Ensembleszene

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© Foto: Diana Küster
Schauspielkritik

Geständnisse in Realzeit

von Hans Christoph Zimmermann

Stephen Karam: The Humans. Eine amerikanische Familie

Premiere: 09.12.2017
Schauspielhaus Bochum
Homepage: http://www.schauspielhausbochum.de

Regie: Leonard Beck

Kippen im Hof. Gitter vor den Fenstern. Kakerlaken im Wohnzimmer. Die Müllpresse dröhnt. Die Nachbarin stampft. Wer in New York wohnen will, muss leidensfähig sein. Meint die als Kellnerin jobbende Komponistin Brigid Blake (Karolina Horster). Mit aufgeschäumter Fröhlichkeit empfängt sie ihre Familie zum Thanksgiving in der neuen Wohnung. Ihr quecksilbriger Überschwang, der die Assimilation ans Kulturleben des Big Apple erzwingen will, überspielt noch jedes Donnern und Pfeifen, das als Soundtrack die Bochumer Aufführung (Komposition: Nina Wurman) begleitet. Es sind mehr als akzidentelle Störgeräusche oder dröhnende kompturhafte Schicksalsschläge. Das Donnern ist in Brigids Wohnung Alltag. Klang gewordene gesellschaftliche Gewalt, die hier nicht einen libertären Außenseiter bedroht, sondern den gemeinen Menschen: The Humans.

Stephen Karams gleichnamiges Stück kommt als klassisches wellmade play in der Tradition amerikanischer Familienstücke von Arthur Miller bis Tracy Letts daher. Die irischstämmige Familie Blake trifft sich bei Tochter Brigid und ihrem zwölf Jahre älteren Freund Richard, der Sozialpädagogik studiert. Vater Erik und Mutter Deirdre wohnen in einer Kleinstadt, er hat Rückenprobleme und schläft schlecht, sie quält sich mit arthritischen Gelenken die Wendeltreppe der Maisonette-Kellerwohnung hoch und runter (Bühne: Otto Kukla). Oma Momo ist dement und döst brabbelnd im Rollstuhl vor sich hin. Und Tochter Aimee, die als Bankerin arbeitet, leidet an einer chronischen Darmkrankheit und wurde gerade von ihrer Freundin verlassen. Die irische Familienbande frotzelt und witzelt, knuddelt und streichelt, streitet und trinkt sich durch einen Abend in Realzeit – bis es Zeit wird für Geständnisse.

Karam zeigt Familie als mehr oder weniger funktionierende Wagenburg gegen gesellschaftliche Zumutungen. Darin liegt ein Moment des Sentimentalen, das allerdings angesichts jahrzehntelanger Familiendekonstruktionen fast schon subversiv wirkt. Die religiöse Mutter Deirdre (Johanna Eiworth) stürzt sich mit aufgeputztem Überschwang auf die Einrichtung der neuen Wohnung, Vater Erik (Bernd Rademacher) preist die Vorzüge der Provinz. Die spärliche Einrichtung aus Sessel und Kisten oben, Küchenzeile sowie Campingtische und -stühle unten wird durchgehechelt. Doch während im Skript der familientypische Duktus ritualisierter Vertrautheit dominiert, versucht die Inszenierung, die Figuren mit dem lauten Ton überspielten Leids zu überführen. Je artifizieller die Ungezwungenheit, desto tiefer vermeintlich der Abgrund, scheint die Vorgabe von Regisseur Leonard Beck zu lauten, der kurzfristig die Regie von Otto Kukla übernommen hat. Die Falle, die sich daraus ergibt, zeigt sich später in der Szene, wenn die so smart leidende Aimee (Kristina Peters) unbeobachtet im Obergeschoss ihrer Ex-Freundin hinterhertelefoniert. Derart unpersönlich hat noch selten jemand mit seiner verflossenen großen Liebe gesprochen.

Die Bochumer Inszenierung sucht so rat- wie erfolglos einen Mittelweg zwischen dem psychologischen Realismus und dem Symbolismus von „The Humans“. Denn Stephen Karam hat seinem Stück einen vertrackten doppelten Boden eingezogen. Die Auszehrung der Mittelschicht durch den Neoliberalismus ist das eine Thema. Das zweite ist die Unterminierung der psychischen Struktur durch die Angst nach 9/11. Beides verkörpert im Familienvater Erik, der seinen Job und damit seine Rente verloren hat, der Haus und Grundstück verkaufen muss. Zugleich leidet er unter wiederkehrenden Albträumen, weil er und seine Tochter damals nur mit Glück der Katastrophe entgingen. Bernd Rademacher als Erik macht diese psychoökonomische Auszehrung gerade deshalb glaubhaft, weil er sie eher unterspielt: Mit trockenem Witz, mit Beiläufigkeit, mit kleinen Fluchten in Footballergebnisse, seine unbeholfenen körperlichen Zuwendung seinen Töchtern gegenüber. Die düstere Symbolik des Stücks, das immer wieder auf die Metapher herabregnender Asche anspielt, scheut die Inszenierung und reduziert sie auf die (dramaturgisch unvermeidlichen) Donnerschläge. 

Beim großen Truthahnessen und mit steigendem Alkoholpegel werden dann die Geständnisse auf den Tisch gepackt: Nicht nur Eriks Jobverlust und Albträume. Auch Aimees Kündigung wegen ihrer Krankheit. Brigids versöhnlicher Freund Richard (Michael Kamp) hatte Depressionen und studiert mit 38 Jahren immer noch. Berufliches Scheitern paart sich mit einer Bestandsaufnahme menschlicher Gebrechlichkeit. Die vermeintlich aufgedeckten Geheimnisse am Ende wirken allerdings schon im Stück einem dramaturgischen Zwang geschuldet und auch die Inszenierung kann sie letztlich nicht glaubhafter machen. Zum guten Schluss inszeniert Regisseur Leonard Beck dann doch noch eine symbolisch aufgeladene Höllenfahrt. Die Podeste der Bochumer Bühne setzen sich lautstark in Bewegung und offenbaren plötzlich im Untergeschoss ein glühendes Purgatorio, in das Erik schließlich verschwindet.