John Neumeiers "Tatjana"-Uraufführung in Hamburg

John Neumeiers "Tatjana"-Uraufführung in Hamburg

Hélène Bouchet (Tatjana), Edvin Revazov (Onegin)

© Foto: Holger Badekow
Tanzkritik

Träumerei

von Bettina Weber

John Neumeier: Tatjana

Premiere: 29.06.2014 (Uraufführung)
Hamburg Ballett John Neumeier
Homepage: http://www.hamburgballett.de/d/index.htm

Komponist: Lera Auerbach
Musikalische Leitung: Simon Hewett

Nachdem die Tanzwelt in der letzten, der Jubiläumsspielzeit des Hamburg Balletts, nicht mehr als eine Neuproduktion von John Crankos „Onegin“ sehen durfte, wurde der Durst nach neuen Kreationen in dieser Spielzeit wieder gestillt: Erst die Komplettierung des „Weihnachtsoratoriums“ mit der Uraufführung aller Teile von I-VI, nun also „Tatjana“ zur Eröffnung der 40. Hamburger Ballett-Tage. Mit ganz grundsätzlichen Neugedanken zur Vorlage – dem Vers-Roman Puschkins – löst sich Neumeier hierfür von der untrennbar mit John Cranko verbundenen „Onegin“-Version: Er beauftragte die russisch-amerikanische Komponistin Lera Auerbach mit der Komposition einer eigenen Musik, die als Koproduktion mit dem Stanislavsky und Nemirovich-Danchenko Musik-Theater Moskau entstand, und er stellt die weibliche Protagonistin Tatjana in den Mittelpunkt. Außerdem hebt er das Stück aus der historischen Einbettung und schickt die Figuren über variierend-assoziative Kostüme in ganz unterschiedliche Zeiten. Wenn ihn also offenbar die alten Stoffe auch nicht ganz loslassen, so hat er jedenfalls mit dieser Produktion Crankos Ballettklassiker eine neue, vielfarbige choreographisch-musikalische Schöpfung zur Seite gestellt.

Durch den Fokus auf die emotionale und phantasiebetonte Tatjana, zunächst von Onegin Abgewiesene und später vergebens von ihm Umworbene, gewinnen die Traumsequenzen verstärkt an Bedeutung. Die Trennung der Handlungs-Bilder wird damit locker aufgebrochen. Die Inszenierung beginnt mit Vorahnungen des Duells, in dem Onegin später den Bräutigam von Tatjanas Schwester, seinen besten Freund Lensky, erschießen wird. Auch in der Folge gehen Traum und Wirklichkeit der Handlung immer wieder fließend ineinander über – eine Wirkung, die auch durch die flexiblen Einzelareale des Bühnenbilds von Andreas Weiland und Jörn Fischer, zigfach verschoben im Laufe des rund zweieinhalbstündigen Abends, erreicht wird. Damit lässt Neumeier einzelne Handlungsstränge freier ineinander übergehen und erschwert einerseits vielleicht den Zugang zur Handlung, wird aber andererseits auch der selbst erkorenen Hauptfigur gerecht. Da Tatjanas Träume stets Vorahnungen für die zukünftige Handlung beinhalten, werden sie konsequenterweise maßgeblicher Taktgeber für die Choreographie. Mit bekannter Formenvielfalt in den Pas de Deux zeigt Neumeier Onegins dandyhaftes Leben, Tatjanas Liebesgeständnis, die Abfuhr durch Onegin, die Eifersucht Lenskys auf Onegin, das Duell beider, und schließlich – allerdings auch in mitunter sehr großzügiger Ausführlichkeit – im zweiten Teil des Abends die große Wandlung der Hauptfiguren. Tatjana, inzwischen fürstlich verheiratet, wird nun, viel zu spät, von Onegin umworben. Obwohl sie ihn liebt, bleibt sie ihrem Mann treu, weist ihn schließlich nach langem Ringen ab. Diesen Höhepunkt der Handlung forciert nicht nur die Choreographie, er wird insbesondere durch die virtuos-sensible Komposition Lera Auerbachs großartig vorbereitet. Dazu tanzt das Ensemble, unter anderem mit Edvin Revazov (Onegin), Carsten Jung (Prinz N.) und Alexandr Trusch (Vladimir Lensky), überaus phantasiereich.

Und doch ist da ein Wehrmutstropfen: Diese Tatjana wirkt äußerlich viel weniger stark, als es Neumeiers Interpretation der Figur erwarten lässt. Ihre Stärke gewinnt sie offenbar lediglich aus ihrer geistigen Tiefgründigkeit und emotionalen Intelligenz, nach außen aber zeigt die Choreographie eine bis zuletzt zerbrechlich-zarte Protagonistin. Hélène Bouchet tanzt sie allerdings mit einer solch grazilen Unbedingtheit, mit so viel Mut zur Darstellung und Kraft für jedes Detail, dass man schnell vergessen kann, welche Erwartungen überdies an Neumeiers Ausrichtung der Figur zu knüpfen gewesen wären. Am Ende schenkten die Hamburger ihrem Ballett-Direktor Standing Ovations.