Szenenbild aus Johanna Wehners Konstanzer Schiller-Interpretation mit Sylvana Schneider in der Titelrolle

Szenenbild aus Johanna Wehners Konstanzer Schiller-Interpretation mit Sylvana Schneider in der Titelrolle

© Foto: Theater Konstanz
Schauspielkritik

Im Kampf gegen die Schlaffis

von Manfred Jahnke

nach Friedrich von Schiller: Die Jungfrau von Orleans

Premiere: 02.06.2018
Theater Konstanz
Homepage: http://www.theaterkonstanz.de

Regie: Johanna Wehner

Seine Zeitgenossen feierten „Die Jungfrau von Orleans“ als Sensationserfolg, zumal diese den Zusammenhang der Geschichte des Bauernmädchens aus dem hundertjährigen Krieg mit dem Aufstieg Napoleons sahen. Je mehr jedoch sich diese „romantische Tragödie“ von dieser aktuellen Dimension entfernte, wurden die Interpretationen ratloser, trat das opernhaft-Theatralische des Stücks in den Vordergrund. Die „Jungfrau“ von Friedrich Schiller verwandelt sich so in ein historisches Gemälde ohne Bezüge zur Gegenwart. Was aber, wenn diese doch im Textmaterial gesucht werden?

„Frei nach Friedrich Schiller“ entwickelt am Theater Konstanz Johanna Wehner die Parabel von der Geschichte einer Gesellschaft in der Krise, die sich in Selbstmitleid suhlt und deshalb handlungsunfähig ist. Man schaut zu, palavert, bis dann doch jemand aus dem „Volk“, mit einem göttlichen Auftrag versehen, die Menschen aufrüttelt und zur Aktivität zurückführt. Das Brechtsche „Glotzt nicht so romantisch“ wird zur Methode, um den Text Schillers, der vor heroischem Pathos trieft, zu unterlaufen.

Parallel zum Zuschauerraum hängt fast über die ganze Breite der sonst leeren Bühne von Wehner ein Vorhang aus kleingliedrigen Ketten, darin in glitzernden Pailletten das Wort Krise. An den Seiten der Spiegelhalle, dem Aufführungsort, gibt es darüber hinaus Schienen mit LED-Leuchten. Rockmusik dröhnt und erst dann treten die fünf Performer und Performerinnen in gegenwärtigen Kostümen von Miriam Draxl auf, Lederjacke, grüner Anzug, längsgestreiftes Kleid, etc. Sie stellen sich an der linken Seite zu einer Art Small Talk auf, dabei den Blickkontakt mit dem Publikum haltend, damit es begreife: es geht um uns, um die, die im Zuschauerraum sitzen. Die sprachlichen Hülsen zeigen die Ablehnung von Verantwortung. Eher beiläufig sind dann Textpassagen von Schiller eingewoben, in einem unterspannten Sprechen, das versucht, die Sätze in einen gegenwärtigen Duktus einzupassen. Was naturgemäß nicht immer gelingt. Das Schillersche Pathos schlägt zurück und die Lyrik wird unfreiwillig komisch.

Ein weiterer Kniff von Wehner ist, dass bis auf die Johanna der Sylvana Schneider die Spieler und Spielerinnen keine festen Figuren haben, sondern in den einzelnen Episoden der Geschichte Rollen übernehmen. Wie Johanna Link den Dauphin, dessen Schlaffheit sie auch körperlich vorführt. Athletisch chaplinesk sackt sie immer wieder in sich zusammen und muss von den drei anderen immer wieder neu aufgerichtet werden. Oder wenn Ihr Julian Härtner und Jörg Dathe als La Hire und Du Chatel vor dem Mikrofon zu helfen versuchen: Große komische Nummern, die – und das ist die Schwäche der Inszenierung – sich aneinanderreihen. Wie z.B. die „Montgomery-Szene“, in der der Schotte um sein Leben fleht, aber Johanna unerbittlich zuschlägt. Hier bespritzen sich die Performer und Performerinnen, die auf der „historischen“ Ebene des Spiels alle ein Teil einer Ritterrüstung tragen, mit Blut, sterben kollektiv. Ein starkes Bild, das aber gleich wieder dem Lachen des Publikums übergeben wird. Ähnliches gilt für die Musikeinlagen, einmal im Dunkel, zumeist aber als Vorlage für läppische Showdramaturgie, händefuchtelnd, von einem auf das andere Bein hüpfend im farbigen LED-Licht (Lichtdesign Shara Werschke).

Wenn Wehner die Oberflächlichkeit unserer Zeit (und nicht zufällig erinnern manche Bewegungen und Sätze an die große Show von Trump) mit diesen Mitteln ausstellen wollte, dann ist ihr das gelungen. Klar ersichtlich ist der Versuch, mit solchen Mitten des Entertainments den Text von Schiller zu unterminieren. In ihrer nicht ungeschickten Fassung jedoch hat es Sylvana Schneider als Johanna schwer, sich Gehör zu verschaffen. In einer komisch gewordenen Welt will ihr Ernst nicht hineinpassen, zumal dann, wenn sie auf eine monotone Sprechweise reduziert wird: Sie ist ein Mensch der Tat und nicht des phrasenhaften Redens. Aber so kann trotz des großen Mutmachversuchs am Schluss – selbstverständlich wieder an das Publikum gerichtet – Johanna sich nicht gegen die Welt durchsetzen. Wehner verzichtet dabei auf Schillers Volten, weil sie die politischen Intrigen von Isabeau (Katrin Huke) oder vom Herzog von Burgund (Jörg Dathe) auf Kurzeinsätze beschränkt und auch die „englischen“ Szenen nur zwei Mal auftauchen. So kann alles in Friede, Freude, Eierkuchen enden.

Johanna Wehners spannende Konzeption versucht, den Schillerschen Stoff möglichst nahe an uns heranzubringen versucht. Aber im Wechsel von Publikumsansprache, Popmusik, Show und beeindruckenden bunten Lichteinstellungen wird „Die Jungfrau von Orleans“ zu einer komischen Nummernrevue, die das eigentliche Anliegen, die Wut auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie sind, unterläuft. Es bleibt immerhin der Versuch, ein altes Stück neu zu sehen.