Ensembleszene

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© Foto: Ilja Mess
Schauspielkritik

Hakenkreuze und Davidsterne

von Manfred Jahnke

George Tabori: Mein Kampf

Premiere: 20.04.2018
Theater Konstanz
Homepage: http://www.theaterkonstanz.de

Regie: Serdar Somuncu

Mehrere Kamerateams wuseln durch das Foyer, jagen den Intendanten in Hoffnung auf ein Statement. Sicherheitsleute kontrollieren die Aufgänge und vor dem Theater sind uniformierte Polizisten. Die Geister, die das Theater Konstanz rief, zeigen sichtbare Spuren: Nicht nur, dass „Mein Kampf“ ausgerechnet am Tag von Hitlers Geburtstag Premiere hatte, sondern mehr noch, dass auf der Suche nach dem „Hitler in mir“ der Zuschauer zum Nachdenken gebracht werden sollte, indem er sich entscheiden konnte, dass er im Zuschauerraum entweder eine Hakenkreuzbinde, belohnt mit einer Freikarte, oder einen Davidstern tragen sollte. Und weil sich das Ganze ausschließlich im Zuschauerraum abspielen sollte, verbuchte das die Staatsanwaltschaft unter dem Stichwort Kunstfreiheit. Nachgeschoben wurde dann von Theaterseite, um den Protest abzuwiegeln, dass, wer die Freikarten annehme, sich eingestehen müsse, wie korrupt er sei. Im Vorfeld war zu hören, dass insgesamt 50 Zuschauer sich für Freikarten angemeldet hätten. Für aufgeregte Hochspannung war also am Tag der Premiere gesorgt.

Und nun: Im Zuschauerraum waren viele aus Hamburg und Berlin angereiste Medienleute zu sehen, aber keine Hakenkreuzbinden und Davidsterne…  Ein Publikum, das gespannt zuschaute und sich auch traute zu lachen. Ein Zwischenruf während der gesamten 90 Minuten, die die Aufführung dauerte. Etwa vier Zuschauer verließen vorzeitig den Raum. Sie erlebten nicht mehr, wie am Ende zerrissene Hakenkreuze und Davidsterne auf das Publikum herabrieselten. Auch das, wie zu hören war, nur zur Premiere. Die gesamte Aktion ist abgesagt: das Ganze ist wohl doch nur eine PR-Maßnahme, die aber nur gelingen konnte, weil niemand in den Medien sich ernsthaft mit dem Autor George Tabori und seiner Geschichte auseinandersetzte. Dessen Familie wurde von den Nazis ausgelöscht. In seinen Stücken erzählt er mit manchmal schwer ertragbaren Witz schwarze Geschichten. So, auch in „Mein Kampf“, in einem Wiener Männerwohnheim spielend, in dem Herzl und Lobkowitz leben, die vor sich hin theologisieren und philosophieren. Da taucht ein junger talentloser Maler namens Hitler auf, der von der Kunstakademie abgelehnt, ein neues Lebensziel sucht und auf Raten von Herzl Politiker werden will.

Wo Tabori auf eine bitterböse Farce, 1987 in Wien uraufgeführt, abhebt, setzt der aus Funk und Fernsehen bekannte Kabarettist und Regisseur Serdar Somuncu, der auch jahrelang mit einem „Mein Kampf“-Programm erfolgreich tournierte, auf den moralischen Furor. Und das trotz allen kabarettistischen Witzes über die heutige Welt. Geschickt beginnt er mit Videofilmen, die von der Gegenwart, über Hitler und Stalin, dann mit Bildern aus dem ersten Weltkrieg enden, die die zeitliche Ebene der Handlung verorten. Und Thomas Fritz Jung als Herzl und Andreas Haase als Lobkowitz in Trumpfrisur (warum ausgerechnet diese Figur?) sind ein wunderbares Paar, mit Tempo und Spielwitz, übertrumpft noch von Pete Posniak als junger, verklemmter Hitler, der mal in dessen Tönen herumnölt, dann aber wieder ganz normal spricht. Ein schöner Regieclou ist, dass Posniak ganz ohne Hitlerbärtchen spielt, das dann aus Versehen Herzls aus schwarzer Schminke entsteht. Vanessa Radman ist eine schüchterne Frau Tod. Laura Lippmann spielt das Gretchen, das einmal die Woche zu Herzl kommt und dann mit Hitler geht, als kleines vorlautes Sex-Kätzchen. Was Tabori dezent andeutet, den Zusammenhang von Faschismus und verklemmten Sex, besetzt Somuncu deutlich, lässt auch Hitler sich tuntenhaft schminken und bewegen.

Wenn der Regisseur auch viele aktuelle Anspielungen in die Aufführung einstreut, so ist diese immer spannend, wenn der Tabori-Text pur auf die von Damian Hitz geschaffene Bühne kommt, auf der ein Etagenbett dominiert. In den Versuchen, in diese Ebene anachronistische Aktualisierungen einzubauen – so singt Hitler Helene Fischer's „Atemlos durch die Nacht“ -, wird deutlich, welche Wut auf diese Welt Somuncu hat. Das wird in zwei Bildern besonders virulent. Zum einen lässt er immer wieder Statisten auftreten, die sich an die Seite setzen und als Sinnbild der Wegschaukultur nicht einen einzigen Blick auf die Bühne werfen, wo beispielsweise gerade ein Mensch von Jugendlichen zusammengeschlagen wird, sondern Zeitung lesen oder mit ihrem Smartphone spielen. Zum anderen der Schlussmonolog von „Himmlisch“, süffisant von Tomasz Robak gespielt, der eine schwarze Puppe wie ein Tier zerteilt und ausschlachtet: ein böser Blick auf die deutsche Flüchtlingspolitik, kaum zu ertragen.

Bei allem öffentlichen Wirbel im Vorfeld ist „Mein Kampf“ eine spannende Inszenierung geworden, mit Furor und tollen Schauspielern.