Sveta (Yvonne Ruprecht) und Zenja (Magdalena Neuhaus)

Sveta (Yvonne Ruprecht) und Zenja (Magdalena Neuhaus)

© Foto: Olaf Struck
Schauspielkritik

Feridun Zaimoglu/Günter Senkel/Shlomo Moskovitz: Die zehn Gebote

von Ruth Bender

Feridun Zaimoglu/Günter Senkel/Shlomo Moskovitz: Die zehn Gebote

Premiere: 15.04.2016
Theater Kiel
Homepage: http://www.theater-kiel.de

Regie: Annette Pullen/Dedi Baron

Apokalyptisches Szenario oder alltägliches Ringen: Die beiden Stücke, in denen sich das Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günther Senkel und der israelische Dramatiker Shlomo Moshkowitz im Auftrag des Kieler Schauspiels mit den zehn Geboten des Alten Testaments auseinandersetzen, behandeln das biblische Gesetzeswerk ganz unterschiedlich. Jetzt wurden sie an einem gemeinsamen Abend in Kiel zu großem Beifall uraufgeführt und zeigen mindestens, wie stark sie im Zusammenleben wurzeln. 

Für beide Inszenierungen hat Bühnenbildner Lars Peter ein gemeinsames Spielfeld gebaut, eine leicht schräge Ebene, im ersten Teil mit Asche bestreut und hinten von zur Wand gereihten Panelen begrenzt, im zweiten offen und leergefegt. Und so unterschiedlich wie die Texte sind auch die Regie-Handschriften von Annette Pullen (Zaimoglu/Senkel) und Dedi Baron (Moshkowitz), die sich darauf präsentieren.
 
Der erste Teil des Abends gehört den Kielern, und Annette Pullen, die 2003 mit "Halb so wild" das erste Stück von Zaimoglu / Senkel in Kiel uraufführte, baut ihnen einen strengen, kaltdüsteren Bilderbogen. Die Schauspieler marschieren auf durch bewegliche Panele, die als Stelen wie Standarten taugen: die Soldaten mit ihren unterschiedlichen Dienstgraden, die Frau, die Tante, der Sohn. Menschliche Zerrbilder, die mit kühler Akribie die Szenen der Verrohung abarbeiten. Isabel Baumgart als Nazi-Schranze so wendig wie als tugendhafte Rotarmistin. Zacharias Preen ein Bild von einem Sadisten-Hauptmann, Christian Kämpfer der Obergefreite mit einem Rest von Erbarmen. Rudi Hindenburg und Felix Zimmer so traumatisierte wie hirnlose Soldaten.

Namen tragen hier nur die Russen. Georgi, der kriegerische Geistliche, oder Wassilij, sein Sohn. Und dass hier manche in Doppelrollen auf beiden Seiten der Front auftauchen, ist nur folgerichtig: Yvonne Rupprecht als besoffene Tante daheim im Reich wie als Mutter, die die verhungernde Tochter Zenja (Magdalena Neuhaus) verzweifelt am Leben hält. Und Kammerschauspielerin Almuth Schmidt ist mal die Leiche, deren Essensrationen den Hungernden Aufschub gewähren, mal der kriegszerstörte Opa.  

Dürr sind die Sätze, karg und archaisch die Worte, in denen das Kieler Autorenduo ausgehend von der Belagerung Leningrads durch die Deutschen menschliche Zerrbilder entwirft, in denen sich die fortschreitende Brutalisierung eindrucksvoll spiegelt. Ort- und zeitentrückte Episoden, die die Regisseurin aber deutlich auf den konkreten historischen Anlass hin nachschärft. So klar, dass am Ende kaum Fragen bleiben.

Sinnlicher, komischer und privater geht es nach der Pause rund um Adam zu, den Offizier, der im Libanonkrieg die Belagerung Beiruts verweigert – im Privatleben aber mit der Familie, Kameraden und verflossenen Geliebten hadert. Von der Tochter, die den Militärdienst verweigert, bis zum Vater mit dem Holocaust-Trauma hat hier fast jeder seine Leiche im Keller. Da stellt Moshkowitz seinem Helden – Marco Gebbert spielt ihn zwischen großem Jungen und Berserker - eine gewitzte Eselin (herrlich vorwurfsvoll präsent: Jessica Ohl) zur Seite, was schon mal für einen witzig ironischen Schlagabtausch in Sachen Moral, Holocaust und Nahostkonflikt sorgt. Und die Frage aufwirft, ob das überhaupt vergleichbar sei.

Auch danach wird wortreich disputiert, Moshkowitz befragt und diskutiert den Text. Und er dekliniert anhand der Gebote und Familienmitglieder die Versatzstücke israelischer Identität durch – was die Geschichte leider ziemlich vom Grundthema und dem schön farcehaften Beginn entfehnt. Dedi Baron, gern gesehener Regie-Gast in Kiel, fängt das in ihrer mal handfest, mal poetisch flirrenden Inszenierung nur zum Teil wieder ein. Wenn der Kinderchor der Heiligengeist-Gemeinde die Gebote intoniert – als Chor, Mantra oder Mentetekel. Oder wenn sich auf dem Boden ein blutrotes Orientteppichpuzzle ausbreitet, weil die Kriege im kollektiven Gedächtnis längst ununterscheidbar geworden sind.