"Aus Tralien" in der Uraufführungsinszenierung an der Münchner Schauburg

"Aus Tralien" in der Uraufführungsinszenierung an der Münchner Schauburg

© Foto: Hans-Jörg Michel
Schauspielkritik

Etwas zu viel des Guten

von Manfred Jahnke

Martin Baltscheit: Aus Tralien

Premiere: 13.04.2018 (Uraufführung)
Schauburg, München
Homepage: http://www.schauburg@muenchen.de

Regie: Rüdiger Pape

Die eigentliche Bewährungsprobe einer Inszenierung im Theater für ein junges Publikum ist nicht die Premiere, sondern die erste Schulvorstellung, wo nur wenige Erwachsene und viele Kinder sitzen. Bei einer solchen „Premiere“ konnte ich nun dabei sein, litt unter dem ohrenbetäubenden Lärm von 180 Grundschulkindern im Foyer und staunte über die schlagartige Stille, als das Licht im Zuschauerraum ausging und spürte die Spannung im Zuschauerraum, zum Ende hin dann leichte Unruhe im Raum, die ich als erwachsener Rezensent ebenso spürte: Da wurde zum Schluss hin die eigentlich gelungene Inszenierung von Längen und Volten über die aufgebaute Spannung ausgedehnt und die Reaktionen der Kinder zeigten, wie sehr sie dies auch spürten, ohne eine Rezension zu schreiben.

Aber der Reihe nach: Martin Baltscheit hat in der gegenwärtigen Literatur die Position der Tierfabel besetzt, mit der menschliche Verhaltensweisen transformiert bzw. „verfremdet“ werden. Das macht er sehr erfolgreich, weil es ihm gelingt, durch diese Verlegung in der Übertragung offene Räume zu schaffen, die mehr Fragen aufwerfen, als Antworten liefern. Und er scheut auch nicht davor zurück, in seinen Fabeln auch knallharte politische Themen für ein junges Publikum zu verhandeln. In „Besuch aus Tralien“, das nicht nur als Theaterstück sondern auch als Roman existiert, dreht sich die Handlung um das Thema, wie gehe ich mit dem „Fremden“ um. Es geht um die Ängste und deren Lösungsstrategien, um „verbrüdern, ignorieren oder totschlagen“, wie es Baltscheit im Interview mit der Dramaturgin Anne Richter formuliert.

Dave kommt als Austauschschüler aus Tralien zu Sohn Piet in die deutsche Familie. Herrlich, wie diese ignoriert, dass Dave ein Krokodil ist. Die Ansprüche werden erst von außen gestellt, von der Schule, die einen „normalen deutschen Jungen“ gestylt haben möchte oder von der Nachbarin, die all ihr Gerümpel karitativ los werden möchte, beide Rollen komödiantisch pointiert von Anne Bontemps vorgeführt. Zugleich aber findet zwischen Dave und seiner Familie ein Annähern statt, werden Ängste überwunden, Vertrauen hergestellt. Damit steht aber die Familie plötzlich in Front zu den Nachbarn und der Ordnung, die schließlich Dave wegen seiner scharfen Zähne, die als Waffe benutzt werden könnten, ausweisen. Was Baltscheit hier gelingt, ist eine wunderbare Satire auf die Sottisen dumpfer Ängste vor dem Fremden und Verweise darauf, wie wichtig es ist, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinander zu setzen.

Wenn der Autor zu einer pointiert überspitzten Künstlichkeit greift, um die Ziele seiner Handlungskonstruktion transparent zu machen, so forciert an der Schauburg München Rüdiger Pape (Regie) diese Künstlichkeit noch. Gleich zu Beginn entwickelt er für Mutter (Simone Oswald) und Vater (David Benito Garcia) eine wunderbare Choreographie; sie springt da über das weiße Sofarechteck hin und her. Zugleich bleibt so die Zeit, den von Dietmar Teßmann geschaffenen Raum zu bewundern, der nach hinten abgeschlossen wird durch überdimensionale Flachfiguren: eine Bohrmaschine, ein an einem Auge  demolierter Gartenzwerg und eine italienische Kaffeekanne sowie eine Ampel – alle Ausdruck und Karikatur der Lebensweise einer mittelschichtsspezifisch definierten Familie. Und das wird denn doch im Laufe der Inszenierung zum Problem, weil so einiges vom ernsten und emotionalen Hintergrund abgezogen wird. Dabei funkelt das Bühnenbild von Details, wie die Holzscheibe als Gartenteich, in dem nach Monet-Manier dessen Seerosen-Bilder zitiert werden, oder, wenn, um einen neuen Spielort zu definieren, einfach eine Theke hereingerollt wird.

Diese Inszenierung prunkt mit wundervollen Details und ist in ihrem choreographischen Grundgestus, für die Sebastian Herzfeld eine passende Musik geschaffen hat, in sich stimmig. Sie  lässt Piet (Klaus Steinbacher, der auch den Dave mit Krokodilspapiermaske spielt), der sich sonst nur per SMS mitteilt, zwischen den Szenen per Video einspielen. Allerdings wird leider die Babypuppe, die die sonst so präsente Helene Schmitt führt, im Spiel nicht wirklich animiert, und Janosch Fries bleibt in seinen Rollen, u.a. als Lehrer oder Tierjäger Sprüngli blass. Zum Schluss hin hätte man stärker kürzen können: Da überschlägt eine Volte die andere. Dave wird ausgewiesen, Piet kehrt Piet heim und man rast gemeinsam zum Flughafen, um Dave zu treffen, gekrönt vom irritierenden Schlussbild, in dem Vater und Mutter in Krokodilsmasken auftreten und zeigen, dass Integration immer eine doppelte Beziehung eingeht.