"Die lächerliche Finsternis" am DT Berlin

"Die lächerliche Finsternis" am DT Berlin

Alexander Khuon (Oliver Pellner), Moritz Grove (Stefan Dorsch / Tofdau)

© Foto: Arno Declair
Schauspielkritik

Große Fragen, frische Ironie

von Reinhard Wengierek

Wolfram Lotz: Die lächerliche Finsternis

Premiere: 14.12.2014
Deutsches Theater, Berlin
Homepage: http://www.deutschestheater.de/

Regie: Daniela Löffner
Vorlage: Joseph Conrad: Herz der Finsternis

Schon der Titel ist Ironie pur. Weil: Diese Finsternis ist nun eben überhaupt nicht lächerlich, sondern reines Entsetzen; obgleich es allerhand zu lachen gibt. Denn der wirklich geistreiche, raffiniert spielerische Autor, dessen ausgeprägte Sprachmächtigkeit fein poetisch grundiert ist, dieses schöne Talent (wohl eher im Dichterischen als Dramatischen) hat sein neues, erst im September im Wiener Akademietheater uraufgeführtes, zwei Monate später im Hamburger Thalia-Studio Gaußstraße und jetzt in Berlin nachgespieltes Stück „Die lächerliche Finsternis“ mächtig aufschäumt mit Witz und Komik. Dabei wird nie ganz klar, inwieweit im permanent Ironischen Zynismus mitspielt, was den fantastischen, mindestens doppel-, meistens aber vielfachbödigen Text schon mal intellektuell ziemlich reizvoll macht.

Und die noch junge und äußerst fantasievolle Regisseurin Daniela Löffner (am DT profilierte sie sich prachtvoll fürs Zeitgenössische mit den Inszenierungen „Das Ding“ von Philipp Löhle und „Alltag & Ekstase“ von Rebekka Kricheldorf), die fürs leichthin Spielerische so herrlich begabte Löffner langt denn auch kräftig zu mit elegant gemachten, echt komischen, auch mal bloß blödelnden Einlagen.

Von Vergnügen oder gar Lustigkeit will ich dennoch hier nicht reden. Das Kichern (obgleich im Premierenpublikum gern lauthals losgeprustet wurde), die Lustigkeit blieben mir immer gleich wieder im Halse stecken. Denn Lotz hat „hintenherum“ ein todernstes kleines Stück geschrieben: Ist doch die Finsternis die in uns immer schneller wuchernde Angst vor dem Fremden, Unheimlichen, letztlich Unerklärlichen, das uns – die liebe, schöne, schlimme, böse und bedrohliche Globalisierung! – immer heftiger, auch schmerzlicher auf den Pelz rückt. Das alte ewige Chaos der großen Welt schwappt in unser – vermeintlich! – ach, so anheimelndes, solide gefestigt und gefügtes, sauberes Weltchen. Das stört und verstört. Auch, weil dabei zutage tritt, wie viel Dreck wir Westler selbst mit uns herum schleppen und welche Schuld wir haben am Unglück und Elend da draußen in naher wie weiter Ferne. Und wie wenig Empathie für "die anderen Kreaturen".

Lotz packt das alles – Dritte-Welt-Elend, Aufruhr, Afghanistan, Somalia, Religionsfanatismus, Terrorismus, Seepiraterie, Ausbeutung, Kolonialismus, unsere Kriege gegen die-da-dort, also die anderen Kreaturen – mit gekonnter Naivität ins erhellend Groteske, Albtraumhafte. Wie anders wäre dieser Überkomplexität auch beizukommen in knapp zwei Stunden Theater. So lösen sich Zeiten und Räume auf und eine seltsam reale Phantasmagorie auf unseren kreuz und quer zerrissenen Globus wird entfesselt, in der zwei Bundewehrsoldaten, unterwegs in geheimer Mission im Auslandseinsatz, versacken (Alexander Khuon & Moritz Grove). Dabei haben die beiden Begegnungen der seltsamen oder sogar einigermaßen bekannten Art (Kathleen Morgeneyer in vielen verrückten Rollen).

Nebensächlich bleibt, dass der Autor sich an Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ (von Andreas Kriegenburg einst zur Eröffnung der Intendanz Ulrich Khuon am DT opernhaft-ernst theatralisch adaptiert) sowie an Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ vage anlehnt. Das mag man sich hinzu denken oder auch nicht. Daniela Löffner aber denkt in ihrer in sehr vielen Momenten saukomischen Inszenierung mit den drei klasse Spielern doch stets an solche Lotz-Sätze wie „Diese düstere Welt, in der alles bebt vor Leben.“ – Oder: „Der kleine singende Vogel im Nest unseres Herzens.“ Singt der überhaupt noch? Oder krächzt er bloß noch? Oder ist er tot? Das sind die großen Fragen, die natürlich nicht klar beantwortet werden. Die Inszenierung gibt sie ans Publikum weiter. Wir haben da also was zum Grübeln. Danke.