Ensembleszene aus Christopher Wheeldons "Alice im Wunderland" am Bayerischen Staatsballett

Ensembleszene aus Christopher Wheeldons "Alice im Wunderland" am Bayerischen Staatsballett

© Foto: Wilfried Hösl
Tanzkritik

Krönung der Saison

von Vesna Mlakar

Christopher Wheeldon: Alice im Wunderland

Premiere: 03.04.2017 (Deutsche Erstaufführung)
Bayerisches Staatsballett, München
Homepage: https://www.staatsoper.de

Komponist: Joby Talbot, Nicholas Wright
Musikalische Leitung: Myron Romanul

Es gibt Produktionen, da lässt man die spitze Kritikfeder am besten stecken. Christopher Wheeldons sechs Jahre alte Ballettkreation „Alice im Wunderland“ zählt hierzu. Sie ist zu phantastisch – und in ihrer stilübergreifenden Vielschichtigkeit, multimedialen Verschränkung, dramaturgischen Cleverness nebst unglaublicher Detailfülle unmöglich auf Anhieb voll erfassbar. Dabei hat der 44-jährige Engländer seine Adaption der irrsinnigen Abenteuer aus Lewis Carrolls 1865 veröffentlichtem Kinderbuch-Klassiker völlig realistisch-logisch entwickelt: Die Zeitreise der Titelfigur durch traumwandlerisch-bizarre Welten beginnt bei einer familiären Gartenparty viktorianischen Zuschnitts.

Die Szene erinnert in ihrer tanzeloquenten Machart an die Handlungsballett-Granden des Londoner Royal Ballet: Frederick Ashton und Kenneth MacMillan. Wheeldon und sein für die bombastisch-einfallsreiche Ausstattung verantwortliches Team versammeln hier sämtliche handlungstragenden Figuren. Choreographisch genial gespickt mit vielen Kostüm- und Requisitenideen, die einerseits auf den Fortgang der Geschichte hinweisen, andererseits das Publikum an unzählige, liebevoll im Set herausgearbeitete britische Traditionen (wie gerahmte Stickbilder oder papierene Poesiealbumbögen) erinnern. Angesichts wackelnder Süßspeisen und einem Bayerischen Staatsballett in Bestform gehen einem schon in den ersten 20 Minuten die Augen über.

Der Magier unter hoch aufgerollten Locken ist Münchens Shooting-Star Jonah Cook. Bei seinen crazy Hutmacher-Shownummern ist er später richtig gut auf klackernden Steppschuhen unterwegs – zu Joby Talbots tickender, schlagwerkreicher und eigens für dieses Werk komponierter Musik. Beim Entree des Radschas mit Harem-Entourage lernt man Ensemblemitglied Henry Grey näher kennen. In seinen butterweichen Rückenwindungen schlummert Carrolls Dope qualmende Raupe. Als solche treibt er Alice im 2. Akt mitten in eine psychedelische Selbsterfahrung hinein. Was so aussieht, dass sich die herrlich natürlich agierende Ballerina in ein großes Ensembletableau aus neoklassisch herumwirbelnden Paaren stürzt. Ihr erster Versuch, in diesen verwunschenen Garten zu gelangen, scheitert an einem viel zu winzigen Türchen.

Sogar die Erfahrung des Wachsens und Schrumpfens lässt Wheeldon seine Hauptprotagonistin mit Hilfe von Perspektivwechseln und Theatereffekten austanzen. Dass Alice und Jack, der Sohn des Gärtners sich mögen, wird in einem neckischen Pas de deux erzählt. Maria Shirinkina und Vladimir Shklyarov – exzellente Premierenbesetzung der nahezu durchgehend präsenten Hauptfigur und des von Häschern gejagten Herzbuben – laden ihre Begegnung zum Hinschmelzen schön mit dem pubertären Aufflammen einer ersten Liebe auf.

Doch so ein im 19. Jahrhundert unziemliches Techtelmechtel, bei dem das verliebte Paar Rose gegen Keks (zwei der immer wiederkehrenden Leitobjekte) tauscht, duldet die resolute Mutter nicht. Sie bezichtigt den Burschen des Diebstahls und lässt, indem sie ihn feuert, bereits Züge ihres imaginären Alter Ego aufscheinen. In diesem Part der dominanten High-Society-Lady und gnadenlosen Herzkönigin triumphiert mit mimisch-royalem Furor Séverine Ferrolier. Man könnte meinen, Wheeldon hätte ihr seine Parodie auf das Rosenadagio aus „Dornröschen“ auf den Leib choreographiert, bei dem sie die zwangsverpflichteten Kavaliere mit Kopfnüssen und Exekutionsdrohungen herumkommandiert. Eingepfercht in einen rollenden Herzpanzer oder nicht: Ferrolier ist die Komik-Queen auf Spitzen.

Ihr zur Seite agiert Norbert Graf. Obwohl nur mit der Nebenrolle des ewig fügsamen Gatten und Strumpfhosenkönigs betraut, offenbart der Münchner Kammertänzer, welch‘ großartiger Charakterdarsteller in ihm steckt. In der turbulenten Gerichtsverhandlung des 3. Akts sieht sich der Zuschauer deshalb mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert: entweder das wahnwitzige Dialogspiel zwischen den beiden weiterzuverfolgen oder sich dem – in vollendeter künstlerischer Harmonie schwelgenden – Traumpaar Shirinkina/Shklyarov hinzugeben.

Javier Amo, der den mit Alice‘ Familie befreundeten Schriftsteller Lewis ideal verkörpert, hat den Auslöser seines Fotoapparats gedrückt. Und schon verschieben sich in Wheeldons grandioser, von Herausforderungen für Tänzer und Technik strotzender Ballett-Show optisch und musikalisch die Realitätsgrenzen. Ruckzuck wird Amo auch gestisch zum weißen Kaninchen und entführt Alice durch einen filmisch animierten Zaubertunnel. Wer sich nicht amüsiert bei den köstlich-virtuosen Duetten von Fisch und Frosch (Marco Arena, Konstantin Ivkin), dem um die Farbe der Rosenstöcke besorgten Gärtnertrio (darunter Ensembleneuzuwachs Alexander Omelchenko), den zum Croquet auf Spitzenschuhen hineinstolzierenden, dann in Form von Handpuppen tanzenden Flamingos oder bei der gruseligen (musikalisch Prokofjews „Danse infernale“ nachempfundenen) Küchenschlacht, in der sich Matej Urban als Herzogin und Mia Rudic als mordlustige Köchin in schwarzem Humor nur so suhlen, dem ist nicht zu helfen. Wheeldons riesige Grinsekatze muss einfach alle Herzen erobern.