Franziska Hackl, Florian von Manteuffel, Katja Jung und Nicola Kirsch am Wiener Schauspielhaus

Franziska Hackl, Florian von Manteuffel, Katja Jung und Nicola Kirsch am Wiener Schauspielhaus

© Foto: Alexi Pelekanos /Schauspielhaus
Schauspielkritik

Schauspiel-Juwele aus Wien

von Detlev Baur

Theresia Walser: Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel

Premiere: 10.04.2014
Schauspielhaus Wien
Homepage: http://www.schauspielhaus.at

Regie: Sebastian Schug

Wir sind doch alle nur Menschen. Das suggeriert der Titel von Theresia Walsers Stück, das nun am Schauspielhaus in Wien, nach der Uraufführung Anfang 2013 am Nationaltheater Mannheim, erstmals in Österreich gezeigt wird. Nur dass die drei flüchtigen Ex-Dikatoren-Gattinen Imelda (Marcos), Margot (Honecker) und Leila (Ben Ali) eben bisher eher mit goldenen Äpfeln zu tun hatten. Die drei Diven werden von Dolmetscher Gottfried auf eine Pressekonferenz vorbereitet, auf der anschließend die Verfilmung der drei monströsen Heldinnen erklärt werden soll.

Nun betreten also die unschwer erkennbaren Monstrositäten, eskortiert vom Dolmetscher, den probebühnengleich mit Sperrholz-Wänden ausgestatten Raum (Bühne und Kostüme: Christian Kiehl). Der sich vor Konfliktscheu windende Gottfried (Florian von Manteuffel) übersetzt zwischen der deutsch-demokratisch-puritanischen Margot (Franziska Hackl) und den eher barock-genießerischen weltgewandeten Imelda (Katja Jung) und Leila (Nicola Kirsch). Größenwahn und Vermeidung von Selbstkritik halten das Trio zusammen; dennoch geraten die drei großen Egos aneinander und verbünden sich zusehends gegen den armen Mann. Dieses Vorspiel zum Gipfeltreffen ist in Sebastian Schugs Inszenierung von Beginn an sehr komisch. Regie und das starke Ensemble vertrauen auf den Wortwitz der Vorlage und scheuen auch nicht deren scheinbare Nähe zum Kabarett.

Text wie Inszenierung beschränken sich nämlich keineswegs auf billigen Spott über die eindeutig unsympathischen Zeitgenossinnen. Durch den panisch besänftigenden und dabei auch kreativ alternative Interpretationen suchenden kleinen und verunsicherten Mann und durch die Gespräche der Drei über die Unmöglichkeit der Darstellbarkeit ihrer Existenzen im geplanten Film – was auch die ironische Selbstdistanz der Schauspielerinnen zu ihrem Agieren mitschwingen lässt – schlägt der Witz zurück aufs Theater und das lachende Publikum. Die vier Spieler zelebrieren in anderthalb Stunden ein Vorspiel zum unvermeidlichen Scheitern des fiktiven Filmprojekts. Damit feiern sie mit der Autorin auch ein lustvolles Festspiel der Grenzen von Theater: das Begreifbar-Machen von Ignoranz und Schuld bei den Damen strandet auf den Untiefen der Sprache. Oder wie Frau Margot sagt: „Ich stehe hier nicht als Frau! … Ich stehe hier als Idee.“