Schauspielkritik

Ausgeträumt?

von Delia Friess

William Shakespeare: Sex und Liebe

Premiere: 10.06.2016
Volkstheater Rostock
Homepage: http://volkstheater-rostock.de

Regie: Sewan Latchinian

Ironisches Entsetzen: Titania (Sarah Zelt) als sie bemerkt, dass sie, durch einen Zaubertrank geblendet, mit einem Esel kopulierte. Der Esel, das ist der vom Puck (Ulf Perthel) verwandelte Handwerker Zettel, mit dem der Elfenkönig Oberon sein Spiel treibt, und der schon in Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" unter erschwerten Bedingungen Theater spielt. Nicht der einzige provokante Bezug, der auf die eigene Theatralität anspielt und vor dem Hintergrund der kulturpolitischen Debatte um die Entlassung des Intendanten Sewan Latchinian und die Umwandlung des Volkstheaters Rostock von einem Vier- zu einem Zwei-Sparten-Haus  zu deuten ist.

Im 400. Todesjahr vom William Shakespeare verknüpft Regisseur Sewan Latchinian in "SEX UND LIEBE", eine Koproduktion des Volkstheaters Rostock mit der HMT Rostock, zwei Tragödien des großen Meisters: "Romeo und Julia" und "Ein Sommernachtstraum". Ursprünglich sollte die Premiere im Maschinenraum des Volkstheater Rostock stattfinden und wurde kurzfristig nach Bekanntwerden des Intendantenwechsels in die Räume der HMT Rostock verlegt. Die Inszenierung verzichtet auf Bühnenbild und Requisiten und veranschaulicht den Probenprozess unter Sparzwang. Trotzdem schafft es Latchinian, die Ästhetik dabei nicht zu opfern. Die Bühne ist Zuschauerraum – der Zuschauerraum ist Bühne. Dort irren die Liebenden zwischen den Sitzen und Gängen umher, starren mal die Zuschauer an, rennen mal wütend gegen Wände oder verschwinden unter den Sitzen. Sinnigerweise rufen sich Romeo (Luke Neite) und Julia (Lisa-Marie Fedkenheuer), das große Liebespaar der Theatergeschichte, ihre Liebesschwüre über die Zuschauersitze hinweg zu. Man fragt sich, ob diese Spiegelung nicht auch auf die Aufführungspraxis im Elisabethanischen Zeitalter anspielt und die Zuschauer zur Empörung auffordert. 

Doppelbödig wird dann auch das "Stück im Stück", "Pyramus und Thisbe", aus dem Sommernachtstraum gleich weggekürzt. "Fünfter Akt. Zweite Szene": Die SchauspielerInnen switchen immer wieder auf eine Meta-Ebene und crossen zwischen den Tragödien hin und her. Aber was haben Shakespeares Tragödien noch für das Theater im 21. Jahrhundert zu bieten? Es ist ein modernes Ensemble, bestehend aus SchauspielschülerInnen der HTM Rostock und Schauspielern des Volkstheaters, das auch durch seine Diversität auffällt. Wichtig in einer Stadt, das durch die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen eine traurige Berühmtheit erlangte. Da ist die zeitlos schöne Sprache Shakespeares in den Übersetzungen von August Wilhelm Schlegel, der die SchauspielschülerInnen mit ihrer frischer Herangehensweise gewachsen sind. Deren leise und laute Nuancen sie spielen können und sie mit Rapeinlagen und eigenen, derberen und direkteren Übersetzungen aus dem englischen Orginial kombinieren.

Die SchauspielerInnen tragen alle gender-neutrale, weiße Unterwäsche. Das lässt auch die Übergänge zwischen Heiligen und Huren fließend erscheinen. Es sind aber die großen Frauenfiguren, denen Latchinian viel Raum gibt, und die Shakespeare bis heute lebendig erscheinen lassen: Julia, Hermia (Johanna Elina Reinders), Helena (Lia J. von Blarer) und Titania trotzen den Konventionen, Autoritäten und religiösen oder kulturellen Zwängen "ihrer" Zeit. Ganz unverkrampft wird hier, im Namen der Selbstbestimmung, den Männern die Kleider vom Körper gezerrt, sich verweigert – und auch auf homoerotische Abenteuer angespielt. Falls doch mal ein Irrtum durch einen Liebeszauber geschehen ist, wird sich nur gering verschämt das weiße Nachhemdchen über die knappe Unterhose gezupft, um sich gleich wieder in die freie Wildbahn der sexuellen Selbstfindung zu werfen. Am Ende finden die Liebespaare des Zauberwaldes wieder zusammen, nehmen regungslos in den Zuschauerreihen Platz und starren dem Publikum entgegen. Dann endet "SEX UND LIEBE" durch den Liebestod von Romeo und Julia. Der selbstreferentielle Ansatz vor dem Hintergrund der kulturpolitischen Debatte um die Zukunft des Volkstheaters Rostock ist sehr sinnhaft und gelungen. Die Inszenierung von Latchinian ist klar und konzentriert: Setting und Reduktion wirken sehr bildstark und kontrastriv zum starken sexuellen Gestus  der Inszenierung.