"Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm/Nach der Ruhe vor dem Sturm" am Nationaltheater Mannheim

"Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm/Nach der Ruhe vor dem Sturm" am Nationaltheater Mannheim

Sven Prietz, Ragna Pitoll, Anke Schubert

© Foto: Hans Jörg Michel
Schauspielkritik

Zwischen eitlen Drachen

von Volker Oesterreich

Theresia Walser: Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm/Nach der Ruhe vor dem Sturm

Premiere: 09.06.2018 (Uraufführung)
Nationaltheater Mannheim
Homepage: https://www.nationaltheater-mannheim.de

Regie: Burkhard C. Kosminski

 

Bühnenpack schlägt sich, Bühnenpack verträgt sich. Lachender Dritter ist das Publikum. Willkommen auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, den Theresia Walser auf ihre ausgefuchst süffisante Weise in zwei Backstage-Comedys aufspießt. Die erste davon, betitelt „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“, wurde schon vor zwölf Jahren zu Beginn von Burkhard C. Kosminskis Ära am Nationaltheater Mannheim mit großem Erfolg uraufgeführt. Kurz vor seinem Wechsel auf den Intendanten-Thron des Staatstheaters Stuttgart setzte Theresia Walser noch eins drauf und ergänzte ihre Farce von damals durch einen weiteren Schauspieler-Schlagabtausch, diesmal unter dem Titel „Nach der Ruhe vor dem Sturm“. Mit beiden zusammen schließt sich für den Schauspiel-Intendanten ein Kreis. Und was für einer!

Kosminski hat dem Nationaltheater von 2006 bis zur laufenden Saison fast 190 Premieren beschert, darunter viel neue Dramatik, die ihm besonders am Herzen liegt. Allein von der einstigen Hausautorin Theresia Walser brachte er acht Arbeiten zur Uraufführung, die aktuelle Inszenierung eingerechnet. Sie nimmt darin erneut den Theaterbetrieb aufs Korn. Theresia Walsers Vorbild ist unverkennbar, sie orientiert sich ungeniert an den schönen Bösartigkeiten in Thomas Bernhards „Theatermacher“. Gut abzukupfern verlangt auch eine große Portion Talent.

Im ersten (längeren) Teil des Abends warten drei Schauspieler auf einen Talkshow-Auftritt oder ein Podiumsgespräch. Sie sollen von ihren Erfahrungen als Hitler- oder Goebbels-Darsteller berichten. Doch bevor überhaupt ihr stürmischer Disput beginnen kann, überschütten sie sich im Backstage-Bereich mit Gift und Galle. Der Eitelste des Trios ist der Großschauspieler Franz Prächtel, gespielt von Ralf Dittrich, der mit seiner Zitterhand und seinem grollenden Diktatoren-Tremolo ganz eindeutig auf Bruno Ganz im „Untergang“ anspielt. Dieser Prächtel ist ein Prachtkerl alter Schule, der niemals „unter“ einem Regisseur gearbeitet hat, sondern Regiekünstlern die Chance gab, mit ihm zusammen zu reüssieren. So behauptet er es zumindest. Der Dinosaurier aus dem Theatermuseum gerät natürlich sofort über Kreuz mit dem Verfremdungskünstler Peter Söst (Thorsten Danner), der seinen Hitler „nicht als Menschen“ gespielt hat, und mit dem Theater-Novizen Ulli Lerch (Sven Prietz), der zum Entsetzen Prächtels viel Verständnis zeigt für die neusten Marotten des Regietheaters. Insidergag folgt auf Insidergag. Florian Ettis schlichtes Bühnenbild besteht nur aus dem zu vier Fünfteln herabgelassenen Eisernen Vorhang, links ein zusammengeschnürter Brokatvorhang, der wohl an die alten Zeiten erinnern soll. Zwölf Jahre danach wirkt das dezente Update der Farce noch immer so frisch wie am ersten Tag.
 
„Nach der Ruhe vor dem Sturm“ schließt daran an und gibt zwei in die Jahre gekommenen Diven-Giftspritzen ein Forum: Irm König hat 36 Jahre lang auf dem „Glücksschiff“ für Fernseh-Illusionskitsch gesorgt, während sich die „Penthesilea“-Interpretin Liz Hansen beim finalen Selbstmord der Kleist-Figur immer wieder einen Patzer erlaubt hat: mit fünfmal „So“ auf den Lippen, obwohl Kleist nur vier geschrieben habe... Behauptet zumindest die „Glücksschiff“-Trulla und spielt voller Emphase vor, wie die „Penthesilea“-Szene wirklich funktioniert. Ragna Pitoll karikiert ihre TV-Soap-Diva mit weißer Stola um den Hals wie aus dem Effeff, und Anke Schubert pocht in ihrem Part darauf, dass die Welt des Theaters doch sehr viel anspruchsvoller sei als die des Fernsehens. Wie in Teil eins warten beide auf einen Talkshow-Auftritt. Zwischen den eitlen Drachen der darstellenden Zunft springt erneut Sven Prietz in seiner Vermittlerrolle wie zwischen Skylla und Charybdis hin und her. Armer Kerl, glückliches Publikum!