Lesen im "Gesichtsbuch"...

Lesen im "Gesichtsbuch"...

Lou Strenger (Sabrina David/Babsi Bunt) und Sebastian Tessenow (Theo Glass)

© Foto: Sandra Then
Schauspielkritik

Gefangen im Zwischennetz

von Andreas Falentin

Philipp Löhle: Die Mitwisser

Premiere: 28.04.2018 (Uraufführung)
Düsseldorfer Schauspielhaus
Homepage: https://www.dhaus.de/

Regie: Bernadette Sonnenbichler

In seinem neuen Stück hat Philipp Löhle den Siri-Alexa-Komplex weitergedacht. Herr Kwant ist der neue, virtuelle und körperlich präsente ständige Begleiter, den sich jeder umsonst zulegen kann. Durch ihn und mit ihm dekliniert Löhle die gesellschaftlichen Entwicklungen, Absurditäten und Gefahren des digitalen Zeitalters durch. Sein Protagonist Theo Glass ist begeistert von Herrn Kwant, findet es unglaublich witzig, dass der sich laut Namensschild „Josef K.“ nennt, und weiß eigentlich nicht, was er mit ihm anfangen soll. Kwant speichert Glass‘ Leben in Datenform, steuert sein Konsumverhalten neu aus und verdrängt ihn schließlich aus Ehe und Beruf.

„Die Mitwisser“ hätten eine bitterböse Boulevardkomödie werden können, sollen aber mehr sein, zumindest ironisches Aufklärungsstück. Und am Ende wird, zumindest in Theos großem, in der Uraufführungsinszenierung komplett ironiefreiem Videointerview am Schluss, zusätzlich der moralischen Zeigefinger gehoben. „Eine Idiotie“ nennt der Autor sein Stück im Untertitel und schreibt zusätzlich vor: „Dieses Stück Science Fiction spielt in der Vergangenheit“. So entfernt er seinen nicht eben sympathischen Jedermann-Protagonisten immer weiter von uns.

Zumal die Inszenierung von Bernadette Sonnenbichler genau aus diesem Satz ihre Bildideen gewinnt. Martin Miotk hat eine Designbude ins Düsseldorfer Central gebaut, hübsch zusammengeramscht aus 40 Nachkriegsjahren. Die Kostüme und Frisuren von Tanja Kramberger schmiegen sich passgenau hinein. Und Sonnenbichler erzählt schlicht die Geschichte, lässt Herrn Kwant immer wieder in seine Aktentasche greifen und sein Allwissen aus analogen Quellen wie Heften und Mappen schöpfen. Die Figuren überziehen nach und nach die Bühne mit Dreck und Glass‘ Chef  quietscht perfekt getimt mit seinem Bürostuhl. Das ist alles nett, oft amüsant anzusehen – beginnt aber schnell, seinen Reiz zu verlieren. Zumal Sonnenbichler wenig Energie darauf verwendet, durch eigene Akzentuierungen Dringlichkeit herzustellen, sondern vor allem versucht, kleinere Baufehler in der Stückarchitektur zu korrigieren. So muss der undurchsichtige Nachbar an Herrn Kwant herumfummeln, um – und nur irgendwie – nachvollziehbar zu machen, warum er einerseits ganz planvoll die Herrschaft über das Paar Glass an sich reißt und ihm andererseits fast die Leitungen durchbrennen, wenn Anna Glass verlangt, dass er die Zahl Pi soweit als möglich aufsagt.

Für die veränderte Gesellschaft, die Herrschaft der Kwants, findet Bernadette Sonnenbichler dann ein großes Bild. Sie lässt vier Kleindarsteller über das Netz laufen, das in der Düsseldorfer Ausweichspielstätte die Lichtinstallation ermöglicht und vor dem Herunterfallen schützt und entfernt per Technik die Stimme von ihrem Benutzer. So entsteht ein kraftvolles, vom Akustischen her gedachtes, schlagendes Bild für Fremdbestimmung, das die Szene zudem von ihrem offensichtlichen Vorbild, den „Grauen Herren“ aus Michael Endes „Momo“, fernhält. Aber dann geht es brav, wie gehabt, weiter bis zum Ende.

Was bleibt, sind Kalauer („Freier Wille? Ist das dieser Delphin?“). Mit ihnen fettet Philipp Löhle sein Stück auf etlichen Ebenen an, übersetzt wesentliche, in den letzten 30 Jahren entstandene Anglizismen plan ins Deutsche zurück, spricht von „Gesichtsbuch“ und „Verfolger“, „Zwischennetz“ und „Pfeifenbläser“. Und Herr Kwant, alle Herr Kwants dürfen, müssen immer wieder „Gefällt mir!“ sagen. Und einmal sagt Kwant auf der Frage nach der Uhrzeit „19…84“. Und einmal bestellt ein Herr Huxley Blumen. Die, wie üblich in Düsseldorf, ausgezeichneten Schauspieler arbeiten sich hochprofessionell durch diesen Dschungel von Albernheit, Bedeutungshuberei und klugen Sottisen. Sebastian Tessenow lässt seinem Theo nach und nach Menschlichkeit zuwachsen, Florian Lange ist ein überraschend körperlicher und doch eleganter Kwant und Tanja Schleiff findet in Theos Frau Anna immer wieder die naturalistische Ausgangssubstanz, sozusagen einen Ibsen-Holzschnitt. Aber letztlich haben sie, wie Alexej Lochmann als herrlich qualliger Nachbar, Lou Strenger als lebenstüchtiges Dummchen, das als „Babsi Bunt“ YouTube-Karriere macht und Thomas Wittmann erst als freundlicher aber profithöriger Chef, dann als Kwants Verdopplung, keine Rollen. Sie sind Teil einer kleinteiligen, gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herbeizitierenden Beschreibungsmaschine, die uns umständlich vermittelt, was wir schon wissen.