Torsten Flassig und Ágnesh Pákozdi (vorn) in Péter Kárpátis „Das Ministerium der verlorenen Züge“ in der Regie von Viktor Bodó.

Torsten Flassig und Ágnesh Pákozdi (vorn) in Péter Kárpátis „Das Ministerium der verlorenen Züge“ in der Regie von Viktor Bodó.

© Foto: Robert Schittko
Schauspielkritik

Slapstick in der Transsibirischen Eisenbahn

von Alexander Jürgs

Peter Kárpáti: Das Ministerium der verlorenen Züge

Premiere: 01.12.2017
Schauspiel Frankfurt
Homepage: https://www.schauspielfrankfurt.de/

Regie: Victor Bodó

Mit Klischees geizt das Stück von Péter Kárpáti über eine Reise in der Transsibirischen Eisenbahn, inszeniert von dem ungarischen Regisseur Viktor Bodó, nicht. In den Abteilen der Bahn, die von Moskau nach Peking oder vielleicht auch ins Nirgendwo fährt, wird reichlich Wodka getrunken, die Schaffnerin strahlt sozialistisch-bürokratische Strenge aus, es gibt Tee aus dem Samowar, Gurken aus dem Glas und einen Chor in aus der Zeit gefallenen Kostümen, der russische Lieder singt. Wahrscheinlich entspricht vieles, was Kárpáti und Bodó hier schildern, sogar der Wirklichkeit, schließlich sind sie mit ihrem Team einen Monat lang mit der legendären Bahn gefahren, bevor sie sich an Text und Aufführung machten.

„Das Ministerium der verlorenen Züge“ nennen Péter Kárpáti und Viktor Bodó, der mit seiner Inszenierung von „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ bereits 2010 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, ihren Abend – nach einer Legende, die besagt, dass auf der Fahrt in den Osten nicht nur Wodkaflaschen und Brühwürste, Gepäck und Reisende, sondern ganze Züge verlustig gehen, und ein eigenes Ministerium sich darum kümmert, diesen abhanden gekommenen Fahrzeugen nachzuforschen. Gibt es diese Legende wirklich? Oder ist sie bloß eine Erfindung des Autors? Dass alles im Vagen, in der Schwebe bleibt, bestimmt „Das Ministerium der verlorenen Züge“.

Hauptfigur des Stücks ist der deutsche Reisende Moritz Anton Thürmann (gespielt von Sebastian Reiß), der über diese Eisenbahnfahrt ein Drama schreibt. Existieren die anderen Figuren, die neben ihm auftreten, also nur in seiner Fantasie? Erschafft er sie durch sein Schreiben? Oder entwickeln sie gegen ihren Erfinder ein Eigenleben? Diese Fragen wollen Kárpáti und Bodó im Bockenheimer Depot, einer Nebenspielstätte des Frankfurter Schauspiels in einem alten Straßenbahndepot, gar nicht auflösen.

Ihr Stück ist klamaukig, überdreht. Nicht nur der Wodkakonsum der Reisenden zieht sich wie ein Running Gag durch die Inszenierung. Es gibt auch zwei Männer, die immer wieder den Wecker stellen, um an den Haltebahnhöfen eine schnelle Zigarette zu rauchen, den Zwischenstopp dann aber doch regelmäßig verpassen. Und es kommt zu Sex auf der Zugtoilette. Wladimir Putin ruft an und spricht mit der Souffleuse. Ein Schamane tritt auf, der auch bloß nur eine Kippe und ein Glas Wodka will. Es gibt babylonische Sprachverwirrungen, eine Figur ohne Rolle und viel Slapstick. Man muss viel an Laurel und Hardy denken – und an „Die Reise nach Petuschki“.

Handwerklich ist der Abend hervorragend gemacht, vor allem der Live-Einsatz der Videokamera (Ágnesh Pakozdi) beeindruckt. In den Fenstern der Abteile und über dem Zug (Bühne: Juli Bálazs) sieht man die Projektionen. Zeitlupen werden in Echtzeit gespielt, eine Windmaschine aufgefahren, die Videos wirken wie eine Hommage an das gute, alte Hollywood-Kino. All das passt perfekt zu der Musik von Klaus von Heydenaber, der von Yuriy Shunevych geleitete Chor steckt viel Melancholie in die schönen Lieder. Berühren kann „Das Ministerium der verlorenen Züge“ trotzdem nicht. Die Figuren, vor allem der deutsche Moritz, der offensichtlich vor irgendetwas zu fliehen scheint, bleiben schwammig. Das Ende kommt allzu abrupt, vieles wirkt noch unfertig. Im Gedächtnis wird „Das Ministerium der verlorenen Züge“ wohl bloß als eine Aneinanderreihung von Gags bleiben.