Das "Weihnachtsoratorium" von John Neumeier als Gesamtwerk

Das "Weihnachtsoratorium" von John Neumeier als Gesamtwerk

© Foto: Holger Badekow
Tanzkritik

Lebensreise

von Andreas Berger

John Neumeier: Weihnachts-Oratorium I-VI

Premiere: 08.12.2013 (Uraufführung)
Hamburg Ballett
Homepage: http://www.hamburgballett.de

Komponist: Johann Sebastian Bach

So tanzen Engel. Wenn Alexandr Trusch und Silvia Azzoni in klassischen Figuren und weißem Balletttrikot über die Bühne wirbeln, ist Weihnachten. Mit präzis platzierten Drehsprüngen, Entrechats und den Händen wie zum Ausrufen am Mund, verkündet Trusch die frohe Botschaft. Und auf Spitze umtrippelt Azzoni die junge Mutter. So macht John Neumeier in seiner Choreographie des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach die Brillanz der klassischen Bewegungssprache zum Ausdrucksmittel überirdischer Freude und Beglückung. Eine ansteckende Freude, denn die Compagnie fällt zum “Jauchzet, frohlocket“, äußerst flott vorgebracht von den Hamburger Philharmonikern und dem Staatsopernchor unter Alessandro de Marchi, in diesen Wirbel ein. Das wird schon fast Hip-Hop, wenn sie ausgelassen und im eckigen Staccato die klassischen Positionen durchtanzen, kreiseln und springen.

Doch nicht immer sind die Menschen dazu fähig. Der Weg zu so paradiesischer Freude ist ein ständiges Ringen. Neumeiers Compagnie startet als Volk auf der Reise, wie jeder Mensch, mit Koffer und Mantel, brabbelnd und im Alltag befangen. Lloyd Riggins mimt darin den Mann mit dem Christbaum, der festhält an seiner merry little christmas, auch wenn man ihm die Kugeln im Gedränge zerbricht. Und der sich dem jungen Paar (Anna Laudere und Edvin Revazov) zuwendet, das ein Kind erwartet. Auf seiner Insel über dem Orchestergraben bekommen sie einen Ruheplatz. Bach- und Bibelkenner werden darin Maria und Josef erkennen, Neumeier nennt sie einfach die Mutter und ihren Mann, denn seine Interpretation der Weihnachtsgeschichte zeigt ganz allgemein die Begegnung des Weltlich-Alltäglichen mit dem Außergewöhnlichen, Lebensverändernden, Ästhetischen.

Den Kontrast zwischen diesen beiden Sphären hat Neumeier im zweiten Teil seiner Oratoriums-Choreographie nochmal verschärft. Denn Bachs Teile IV bis VI handeln vom Neujahrstag, von der Beschneidung Christi als erstem Blutvergießen und den drei Weisen aus dem Morgenland. Und so startet er nach der Pause mit Silvester: 12 Glockenschläge, und Riggins bläst an seinem einsamen Christbaum Papierschlangen in die Luft. Und gerät unter die Festtaumelnden. Während die Mutter auf dem weißen Hemd, das für das Neugeborene steht und an das Hemd Christi aus Neumeiers Ballettfassung der „Matthäuspassion“ denken lässt, ein rotes Kreuz entdeckt. Das Blut der Beschneidung als Vorbote der Kreuzigung, das hat Neumeier klug gedeutet. Ausstatter Ferdinand Wögerbauer arrangiert darüber noch zwei Flächen zum Kreuz, etwas überdeutlich, obwohl er sonst sehr schön mit der Symbolik abstrakter Formen arbeitet. Doch fürs Erste feiern wir Weihnachten, und die Engel verwickeln die Mutter in einen Pas de trois, bei dem sie mehr und mehr in die Freude über das Kind gezogen wird. Und vielleicht kommen sich das Irdisch-Natürliche und das Wunderbare wirklich nirgends näher als in der Geburt eines Menschen.

Andere fasziniert nur die Macht. Herodes etwa, bei Neumeier „der König“ genannt, ein Usurpator, der nach jeder Krone greift, und sei es Riggins’ Papierkrönchen, nach dem höchsten Stuhl und sogar nach dem Christstern vom Baum. Dario Franconi trägt sonst nur einen schlichten Anzug und schleicht sich mit Tango- und Wechselschritt an, ein Businessman, der alle in die Stereotypie des Gesellschaftstanzes bannen will. Doch zum Glück sind die heiligen drei Könige bei Neumeier echte Weise. Und wahre Traumtänzer, die mit ihren Pluderhosen halbnackt unterm Sternenhimmel liegen, mit gestreckten Armen bedeutungsvoll herumzeigen und mit ebenso gestreckten Beinen rücklings auf dem Stuhl weite Kreise beschreiben. Marc Jubete, Sasha Riva und Thomas Stuhrmann mit cooler Sonnenbrille machen aus den Weisen magische Lebenskünstler. Eine wunderbare Idee.

Aber es bedarf dann wieder des Weihnachtsfreundes Riggins, der praktisch genug ist, um das gefährdete Paar mit dem Baby zu retten: Mit seinem Mantel schickt er sie fort. Die Lebensreise geht weiter. Die Sicherheit des letzten Schlusschors von Bach: „bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht“, kappt Neumeier. Stattdessen wiederholt er das „Jauchzet, frohlocket“ des Beginns, diesmal noch ausgelassener getanzt, klassische Tours en l’air und Entrechats und Hebungen munter durchmischend mit Purzelbaum und Steppschritt. Vielleicht ist für einen Choreographen eben nichts paradiesischer als solch freier ungezügelter, gleichwohl technisch brillanter Tanz.

So gelingt Neumeier am Ende beiderlei: Die Geschichte einer, unser aller Lebensreise zu erzählen und aufzuladen mit Erfahrungen der Zuwendung sowie Aufblendungen wundersamer Freude, die man auch religiös verstehen kann, aber nicht muss. Prägnant charakterisiert er das durch verschiedene Bewegungssprachen: Tanztheater für Volk, Maria, Josef; Klassik für die Engel; Gesellschaftstanz für die machthabende Society. Übergänge gibt es stets, etwa wenn Josef im Duett mit dem Engel dessen Bewegungen doppelt, also etwas von dessen fröhlicher Zuversicht aufnimmt und so zu Maria stehen kann. Übergänge auch zum Publikum, das sich freudig erheben lässt von dieser Premiere und vielleicht noch etwas bewegter in diese Weihnacht geht. Bravos, Ovationen.