessio Pirrone, Chiara Rontini, Bogdan Muresan, Daniel Perin, Giorgio Strano, Beatrice Panero und Ceren Yavan-Wagner

Szene aus Roberto Scafatis "Acqua" mit Lorenzo Ruta, Alessio Pirrone, Chiara Rontini, Bogdan Muresan, Daniel Perin, Giorgio Strano, Beatrice Panero und Ceren Yavan-Wagner

© Foto: Ilja Mess
Tanzkritik

Fröhlichkeit aus nachtdunkler Melancholie

von Eckehard Uhlig

Roberto Scafati, Gustavo Ramírez Sansano: Acqua & Recortes

Premiere: 23.11.2017 (Uraufführung)
Theater Ulm
Homepage: https://theater-ulm.de

Musikalische Leitung: Jürgen Grözinger

Bonjour tristesse? Links auf der Bühne ist eine schwarzgrau verhangene Hauswand mit zwei Türen zu sehen, vorn an der Rampe sitzen im Bühnendunkel in schwarze Shirts und lange schwarze Hosen gekleidete Menschen, die sich später zögerlich biegend und windend erheben. In die Mitte gerückt dehnt und schlängelt sich eine Einzeltänzerin, vielleicht eine Person, die angestrengt nachdenklich in ihrer Vergangenheit sucht und wühlt, aus aufsteigenden Gedächtnis-Bruchstücken Zusammenhänge finden will.

Gustavo Ramirez Sansanos Choreographie „Recortes (Erinnerungen)“, die Anfang des Jahres in Münster uraufgeführt wurde und jetzt beim Zweiteiler-Tanzabend im Ulmer Theater zu sehen ist, formt biographische Tanzsequenzen  zu einer monoton ein Thema repetierenden Klavierstimme, zu Klang-Geräuschen, Weltmusik und altbekannten Songs. Die Sequenzen sind der Identität einer Person gewidmet und setzen sich wie ein Puzzle zusammen. Ein zitathaft organisiertes Experiment, dem ein Satz aus Jorge Luis Borges Erzählung „Das unerbittliche Gedächtnis“ als Motto zugrunde liegt: „Wir sind unsere Erinnerungen, ein Gebilde zerbrochener Spiegel“.

Zu sehen sind zaghaft sich in Bewegungs-Strudeln vorwärts tastende Gruppen und Paare, die sich kaleidoskopisch in Momentaufnahmen zu Gedächtnis-Protokollen fügen. Wild umtanzt ein junger Mann die fast statuarisch am Boden verwurzelte, staunende Frau. Paare treten aus den Türen, finden und schütteln sich im Bewegungs-Staccato, straucheln und turnen am Boden. Dann klappt sich das Haus viertürig auf. Jetzt sind die Wände hell ausgeleuchtet, zu Elvis Presleys „Love me tender“ zeigen sich Liebespaare, man versucht sich zu küssen und zärtlich zu berühren, zieht und zerrt aneinander, steckt die Köpfe zusammen, agiert gemeinsam in Reihen und Kreisen. Bald sind die immer wieder neu ansetzenden Akteure weiß eingekleidet. Zuweilen bleibt die Zeit stehen, löst sich in Zeitlupen-Tänzen auf. Schließlich setzt zu Johnny Mathis Song „Wonderful“ mit zunehmendem Tempo ein heiter verspielter Ensembletanz ein, schenkelklopfend sich rasant in eine ausgelassene Revue hineinsteigernd. Die meisten zeitgenössischen Choreographien, die in der Sprache des Tanzes der Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen nachspüren, münden in katastrophale Abgründe. Mit Sansanos Tanzstudie erleben die Zuschauer in einem Crescendo der Stimmungsaufhellungen die umgekehrte Entwicklung, die von nächtlicher Melancholie zu einer strahlenden Fröhlichkeit hinführt.

Auch „Acqua“, das zweite Stück des Tanzabends, eine Uraufführung, präsentiert sich kreativ originell. Der Ulmer Ballett-Direktor Roberto Scafati entführt die Zuschauer zur Percussions- und Playback-Musik von Jürgen Grözinger, dessen umfangreiches Schlagwerk im Bühnenhintergrund vom Komponisten selbst bedient wird, mit seinem Ensemble in die Welt der Wassertropfen. Anfangs gleicht der Bühnenboden einem heiß dampfenden Quell-Tümpel oder Sauna-Wasserbecken, in das von mehreren tief hängenden, hintereinander gestaffelten Theater-Zwischenvorhängen in seidig silbergrau glänzende Hemdchen eingerollte Tänzer herab tröpfeln – ein wunderschönes Tanz-tableau. Zu mehr oder weniger lautstarken, zuweilen auch sanften Percussions-Rhythmen, die wie eine Wasserpumpe zur Bewegung antreiben, wirbeln später die tanzenden Tropfen.

In einem neuen Bild, das sich anscheinend zu einer buddhistischen Tempel-Zeremonie ausweitet, tauchen die Tänzer aus dem Urgrund (des Orchestergrabens) mit gläsernen Wasserschalen empor, in denen brennende Lichtkerzen schwimmen. Karyatiden gleich tragen die Protagonisten ihre Schalen feierlich über dem Kopf zur heiligen Handlung. Oder führen kniend zu dröhnenden Schlägen der Gongs plätschernd liturgische Handwaschungen aus. Dann folgen zu hämmernden Buschtrommeln irrwitzig bizarre Höhepunkte wild sprudelnder Tanzfreude und als Kontrapunkt ein mit hängenden Schultern gebeugtes, zerfließendes, ermüdet schreitendes Abtauchen der Tanzgruppen.

Eine choreographische Meisterleistung ist Scafati im lustigen Schlussbild gelungen. Zu strömendem (echten) Schnürles-Regen vom Bühnenhimmel herab klitscht ein zunächst sich in Pas de deux-Bilderbuchposen ergehendes Tanzpaar gleitend am gewässerten Boden, spritzt und patscht liegend bis auf die Haut durchnässt: die orgiastische Vermählung mit dem Element, aus dem alles Leben kommt. Ein spannend unterhaltsamer, sehenswerter Ballett-Abend in Ulm.