Rei Okunishi in "Der Tod und das Mädchen" am Theater Regensburg

Rei Okunishi in "Der Tod und das Mädchen" am Theater Regensburg

© Foto: Jochen Klenk
Tanzkritik

Variationen auf die Vergänglichkeit

von Vesna Mlakar

Yuki Mori / Fabien Prioville: Der Tod und das Mädchen / Les petites choses qui disparaissent

Premiere: 26.10.2018 (Uraufführung)
Kompanie Theater Regensburg Tanz
Homepage: https://www.theater-regensburg.de

Kein Kontrast ist größer als zwischen Leben und Tod. Hier holte sich Yuki Mori, Leiter der Regensburger Tanzsparte, die Anregung zu seiner ersten Spielzeitpremiere von Franz Schuberts thematisch wohl bekanntestem Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ und erweiterte die Drastik im Spannungsbogen noch um den Aspekt der Jugend. Etwas, das bestens zur Kunstform Tanz passt. Denn die Interpreten schöpfen in erster Linie Kraft aus ihrer dynamischen Gelenkigkeit, konditionellen Ausdauer und ihrer Persönlichkeit. Wunderbar stücktragend im Ausdruck: Rei Okunishi als Hauptfigur im ersten Teil der sinnlich und emotional berührenden Tandem-Uraufführung der Kompanie von Theater Regensburg Tanz. Die künstlerische Beschäftigung mit dem aktuellen Spielzeitmotto des Hauses „Kontraste“ offenbarte am 26. Oktober im Regensburger Velodrom einmal mehr das Gespür Moris, den richtigen choreografischen Partner als Gast für seine über inhaltliche Grundfragestellungen verlinkten Doppelabende einzuladen. Schon im vergangenen Jahr – Moris fünftem als Ballettchef der zehnköpfigen Truppe – forderten seine beiden Premierenabende „Shakespeare Dreams“ und „BilderRausch: Klimt.Bacon“ Tänzer wie Publikum durch eine im Kanon der Stadttheater-Programme ungewöhnlich ambitionierte, in die Theater- und Kunstszene überlappende Themenwahl heraus. Gemeinsam mit dem Franzosen Fabien Prioville ist es nun erneut gelungen, nicht nur die Arbeit eines in Bayern weitgehend unbekannten Kollegen vorzustellen, sondern auch mit dem Topos Endlichkeit und Verlust ein Sujet aufzugreifen, das ausnahmslos jeden betrifft.

Es knallt. Das Mädchen im schwarzen, es sackartig umhüllenden Kleid (Kostüme: Louise Flanagan) beginnt heftig, die Hände aneinandergepresst, mit den Armen vor sich zu rudern. Ein Pochen und Atmen, das Seufzen eines Windes erfüllt den vernebelten Raum. Im diffusen Licht sind weitere Gestalten, drei Tische und unzählige Türen in rollenden Spiegelrahmen (Bühne: Monika Frenz) zu erkennen. Vielleicht ist es genau der Moment, in dem das Leben mit dem Tod ringt.  Rei Okunishi fährt mit ihrem Solo fort. Sie springt auf den Tisch in der Mitte und rutscht darunter hindurch. Immer wieder stoppen ihre Füße, breitbeinig eingeknickt, wie am Boden festgenagelt, während oberhalb der Hüfte ihr gesamter Körper noch weiter zur Seite, nach hinten oder vornüber schwingt. Das Orchester vom Band spielt Kompositionen von Ezio Bosso, deren minimalistischer Drive auch die restlichen, wiederholt mit den mobilen Türelementen verschmelzenden Tänzerinnen und Tänzer durch kurze Paar- oder Gruppenformationen treibt.

In Erinnerung bleiben starke, meist flüchtige Momente, darunter Okunishis Versuche, Richtung Publikum auszubrechen. Doch stets ist jemand zur Stelle, um ihre Anläufe, der tödlichen Bedrohung zu entkommen, reflexartig abzufangen. Mori klammert die Angst zu sterben keineswegs aus. Statt eines Sensenmannes symbolisiert ein großes schwarzes Tuch den Tod. Seine Interpreten halten es, lassen ihr Menschsein darunter verschwinden und umwickeln, ja greifen nach dem Mädchen einer unsichtbaren Macht gleich. Farben kommen in dieser Produktion erst ins Spiel, als sich die Einstellung der zentralen Figur ändert. Ihr Oszillieren zwischen Dies- und Jenseits wird reicher durch Begegnungen mit Menschen und Situationen aus der Erinnerung. Szenische Momente mit Schirm und Koffer, Freude über einen leuchtend blauen Blumenstrauß, Posen für eine Fotografie oder ein Bad inmitten eines von vier Tänzerinnen herumgedrehten Stoffquadrats mindern die atmosphärisch von Beginn an vorherrschende schmerzvolle Düsternis. Vergleichbar einem Dichter, der Worte gegen bewegte Bilder getauscht hat, lässt Regensburgs Chefchoreograf in Abgründe blicken. Er kann das gut, wird nie zu plakativ. Vor allem aber weiß er seine Interpreten so zu führen, dass man ihnen glaubt: Passagen der Gefühllosigkeit ebenso wie den präfinalen Umschwung in eine plötzlich glückbehaftete, fast erleichterte Verspieltheit. Bemerkenswert!

 

Fabien Priovilles subtile tänzerische Abhandlung über „Die kleinen Dinge, die verschwinden“ („Les petites choses qui disparaissent“) ließ die Zuschauer dagegen schmunzeln und staunen. Er wurde am Centre National de Danse Contemporaine im französischen Anger ausgebildet und tanzte in Édouard Locks kanadischer Kompanie La La La Human Steps und bei Philippe Blanchard in Stockholm. Seit 2006 ist er freischaffend tätig und koproduziert eigene Choreografien für seine 2010 gegründete Tanzgruppe häufig mit dem tanzhaus nrw.

Dass er ab 1999 sieben Jahre Mitglied in Pina Bauschs Tanztheater Wuppertal war, erklärt den performativen Charakter seines Stücks. Außerdem vermag nur so jemand eine derart herrliche Reihung hinzubekommen wie die am Schluss, wenn Tänzer hinter Tänzer – über ein zu Röcken gefaltetes Tuch miteinander verbunden – synchron die Köpfe schwenken und mit kleinen Moves langsam vom Platz wogen. Aus Schuberts „Tod und Mädchen“-Streichquartett mischt sich lediglich Track 13 der Aufnahme von Tomoko Usawa ins klangliche Komposit, neben weiteren Einspielungen von Hilary Hahn und Hauschka, Alessandro Scarlatti (Gesang: Cecilia Bartoli), Charlemagne Palestine und David Coulter. Bühnenbild und die ineinanderfließenden Szenen greifen dabei so gut wie alle Requisiten des Vorgängerstücks auf.

Bevor es richtig losgeht mit dem Tanzen, ist erst mal Aufräumen angesagt. In leicht angeschmutzter Kluft, die entfernt an Handwerker erinnert, betritt das Ensemble den Ort des Geschehens. Man vernimmt Pfeifen und Gitarrenklampfen. Türen werden ausgehängt, die Rahmen zur Seite geschafft. Und ehe man sich versieht, verknüpft das schwarze Tuch Mann und Frau zu einer Skulptur. Einem Gemälde von Magritte gleich, hängt einer Tänzerin plötzlich die Blumenvase am Handgelenk. Prioville fordert unsere Vorstellungskraft heraus. Highlight der surrealen Passagen ist ein grandioses Flirt-Duett. Tommaso Quartani und Simone Elliot wechseln sich dabei, perfekt in ihrem Timing, mit dem Rausstrecken ihrer Zungen ab. Dazu spulen sie ein Kaleidoskop emotionaler und hormongesteuerter Empfindungen ab. Sie lassen uns ihre Nacktheit unter den Kleidern sehen und turteln achsensymmetrisch am Boden weiter. In den Köpfen der Zuschauer macht es schließlich „autsch“, als Elliot ihre imaginäre Zigarette an der Schulter des Partners ausdrückt. So funktioniert Kunst.

Was genau Priovilles Darsteller suchen, wenn sie kriechend den Boden mit Augen absuchen, wird nicht aufgelöst. Doch die Tänzer versichern sich ihrer Präsenz mit Blicken in eine riesige Spiegelscherbe. Als sie mit langen Holzstäben zu einer Feldsuche aufbrechen, liegt einer der Akteure leblos im Hintergrund. Ob es eine andere Seite gibt, fragt eine Stimme aus dem Off. Ursachen oder Krankheiten werden bewusst nicht beim Namen genannt, sie würden die einfallsreichen Verfremdungen auch nur entzaubern. Je weiter die Choreografie fortschreitet, desto mehr gewinnt man den Eindruck, sie könne der Anfang vom Ende des ersten Teils sein. Variationen auf die Vergänglichkeit und das Verlieren von Dingen oder Leben. Dass Abschiede stets Neuanfänge in Gang setzen, sollten wir uns einfach öfter klarmachen.

Am 16. Februar 2019 wird Yuki Mori sich aus persönlichen Gründen mit einer abendfüllenden Tanzadaption von Choderlos de Laclos‘ „Gefährliche Liebschaften“ von Regensburg verabschieden. Ein angekündigter Verlust – für Ballettchef und Theater gleichermaßen. Hängen Input und Aussage des Saisonauftakts womöglich damit zusammen? Am Schluss von „Der Tod und das Mädchen“ hat Moris Hauptprotagonistin Rei Okunishi beherzt die Mitteltür der Bühnenrückwand geöffnet. Ihr Weg führt – wie das sprichwörtliche Ende eines jeden dunklen Tunnels – ins Licht. Und auch in Schuberts Musik, die das halbe Stück klanglich begleitet hat, schwingt etwas Tröstliches mit.