Benjamin Lillie als Oberst Haik

Benjamin Lillie als Oberst Haik

© Foto: Arno Declair
Schauspielkritik

Politik im Pop-Gewand

von Hartmut Krug

Sinclair Lewis: It Can't Happen Here

Premiere: 20.09.2017
Deutsches Theater, Berlin
Homepage: https://www.deutschestheater.de

Regie: Christopher Rüping

Er kommt aus dem Publikum, der Journalist Jessup. Redlich und engagiert liefert er Argumente gegen den populistischen Politiker Buzz Windrip, der vor der Wahl mit großen Versprechungen und drastischen Reformen lockt. Doch Jessup hört, Argumente seien langweilig und erkennt ein Aufmerksamkeitsdefizit bei den Menschen, die keine  Reden, sondern Taten fordern.

Sinclair Lewis' satirischer Roman „It Can´t Happen Here“ aus dem Jahr 1935 wollte davor warnen, dass auch in Amerika der Faschismus möglich sein könnte. Heute wirkt sein fiktiver Roman teilweise wie ein Kommentar zum Aufstieg von Donald Trump.

Der Schauspieler Camill Jamal, der in der Rolle eines intellektuellen Journalisten an die Vernunft der Menschen appelliert, gibt sich bewusst von Beginn an farb- und chancenlos. Ein ernsthafter Gegner von Windrip ist er nicht. Das ist eine Schwäche des Abends, der zu einer One-Man-Show für Felix Goeser wird. Wenn der in einer Tiger-Jacke als Buzz Windrip an die Rampe tritt, kommt Leben in die Pop-Bude, als die sich die Bühne immer mehr erweist. Regisseur Christopher Rüping setzt auf Unterhaltung, es wird viel gesungen und getrommelt. Die Bühne wird beherrscht verschiebbarem Gestänge: Windrip erscheint hoch oben im Bühnennebel, den Scheinwerfer im Rücken, vor den Menschen (Bühnenbild: Julian Marbach). Goeser gibt einen Politiker als Rampensau, der sein 15-Punkte Programm wie ein Rockstar ins Mikrophon röhrt. Dabei wird er mit aggressiven Trommelwirbeln begleitet von Matze Pröllochs am Schlagzeug. Wir sehen eine bunte Politschau, in der Goeser einen rhetorisch überzeugenden, zynisch selbstironischen Politiker spielt. Der macht Stimmung gegen das Großkapital, Juden und Einwanderer und wirbt für sein Buch „Bibel der sozialen Gerechtigkeit“, das wohl keiner gelesen habe. Er röhrt die fünfzehn Punkte seines politischen und populistischen Programms mehr wie der Sänger einer Nummernrevue heraus, – darunter die Punkte „Bedingungsloses Grundeinkommen“, ein „Ende der Banken“ sowie ein höherer Etat für Polizei und Militär. Das ganze: musikalisches PolShowtheater.

Natürlich gewinnt Windrip die Wahl. Zur Siegesfeier wird das Publikum, das in dieser Inszenierung immer direkt angespielt wird, auf die Bühne gebeten. Windrip mischt sich jovial unters Volk. Es werden Getränke und Hotdogs angeboten. Erst zögerlich, dann munter begeben sich Zuschauer für die 30 Hotdogs auf die Bühne und verschwinden für einige Zeit hinter dem eisernen Vorhang. Bald aber tritt der Chefberater des neuen Präsidenten ans Mikrofon, ruft den Notstand aus und erklärt 126 Kongressabgeordnete für verhaftet. Der Journalist kommt ins Konzentrationslager, seine im Untergrund arbeitende Tochter (Wiebke Mollenhauer) verkauft sich sexuell, – aus politischen Gründen und um zu überleben, und der einstige Gärtner ihres Vaters macht Karriere als Folterknecht.

So geht es recht sprunghaft in einer szenischen Collage weiter, wobei das schlimme Geschehen oft mit komödiantischer Darstellung gebrochen wird. Windrip und sein ihm als Präsident folgender Berater (Michael Goldberg) werden erschossen, – übrig bleibt ein Oberst, der als Militärdiktator ohne jede moralische Verzierung einfach nur auf totalitäre Gewalt setzt. Das alles wird in einer mit zweieinviertel Stunden zu langen, pausenlosen Inszenierung schließlich stark nur auf Effekte setzend gespielt. Das Publikum war deutlich begeistert, der Applaus wollte kaum enden.