Screenshot der HAU-Homepage

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© Foto: HAU - Hebbel am Ufer Berlin
Tanzkritik

Banal und doch berührend

von Frank Weigand

Johannes Wieland: Show to be true

Premiere: 03.03.2018
HAU - Hebbel am Ufer, Berlin
Homepage: http://m.hebbel-am-ufer.de/programm/programm/alphabetisch/johannes-wieland-dance-on-extended-show-to-be-true/

Fünf in schwarz gekleidete Gestalten schreiten gravitätisch durch das Bühnendunkel, drehen sich zum Publikum und fixieren die Zuschauer mit herausfordernd spöttischen Blicken. Rechts im Hintergrund steht leicht gebückt und regungslos ein nackter tätowierter Hüne mit Nerdbrille. Unter wummenden Keyboardklängen schält sich eine siebte schwarze Silhouette aus den Schatten: ein glatzköpfiger, diabolischer Zermonienmeister – offenbar mit einer starken narzisstischen Störung. Kichernd, grinsend und boshaft züngelnd formiert er seine Spießgesellen rund um den Nackten, der abwechselnd gestreichelt und zu Boden gekippt wird, und lässt sie für grimassierende Gruppenbilder posieren.

Bereits nach wenigen Augenblick scheint der ästhetische Horizont von Johannes Wielands 50-minütiger Choreographie „Show to be true“ abgesteckt: Es geht ganz offensichtlich um die Mechanismen des Spektakulären im Allgemeinen und die Illusionsstrategien des Individuums im Besonderen. Die Zutaten – Perücken, Selbstentblößung und Mikrophone – stammen aus der guten alten 90er-Jahre- Mottenkiste des Physical Theatre. Dramaturgisch ist genau dies Programm: Rätselhafte Gruppenszenen, kollektive Rasereien, ein oder zwei anrührende Solostellen und immer wieder der penetrante Blick durch die vierte Wand in den Zuschauersaal, der ganz zum Abschluss mit einer kompletten Scheinwerferwand geblendet wird. Hätte der Chef der Tanzsparte des Kasseler Staatstheaters diese himmelschreiend banale, unbeholfen geheimnisvolle Tiefe behauptende Arbeit mit einem Ensemble von Tänzern im „normalen“ Bühnenalter zwischen 25 und 35 realisiert, bräuchte man über „Show to be true“ kein weiteres Wort mehr zu verlieren. Da es sich aber um ein Auftragswerk für ein gemeinsames Projekt des schwedischen Company Age on Stage und des Berliner Ensembles Dance On handelt, die beide mit Interpreten ab 45 arbeiten, gerät die Choreographie letztendlich doch noch zu einer verqueren Hymne an die Würde und Erfahrung ihrer Performer.

Dance On wurde vor drei Jahren auf Initiative der Kulturmanagerin Madeline Ritter gegründet und versammelt seitdem acht Tänzer, die sich altersmäßig eigentlich längst am Ende einer internationalen Karriere befinden müssten. Im Rahmen des Europa-Projekts Dance On, Pass On, Dream On hatten fünf von ihnen - Companychef Christopher Roman, Brit Rodemund, Jone San Martin und Ty Boomershine – gemeinsam mit Charlotta Öfverholm, Jan-Erik Wikström und Rafi Sady von Age on Stage fünf Wochen lang unter der Leitung von Wieland in Nordschweden improvisiert und gemeinsam ein Stück entwickelt. Auch wenn es dem fertigen Resultat nicht gelingt, die Mischung aus Fragilität, leisem Humor und körperlicher Lebenserfahrung plastisch zu machen, die alle sieben Interpreten auszeichnet (der Schwede Wikström fiel leider wegen Krankheit aus), so besticht dennoch die Mischung aus Körpereinsatz und heiterer Distanz, mit der sich die Tanzsenioren in die teilweise absurden Vorgaben hineinwerfen. Die pure physische Präsenz von Frédéric Taverini, der augenzwinkernd queere Charme des bärtigen Ty Bomershine und die Beweglichkeit und Ausdruckskraft von Brit Rodemund, die zwischen Elfe und gliedmaßenschleuderndem Zombie hin und her oszilliert, sind allein schon den Besuch der Vorstellung wert. Bezeichnend ist jedoch, dass die Tänzer trotz und nicht wegen der Choreografie überzeugen.

Die Aufführung war Teil eines mehrtägigen Festivals, das einerseits dem alternden Körper im Tanz und andererseits dem Schaffen des Dance On-Ensembles gewidmet war. Da dafür eigens von Berühmtheiten wie William Forsythe, Rabih Mroué oder Ivo Dimchev Stücke entwickelt wurden, liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei Wielands „Show to be true“ lediglich um einen bedauerlichen Ausrutscher handelt – eine Art Workhop-Showing, das im Grunde nicht auf die große Bühne gehört hätte.