"Sturm" im Fluss

"Sturm" im Fluss

Schlussbild des Shakespeare-Spektakels im nächtlichen Münsteraner Hafen

© Foto: Tanja Weidner
Schauspielkritik

Hop heißa, bei Regen und Wind!

von Christoph Schulte im Walde

William Shakespeare: Der Sturm

Premiere: 16.06.2018
Wolfgang-Borchert-Theater, Münster
Homepage: https://www.wolfgang-borchert-theater.de/

Regie: Meinhard Zanger

Na prima: eine halbe Stunde vor Premierenbeginn verdeckten Wolken die tagsüber so üppig aktive Sonne und öffneten ihre Schleusen. Auch über der Zuschauertribüne in Münsters altem Stadthafen, die eigens für die Open-Air-Inszenierung von Shakespeares „Der Sturm“ errichtet worden war. Und mit Beginn der Vorstellung legte der Regen dann noch einmal ordentlich zu. So ein Pech! Aber der kluge Mensch sorgt vor - und Theaterleute sind ja kluge Menschen, in diesem Fall ausgestattet mit über 400 Regencapes. So viele Leute nämlich finden Platz auf den Sitzreihen. Ihr Blick fällt auf eine mitten im Hafenbecken schwimmende spektakuläre Bühnenkonstruktion, die schon seit etlichen Tagen von den hier heimischen Bewohnern - diverse Entenfamilien - argwöhnisch umkreist wird. In Shakespeares „Der Sturm“ bekommt das Federvieh jetzt hautnah menschliche Gesellschaft, denn so ziemlich jede Figur in diesem Stück geht hier buchstäblich baden.

Die Idee zum Open-Air-Spektakel im Hafen hatte Meinhard Zanger, seit zwölf Jahren Intendant des Wolfgang-Borchert-Theaters, dessen reguläre Spielstätte sich unmittelbar neben dem Hafenbecken und direkt gegenüber von Münsters angesagtester Party-Meile befindet. Für den „Sturm“ ging Zanger also praktisch nicht viel weiter als nach draußen vor die Tür, um mit Wolfgang Borchert zu sprechen.

Prospera (Monika Hess-Zanger), Caliban (Tatjana Poloczek) und Ariel (Jannike Schubert) fristen ihr Dasein auf einer Insel: viel Sand, auch viel Wind (jedenfalls am Premierenabend), ein Bretterverhau als Unterschlupf und eine münstersche Rialto-Brücke als Verbindung der beiden Insel-Segmente untereinander (Ausstattung: Darko Petrovic). Das Ganze ist absolut stimmig, sehr praktikabel und wird lebhaft bespielt. Und feucht! Denn die Reisegruppe, die da zu Beginn in den fürchterlichen Sturm gerät, fällt geschlossen in die Fluten des innerstädtischen Ozeans. Alle sind klatschnass: Alonso, der König von Neapel (Jürgen Lorenzen), sein Bruder Sebastian (Johannes Langer), die beiden Trunkenbolde Trinculo und Stephano (Markus J. Bachmann und Florian Bender), die Leute von der Brücke des gekenterten Schiffs und so weiter. Und Ferdinand, des Königs Sohn? Der wird von seinem Vater schmerzlich vermisst und tot geglaubt. Was ja nicht stimmt, sonst gäbe es in Shakespeares Komödie ja kein Happy End, gäbe es keine glückliche Prospera, die sich im Laufe des Abends ihr Herzogtum Mailand zurück erobert.

Meinhard Zanger inszeniert so, wie es sich an diesem konkreten Ort, zu dieser Jahreszeit (die ja eigentlich sommerlich sein sollte - aber das kommt sicher noch) und für das zu erwartende Publikum anbietet: er macht Shakespeare zu einem Event, einer Unterhaltung auf hohem Niveau, mit etlichen pfiffigen und witzigen Ideen. Und mit einem Team aus Darstellerinnen und Darstellern, die enorme Energien mobilisieren. Gleich zu Beginn hat Zanger die Lacher auf seiner Seite, wenn Ariel mit seinen stattlichen Flügeln auf dem Rücken in einem Motorboot anrückt, dabei einen weiten Bogen um die Insel beschreibend. Das Bootsheck versprüht dabei stets eine Wasserfontäne gen Himmel. Fürs Auge gibt es den ganzen Abend über noch mehr: züngelnde Flammen an den Ufern der Insel, Pyrotechnik im Wunderkerzen-Stil, magische Beleuchtung, sogar unter Wasser! Blitze zucken, gefolgt von markerschütterndem Donnergrollen, das aus den Mega-Boxen quillt und wohl im gesamten östlichen Stadtviertel Münsters zu vernehmen gewesen sein dürfte. Aber alles ohne große Übertreibung, eher wohldosiert und zielgenau platziert.

Dafür dürfen manche Darsteller dort übertreiben, wo es passt. Trinculo und Stephano etwa, der erstere zickig, der letztere überheblich und fast immer besoffen. Caliban kommt als echter Urwusel daher, Ferdinand (Bastian Sesjak) als braver Zögling, der sich in die schöne Miranda (Rosana Cleve) verliebt. Antonio (Bernd Reheuser) ist der fiese Bruder Prosperas, Gonzalo (Peter Tabatt) ein sehr freundlicher Freund des Königs.

Für das Wolfgang-Borchert-Theater, und zwar für sämtliche Abteilungen dieses Hauses, ob Technik, Requisite, Beleuchtung oder Schneiderei, ist dieser „Sturm“ eine Herkulesaufgabe und wird es auch noch bleiben. Die Inszenierung wird ab sofort en suite täglich außer montags bis zum 15. Juli gespielt. Und dann noch einmal vom 21. August bis zum 16. September. Wobei sämtliche Vorstellungen bis einschließlich 26. August bereits ausverkauft sind! Spätestens nach der Derniere im September werden selbst die Entenfamilien im Hafenbecken Shakespeares „Sturm“ auswendig drauf haben. Wetten?