Szene mit Savanna Haberland (Bertha) und Dirk Glodde (Josef Breuer). Im Hintergrund Dominik Puhl als Sigmund Freud.

Szene mit Savanna Haberland (Bertha) und Dirk Glodde (Josef Breuer). Im Hintergrund Dominik Puhl als Sigmund Freud.

© Foto: Dieter Wuschanski
Schauspielkritik

Hätte er doch nur geweint....

von Michael Chlebusch

Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte

Premiere: 23.02.2018 (Deutschsprachige Erstaufführung)
Theater Chemnitz
Homepage: https://www.theater-chemnitz.de/

Regie: Kathrin Brune

Eine riesige Tür steht da unter dem Bühnenturm des Chemnitzer Schauspiels. Durch die muss er kommen. Friedrich Nietzsche, dessen Name als Ikone der deutschen Philosophiegeschichte einen mindestens so großen Mann erwarten lässt. Doch, als er sich schließlich hindurchschiebt, da ist Nietzsche (gespielt von Philipp Otto) einfach nur ein Mann, zusammengeschrumpft auf seinen Zustand zwischen Kopfschmerz und Hämorrhoiden. 

Das Stück "Und Nietzsche weinte", nach dem gleichnamigen Roman von Irvin D. Yalom, stellt diesen Friedrich Nietzsche dem Arzt Dr. Josef Breuer vor. Nietzsches Geliebte Lou Salomé (Magda Decker) hat den Termin arrangiert, um den so leidenden wie selbstherrlichen Philosophen behandeln zu lassen. Breuer (Dirk Glodde) muss jedoch auf eine List verfallen, um den unwilligen Patienten unter seine Fittiche zu bekommen. Zusammen mit einem jungen, energetischen Sigmund Freud (erfrischend Dominik Puhl) ersinnt er den Plan, sich selbst als der Lebensansichten Nietzsches bedürftig auszuweisen, so dass der glaube, er helfe Breuer, nicht umgekehrt. Allerdings bedarf Breuer, ob der dies nun erkennt oder nicht, dieser Hilfe tatsächlich. Wird er doch geplagt von verstörend sinnlichen Träumen und dem unmoralischen Begehren nach seiner ehemaligen, der Hysterie verfallenen Patientin Bertha Pappenheim (intensiv choreografiert: Balletttänzerin Savanna Haberland). 

So setzt uns die Bühnenfassung von Regisseurin Kathrin Brune eine interessante Versuchsanordnung dreier großer Denker vor, deren Weltsichten sich aneinander reiben dürfen. Dieses Reiben verliert sich jedoch leider in mancher Passage in sich selbst. Mit Heiner Müllers Worten befürchtet Nietzsche im Stück dabei einmal die Verwandlung seiner Sprengsätze in Teekannensprüche. Und vielleicht liegt feine Ironie gerade darin verborgen, dass der Philosoph auf der Bühne Teekannenspruch um Teekannenspruch liefert, wenn er sich im Anreißen seines Werks ergeht, statt es im Menschen vor ihm zu ergründen. Dem Stück hätte eine Fokussierung hier sehr gut getan. So wird Nietzsche reduziert auf eine Plakatwand seiner Thesen, seine Figur zum Angebot des Vielerlei. 

Hätte er doch nur endlich geweint, wäre er ein Mensch geworden, wünscht man sich bald, bevor man sich Nietzsche aus dem Stück einfach am besten ganz wegdenkt. Dann nämlich schält sich der eigentlich spannende Kern der Konstellation heraus: Dr. Breuer, ein scheinbar standfester Mann, der ins Wanken gerät und sich selbst und seine Lebensentscheidungen in Frage stellt. Der statt ins Innere seines Patienten vorzustoßen, sich in sich selbst verliert. Und dabei immer heftiger an Bertha denken muss und die Freiheit, die er sich in einem Zusammensein mit ihr erträumt. Breuers Frau wiederum, die leider erst viel zu spät im Lauf der Handlung Konturen gewinnt, fragt, wie es denn um ihre Freiheit als verlassene Frau mit Kindern stünde. Die Frauenfiguren des Stückes, ihnen hätte man allen mehr Spielraum gewünscht, scheinen sich in ihnen doch starke Charaktere zu verbergen, die hinter den großen Namen der Männer zurückstehen müssen. 

Am Ende bleibt "Und Nietzsche weinte" ein stark gespieltes Medley der großen Gedanken, das sich zu zaghaft von seinen Vorlagen löst, um ein intensives Erlebnis zu werden. Wer sich darauf einlässt, erhält jedoch kondensierten Nietzsche und das spannende Egodrama eines untherapierbaren Therapeuten. Eine Mischung aus Öl und Wasser zwar, doch nicht ohne Reiz.