Multimediales Zeitgemälde

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"Golden House" nach Salman Rushdie am Theater Erlangen

© Foto: Jochen Quast
Schauspielkritik

Wenn der Joker Präsident wird

von Florian Welle

Salman Rushdie: Golden House

Premiere: 27.10.2018 (Uraufführung)
Theater Erlangen
Homepage: http://www.theater-erlangen.de

Regie: Thomas Krupa

300 Jahre Markgrafentheater. Die diesjährige Spielzeit steht in Erlangen ganz im Zeichen des Jubiläums. 1719 ließ Georg Wilhelm von Brandenburg-Bayreuth das heute denkmalgeschützte Schmuckkästchen errichten, das als das älteste bespielte Barocktheater in Süddeutschland gilt. Insofern passt der Titel des Stückes, mit dem das Theater bereits seine zweite Uraufführung innerhalb einer Woche stemmt – letzte Woche ging es in „Reset:Earth“ um den Klimawandel –, nur allzu gut zu den Feierlichkeiten: „Golden House“. Denn ein solches ist der markgräfliche Bau mit all dem Prunk und Gold ja wirklich. Umso stärker aber fällt dann der Kontrast zu der Inszenierung nach dem gleichnamigen Roman von Salman Rushdie aus, für die Thomas Krupa verantwortlich zeichnet.

Das Bühnenbild ist nämlich von Anfang bis Ende alles andere als prächtig und strahlend. Im Gegenteil. Wenn nach einer gefühlten Ewigkeit, in der man im Dunkeln sitzt und der Inaugurationsrede von Barack Obama lauscht, sich endlich die Bühne ein wenig erhellt, sehen wir nur auf dunkelgraue Podien. Dort hocken die überwiegend schwarz gekleideten Darsteller und warten im Dämmerlicht auf ihren Auftritt. Hinter ihnen eine Leinwand, auf ihr zu sehen: eine total verdreckte amerikanische Flagge. Kein Rot, kein Blau, kein Weiß, nirgends. Die Decke ist ebenfalls von einer Leinwand überspannt, dort läuft ein schwarz-weißes Filmchen mit wehenden Bäumen.

Von der ersten Sekunde also ist klar, dass dieser Abend eine triste Untergangsgeschichte erzählt. Die Bühne erinnert an eine Gruft. Oder eben an ein Haus nach einem verheerenden Brand. Im Zentrum von „Golden House“ steht ein 70jähriger, verwitweter Mafioso, der mit seinen drei Söhnen aus Indien nach Amerika emigriert ist und in einer Villa in New York residiert. Sein neuer Name, den er sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gegeben hat: Nero Golden. Nero nach dem römischen Kaiser, der angeblich Rom in Brand gesteckt hat. Wenn einer aber Nero heißt, weiß man bereits, wie alles enden wird. Und so kommt es natürlich zum Schluss auch zum großen Feuerknall, nachdem zuvor bereits die Söhne Petronius, Apuleius und Dionysos Golden aus verschiedenen Gründen das Zeitliche gesegnet haben. Natürlich sind auch diese Namen kein Zufall. Petronius spielt auf den Verfasser des Romans „Satyricon“ an, Apuleius auf den des „Goldenen Esels“. Und Dionysos ist der Gott des Weins und der Ekstase. Dazwischen geistert noch die Russin Vasilisa umher, Nero Goldens junge Geliebte und spätere Ehefrau, sowie zwei Erzählerfiguren: Das Filmemacherpärchen René und Suchitra, das hier den ganz großen Kinostoff wittert.

Thomas Krupa hat in Erlangen nicht nur Regie geführt. Von ihm stammt auch die Bühnenfassung des 500 Seiten starken Romans, der im vergangenen Jahr erschienen ist und in dem Rushdie ein Panorama Amerikas der letzten zehn Jahre entfaltet. Die Klammer dabei ist der Wechsel der amerikanischen Präsidentschaft von Barack Obama zu Donald Trump. Letzterer ist nicht nur ein durch und durch destruktiver Politiker, sondern hat bekanntlich auch ein Faible für Gold, Gold, Gold. „Golden House“ ist Rushdies Kommentar zu unserer populistischen „America First“-Gegenwart. Etwas zu symbolhaft platt taucht Trump am Ende des Romans sogar selbst auf, verfremdet in der Gestalt des Jokers, also jenes wahnsinnigen Schizo-Gegenspielers von Batman. Die Tagespolitik ist aber nur ein Strang des thematisch überbordenden Buches. Es ist auch Familienroman, Love Story und Mafiageschichte und verhandelt von Identitätsfragen über Kolonialgeschichte und Terrorismus bis zur Genderthematik so gut wie jedes Thema, das derzeit virulent ist. Sprachlich und stilistisch ist das alles, wie immer beim Fabuliermeister Rushdie, großartig in Szene gesetzt. Mäandernde Satzgirlanden hier, Vor-, Rück- und Zwischenblenden dort. Ein Verfahren, das ganz bewusst an Filmtechniken angelehnt ist. Nachteil aber ist, dass viele Figuren kaum an Kontur gewinnen, lediglich Ideenträger sind und bloß behauptet werden. Zudem ist das ständige Namedropping Rushdies mehr als enervierend. Kurz: „Golden House“ ist nicht sein stärkstes Werk.

Thomas Krupas Bühnenfassung ist nicht mehr als 50 Seiten lang. Er hat also stark ge- und verkürzt, durchaus klug und sicher nicht nur zum Nachteil der Vorlage. So sind so gut wie alle Anspielungen auf Film, Literatur und Kunst weggefallen. Wer aber den Roman gar nicht kennt, der dürfte sich nun noch schwerer tun, dem komplexen Bühnengeschehen zu jeder Zeit zu folgen. Auf alle Fälle ist über die Länge von zwei Stunden (ohne Pause) höchste Konzentration vonnöten. Auch Krupa kann natürlich das Problem nicht lösen, dass Rushdie gerade die Söhne des Patriarchen Nero, den Hermann Große-Berg großartig abgekämpft und desillusioniert spielt, lediglich als Schemen gezeichnet hat. Heißt: Ralph Jung als autistisches Computergenie Petronius hat bis zum letalen Abgang ein paar aberwitzige Auftritte. Mehr aber nicht. Noch ärger trifft es Martin Maecker. Seine Rolle als Künstler Apuleius ist so blass, dass dieser im Grunde irre spielfreudige Schauspieler nie Gelegenheit erhält, sein Können zu zeigen. Die stärkste Figur des Trios ist noch Dionysos, der sich unendlich fremd in seinem Körper fühlt und gerne Frauenkleider trägt. Enrique Fiß spielt ihn ganz verletzlich. Fiß überzeugt – und  zusätzlich noch den Vorteil, dass er auch die Rolle des Jokers innehat. Und hier dann einen voll auf Psycho machen darf, unter anderem zu Frank Sinatras „My Way“. Dann ist da noch Violetta Zupancic als Vasilisa, die zumindest ein wenig Sex-Appeal in diesen dysfunktionalen Verbrecherclan bringt, ehe sie zum Biest mit Kinderwunsch mutiert. Amos Detscher und Lisa Marie Stoiber sind die soliden Erzähler.

Das Erlanger Theater ist mit „Golden House“ anspruchsvoll in die Spielzeit gestartet. Dass Thomas Krupa sich Rushdies Romanbrocken vorgenommen hat, ist mutig zu nennen. Er hat mit seiner zum Teil medial erheblich aufgepeppten Inszenierung gezeigt, dass der Mut sich gelohnt hat. Für die Schwächen der Romanvorlage kann er nichts. In aller Härte wird dem Zuschauer vor Augen geführt, wie sehr sich die Welt in der zurückliegenden Dekade (zum Schlechteren) verändert hat. Eine düstere Gegenwartsdiagnose, die durch den dunkel wabernden Live-Sound des Musikers Hannes Strobl noch bedrückender wird. Minutenlanger Applaus.