Szene aus Karin Beiers Inszenierung von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“: Matti Krause (Bassanio), Joachim Meyerhoff (Shylock) und Gala Othero Winter (Jessica).

Szene aus Karin Beiers Inszenierung von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“: Matti Krause (Bassanio), Joachim Meyerhoff (Shylock) und Gala Othero Winter (Jessica).

© Foto: Matthias Horn
Schauspielkritik

Der unangepasste Teil der Wahrheit

von Jens Fischer

William Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig

Premiere: 27.01.2018
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Homepage: https://www.schauspielhaus.de

Regie: Karin Beier

Der Jude Shylock wird zum Klischee aufgrund der Rolle, die ihm die Gesellschaft zuweist. Er ist Täter und wird als rücksichtslos profitgierig, als Wucherer gebrandmarkt, weil er mit Geld Handel treiben, nämlich Zinsen beim Verleihen erheben darf. Er ist aber auch Opfer: verhöhnt, bespuckt, bis ins Mark gedemütigt aufgrund seiner Religion. Antonio hingegen erfüllt das Klischee des christlichen Kaufmanns: rücksichtslos profitgierig auch er, aber als global agierender Händler wird er dafür gelobt, dass es ihm sein Reichtum erlaubt, Geld zinslos zu verleihen. Aber auch Antonio ist Opfer, da er sich der allgemeinen Akzeptanz zuliebe hinter der Maske gutbürgerlicher Männlichkeit verstecken muss, obwohl er gern offen schwul leben möchte. Shylock und Antonio sind Spiegelbilder. Figuren, die an normativen Zuschreibungen und Fremdheit leiden. An ideologisch aufgeladener Verbohrtheit und Verblendung, die menschheitsgeschichtlich immer wieder Ansporn für gewalttätige Konflikte war und ist. Vor diesem Hintergrund inszeniert Karin Beier „Der Kaufmann von Venedig“. 

Und weil gerade Karneval herrscht in Shakespeares Klassiker, also freie Identitätswahl, lässt die Regisseurin das bunte Treiben kommod rassistischer Faschingsnarren immer wieder über die Bühne toben – in einer wütend mit der Maskenspielerei des Theaters die Maskenspielerei des Daseins hinterfragendem und auf Diversität pochenden Inszenierung. Im Bühnenbild von  Johannes Schütz und den Kostümen von Eva Dessecker startet sie lässig improvisatorisch – mit Männern in Frauenklamotten: Kostümierung als Identitätssuche und Tarnung. Genderdiskurs. Das Ensemble überlegt, wie vielfältig allein die Assoziationen sind, die beim Thema Hautfarbe aufploppen. Und kommt zum Geld als Ausgrenzungskriterium: Ein guter sei ein kreditwürdiger Mensch, so das Moto des venezianischen Kapitalismus. Portia (Angelika Richter) zählt derweil angeblich landestypische Kennzeichen ihrer Freier auf und meint das, wie sie sagt, natürlich ironisch. Denn sie wisse ja: „Alle Menschen sind gleich“. Aber sie wolle später halt in ihrer Ehe keine Probleme mit ethnischen Unterschieden haben, also sei eine entsprechende Vorauswahl der Männer sinnvoll. So legt Beier von Beginn an die Widersprüche der Figuren derart hier und heutig bloß, dass sie schmerzhaft bekannt wirken. Und verhandelt so die Motive, nach denen eine Mehrheitsgesellschaft ein- und ausschließt. Was einen zum Out-, was zum Insider macht? Lautstark wird die These verkündet, jeder Mensch habe das Recht, das Kunstwerk zu werden, das er sein will. Shylock und Antonio haben es nicht.

Beide sind traurig. Auf ihre Art. Antonio (Carlo Ljubek) als sanfter Melancholiker: unternehmerisch so erfolgreich wie privat einsam. Da er sich nicht zu seiner Homosexualität bekennt, gibt er tausende Dukaten dem geliebten Bassanio (Matti Krause), guter Freund und dummdreister Mitgiftjäger, der das Geld als Risikokapital zur Brautwerbung bei der adelig reichen Portia einsetzen will. Da der Kaufmann aber gerade nicht flüssig ist, leiht er sich die Summe beim verhassten Shylock. Joachim Meyerhoff gibt ihn im Chefsessel als still vor sich hin rauchendes Raubtier – stets auf dem Sprung. Warten auf den Moment des Zurückschlagens. Erstmal vortasten. Zinsen, pah, braucht er nicht von Antonio. Aber als Sicherheit für die Schulden soll er ein Pfund seines Fleisches verpfänden. Klingt nach provozierendem Gag. Ist aber ernst gemeint. Als sich die Chance ergibt, das Pfand einzulösen, wird Shylock immer böser, geifernder, christenverachtender. Er will nicht die Tricks bedienen, mit denen er sich jetzt Freundschaft kaufen könnte, auch nicht der überlegene Dulder des Judenhasses bleiben und weise Gnade vor Recht gelten lassen – sondern seine Rache durch Erfüllung der christlichen Gesetze. Die das Eintreiben von vertraglich fixierten Schulden als unabdingbar für das Funktionieren der Wirtschaft ansehen. Antonio muss also sterben, hat das in gekreuzigter Heiland-Pose bereist akzeptiert. Aber ein juristischer Gag wendet den Prozess.

Meyerhoffs Shylock versucht, abseits des „Hat nicht ein Jud’ auch Augen“-Monologs nirgendwo per Mitleiderregung sympathisch zu wirken – und die antisemitischen Stereotypen anti-antisemitisch zu verklären. Dafür ist sein Verhalten psychologisch penibel nachvollziehbar gemacht. Denn zu seinem Christenhass kommt auch noch der Verlust seiner Tochter Jessica (Gala Othero Winter), die er mit den stigmatisierenden Zeichen des Judentums maskiert hatte – langer Plastiknase, Schläfenlocken, breitkremigem Hut. Sie selbst aber ist eine eher profane Jüdin. Dem differenzierenden Aufführungsduktus entsprechend zeigt sie auch die Widersprüche zwischen moralischem Anspruch und realem Handeln der Gemeinde auf. Sie will daher raus aus dem Ghetto, selbstbestimmt ihr Leben erkunden. Und flüchtet mit einem Christen, während dessen Kollegen in einer Art Pogromstimmung Shylocks (Papp-)Haus zertrümmern. Jessica beginnt die geklauten Reichtümer für den Tand der Konsumindustrie auszugeben, was Papa rasend macht. Aber nicht, weil er sein Kind liebt, sondern die Macht über es verloren hat.

Beier reißt die Ambivalenz der Figuren auf. Die Darsteller treten auch aus ihrer Rolle und hinterfragen deren Verhalten. Verweisen auf Scheinheiligkeit. Legen Motivationen bloß. Da das viel spannender ist als die Partnerfindungskomödie Portias, verkümmert dieser versöhnlerische Handlungsstrang am Bühnenrand. Während die Tragödie ins Zentrum gerückt wird. Nachdem Shylock sein Recht, Geld und seine Ehre verloren hat, tritt die verzweifelte Jessica auf. Mit einem Tisch auf dem Rücken ächzt sie durch den todesdüsteren Saal – als würde sie schwer am ganzen Leid des jüdischen Volkes tragen, ja, an all den durch Vorurteile befeuerten Verfolgungen, Terrorattacken, Kriegen, Genoziden. Versucht sich dann erstmal selbst in einem ekstatischen Tanz von allen Zuschreibungen des Judentums zu lösen. Während sie aus dem Off das dramatische Gedicht „Wir Wellen“ von Mariette Navarro rezitiert. Das aufstandswillig den Arabischen Frühling andeutet und wie Beiers Inszenierung den „unangepassten Teil der Wahrheit“ ans Tageslicht befördern will. So kommt ein sich bohrend durch das Stück fragender Regieansatz zu sich selbst. Eine grandios offene Interpretation.