Ensembleszene

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© Foto: Julian Röder
Schauspielkritik

Elf Gesichter einer Frau

von Barbara Behrendt

Tracy Letts: Eine Frau – Mary Page Marlowe

Premiere: 09.11.2017 (Deutschsprachige Erstaufführung)
Berliner Ensemble
Homepage: https://www.berliner-ensemble.de

Regie: David Bösch

Mary Page Marlowe ist 40, wenn sie zum ersten Mal auf der Bühne vor uns steht. Es ist das Jahr 1986, Bettina Hoppe trägt als Mary Page den damals obligatorischen Jeansrock, Glitzergürtel und Lederjacke mit breiten Schultern. Der Neon-Schriftzug des amerikanischen Diners leuchtet, während sie ihren Kindern zwischen Cola-Bechern und Burger-Papier beibringt, dass die Ehe mit deren Vater nicht mehr zu retten ist.

Die Bühne dreht sich, Rückblick, 1965, ein College-Zimmer mit Postern von Elvis und Audrey Hepburn an der Wand: Mary Page ist 19 und erzählt ihren aufgekratzten Freundinnen vom Antrag des begehrtesten Jungen, den sie gerade abgelehnt hat – sie will unabhängig bleiben, reisen, nach Paris gehen. Carina Zichner spielt jetzt diese selbstbewusste junge Frau voller Sehnsucht und Mut und Abenteuerlust. Was ist passiert, dass diese Mary Page 20 Jahre später dann doch mit zwei Kindern resigniert vor den Trümmern ihrer ersten Ehe steht?

Der amerikanische Schauspieler und Autor Tracy Letts hat mit „Eine Familie“ (im Original „August: Osage County“) nicht nur den Pulitzer Preis gewonnen, er hat auch den deutschen Bühnen einen veritablen Publikumshit beschert – und es direkt nach Hollywood geschafft: „Im August in Osage County“ lief mit Meryl Streep und Julia Roberts im Kino. In seinem neuen Stück „Eine Frau – Mary Page Marlowe“ führt Letts nun in elf Schlüsselszenen durch das Leben der heute 69jährigen Mary Page. Nicht linear, sondern punktuell, so schlaglichtartig, wie Erinnerungen nun mal aufblitzen, so fragmentarisch, wie wir die Menschen kennenlernen, die uns begegnen. Wie ein Fotoalbum blättert sich das Leben dieser Amerikanerin auf und erscheint zunächst ziemlich durchschnittlich, offenbart dann aber mehr und mehr Risse und Tiefschläge. Die Trennungen, die Affären, ein folgenreiches Alkoholproblem, der Verlust ihres Sohnes. Ein deutlich melancholischeres Wellmade-Play als „Eine Familie“.

David Bösch setzt dabei in der deutschen Erstaufführung am Berliner Ensemble auf Gefühl und Atmosphäre, auf die starken Dialoge des Stücks – und vor allem auf seine hervorragenden Schauspieler. Anrührend ist es, wenn Bettina Hoppe als Mary Page nach einem schweren Autounfall mit über drei Promille, für den sie ins Gefängnis wandern wird, gegenüber ihrem zweiten Mann die Verantwortung für ihr Leben übernimmt.

Auch, wenn Hoppe dieser Figur am meisten Tiefe, Vielschichtigkeit, Gebrochenheit verleiht, lebt der Abend von einem starken Ensemble – nicht nur der bekannten Namen. Neben den beiden wunderbar bodenständigen Ehemännern und Liebhabern Sascha Nathan und Martin Rentzsch spielt sich auch die junge Schauspielstudentin Luisa-Céline Gaffron als etwas zu laute, aber schwer energetische Tochter Wendy hervor. Carina Zichner gibt die schroffe, unsichere junge Mary Page, allein Corinna Kirchhoff als alternde Hauptfigur übertreibt es hier und da mit dem hochdramatischen Ton.

Auf der Bühne drehen sich die Zimmer im Retro-Look umeinander, Motel, Diner, abgerocktes Wohnzimmer, Krankenhaus. Mit allen Mary Pages darin. Und stets mit dem passenden Song fürs jeweilige Jahrzehnt: von Debbie Reynolds’ „Tammy“ (1957) über „The Letter“ von The Box Tops (1967) und „Wonderful Life“ (1987) von Black, bis hin zu Tanita Tikarams „Twist in my Sobriety“ (1988). Der Soundtrack eines Lebens.

Das zielt direkt aufs Gefühl, wirkt manches Mal aber etwas zu kalkuliert effektverliebt. Und doch ist es eine Wohltat, sich im Theater (selten genug!) in Menschen und deren Lebensfragen vertiefen zu dürfen –  und nicht nur in Performance-Fragen und kluge Regiekonzepte. Ein ganz so großer Theaterhit wie „Eine Familie“ wird dieses Stück vermutlich nicht – dafür fehlt ihm die bitterböse Komik des Vorgängers. Aber das berührende Porträt dieser Frau, die sich zwischen den überholten Rollenmodellen der 1950er Jahre und der Selbstverwirklichung der 1980er verloren geht und nach der Verantwortung fragt für das, was am Lebensende übrig ist – dieses Porträt ist den Theaterbesuch unbedingt wert.