"Am Königsweg" in seiner ganzen Breite am Schauspielhaus Zürich

"Am Königsweg" in seiner ganzen Breite am Schauspielhaus Zürich

© Foto: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie
Schauspielkritik

Ins Auge gegangen

von Detlev Baur

Elfriede Jelinek: Am Königsweg

Premiere: 08.03.2018
Schauspielhaus Zürich
Homepage: https://www.schauspielhaus.ch

Regie: Stefan Pucher

Vor fast einem halben Jahr wurde Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt. Wie spielt sich das unter dem Eindruck der unglaublichen Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten geschriebene Drama nun, wo der Wahnsinn längst Alltag geworden ist  – eben lese ich, dass der blindwütige Herrscher seinen Lieblingsfeind Kim aus Nordkorea eben mal treffen will, und dass er zugleich gerade dabei ist, einen Handelskrieg zu starten? Den langen, atemlosen Monolog, der vor Assoziationen zwischen dem blinden Vatermörder König Ödipus, blinder Seherin, Abrahams Beinahe-Opferung seines Sohnes, verblendetem  Egomanen und Macho Trump (dessen Name nie genannt wird), hasserfülltem Wahlvolk sowie Dichterin am Ende ihres Witzes (diese Liste kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben) nur so wimmelt, konzentriert Stefan Pucher in der Schweizer Erstaufführung am Schauspielhaus Zürich stark auf die Dichterin Elfriede Jelinek, ihren geistigen Counterpart in Washington und die Blindheit aller anderen.

Ein großer Augapfel ist zunächst auf eine Wand am Bühnenportal projiziert (Bühne: Barbara Ehnes). Als sich der große Kreis in der Mitte öffnet, tritt eine durch die beiden Zöpfe unschwer erkennbare Puppe der Elfriede Jelinek (Kostüme und Puppen: Annabelle Witt) auf. Auch Trump himself wird später mit Kopf und Armen der jeweiligen Darstellerin, aber mit vorgehängtem kleinerem Unterkörper auf Puppenvormat verkleinert. In der nächsten Szene  treten weitere Jelinek-Darstellerinnen auf, nun in ganzer Menschengestalt. Zwischen den Abschnitten spielen immer wieder die beiden Musikerinnen Réka Csiszér und Becky Lee Walters als amazonenhafte Jelinek-Gestalten auf. Zu den melancholisch punkig-indiehaften Tönen werden Filmszenen mit durchweg amerikanischen Bildern (von Umweltkatastrophen über verzerrte Trump- und Melania-Bilder bis zu Schießereien, Video: Chris Kondek) eingespielt. Das ohnehin teilweise schleppende Tempo der Inszenierung wird so weiter ausgebremst, ohne dass das Spiel durch den musikalischen Bilderreigen eine größere Intensität oder neue Aspekte gewänne.

Überhaupt wirkt das Spiel der sechs Darstellerinnen (Sandra Gerling, Henrike Johanna Jörissen, Julia Kreusch, Miriam Maertens, Isabelle Menke und Elisa Plüss) bei aller darstellerischen Klasse eher solide als  dringlich oder gar überbordend wild. Die – durchaus vernünftige und dramaturgisch schlüssige – Begrenzung des exzessiv Gedanken verstrickenden Textes, lässt diese Inszenierung samt ihrer – ebenfalls inhaltlich konsequenten – Beschränkung auf ausschließlich weibliche Darstellerinnen ein wenig brav und harmlos wirken. Die Fixierung auf die Person Jelineks macht so, fast ohne Brüche, aus dem selbstironischen, aber nicht egozentrischen Werk eine nette Bühnenbiographie, und das Durchspielen des Ich-süchtigen US-Herrschers und seines Clans dekonstruiert ihn wunderbar als Monster unserer Tage, führt aber kaum weiter auf die anderen blinden Flecken der westlichen Welt, die Jelinek im Blick hat hinaus. Das Zürcher Publikum wird allenfalls freundlich angespielt, kann die gut gemachte, wunderbar bebilderte Blindenparade aber schön von sich fernhalten. Die Ku-Klux-maskierten Rassisten nehmen fein säuberlich die Gesichtsmaske zum Sprechen ab; die inszenatorische Ordnung bremst den Furor des wilden Wortes.

Am Ende der zwei Stunden gelingen dann doch noch einmal anregende Bilder. In einer Blindenparade aus Teddys, blindem Kermit und anderen Gruselkuscheltieren werden Jelineks Worte wieder schärfer. Und in einem wunderbaren Sandalenfilm auf der wieder bis auf die Augenhöhle in der Mitte heruntergelassenen Portalwand sprechen Abraham-Darstellerinnen mit falsch aufgeklebten Bärten auch über die mauen Perspektiven für angehende Stahlarbeiter in den USA und vollziehen so die tollkühnen Vermischungen Jelineks auch szenisch nach. Die Zürcher Inszenierung von „Am Königsweg“ findet insgesamt aber gerade durch die Beschränkung auf zentrale Themen und ein zögerliches Timing nicht den Königsweg zu dem Stück der Stunde.