Auf dem Bild: Leonhard Dering, Franziska Machens, Wolfgang Menardi, Statisterie, Ulrich Matthes (auf dem Stuhl sitzen)

Auf dem Bild: Leonhard Dering, Franziska Machens, Wolfgang Menardi, Statisterie, Ulrich Matthes (auf dem Stuhl sitzen)

© Foto: Arno Declair
Schauspielkritik

Risse im Berg und im Bewusstsein

von Hartmut Krug

Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän

Premiere: 23.09.2016 (Uraufführung)
Deutsches Theater, Berlin
Homepage: https://www.deutschestheater.de

Regie: Thom Luz

Liest man Max Frischs Erzählung von 1979, so kann man sich kaum vorstellen, dass sie zu einem Bühnenstück werden könnte. Der einstige Geschäftsmann Geiser, der sich in einem abgelegenen Tessiner Tal zur Ruhe gesetzt hat, ist hier durch einen Erdrutsch und Dauerregen abgeschnitten von der Welt. Er fürchtet sich vor einem Bergsturz, sieht überall Risse und sucht in Lexika und alten Zeitungen Erkenntnisse und Sicherheit, denn „Wissen beruhigt“. Frischs Collage ist mit ihren vielen Zeitungsausschnitten und Buchzitaten eine erzählerische Bastelarbeit. Kein Text mit viel Handlung, aber mit tieferer Bedeutung. Geiser kämpft gegen den drohenden Verlust seiner Identität und schreibt seine Erkenntnisse auf Zettel, die er an die Wand pinnt.

Regisseur Thom Luz nimmt Frischs Parabel als Material. Er nutzt dabei nur einen kleinen Teil von Frischs Texten, fächert die Geschichte des Herrn Geiser auf und verteilt einige seiner Erzähltexte unter den Schauspielern auf. Herr Geiser (angenehm zurückhaltend: Ulrich Matthes) kommt lange gar nicht zu Wort. Wohl die Hälfte der achtzig Minuten der Aufführung sitzt er stumm auf einem Stuhl mit dem Rücken zum Publikum vorn auf der Bühne. Mehrmals scheitert er beim Versuch, sich in das Geschehen einzumischen. Ein Geschehen, das kaum szenische Aktion, sondern zumeist assoziatives, musikalisch-atmosphärisches Spiel ist.

Zu Beginn trägt der Pianist Daniele Pintaudi mit elegantem italienischem Akzent die Phasen und Zeiten der Kulturentwicklung und Menschheitsgeschichte vor, um dann Beethovens 6. Symphonie anzustimmen, was der zweite Pianist Leonhard Dering im Hintergrund der Bühne aufnimmt. An diesem Abend erklingt viel Musik: oft nur wie aus der Ferne angestimmt, hinter Gazevorhängen hervorklingend oder als Einzeltöne wiederholt. Die Pianisten spielen Bach und Bartok, die Schauspieler singen Volkslieder aus dem Tessin, während die Bühnenlandschaft mit ihren fünf hin und her bewegten Klavieren von Nebel fast verhüllt wird. Ein Podest hoch oben im Raum, über eine lange Treppe zu erreichen, wirkt wie der Teil eines Hauses. Von hier herab spricht Ulrich Matthes die Suchsätze des Herrn Geiser mit nüchterner Skurrilität. Und hier hinauf führt auch Judith Hofmann ihre Touristengruppe, mit der sie immer wieder durch die Szenen streift. Ihre Erklärungen für die Touristen bestehen aus Texten von Geiser, was einen schönen, scherzhaft-mehrdeutigen Effekt hat.

Luz spielt gern mit allerlei Bedeutungs-Effekten. So lässt er Scheinwerker effektvoll den Nebel durchteilen. Und in der undeutlichen, nebligen Bühnenwelt drehen sich mit der Bühne viele Tasteninstrumente, die hin und her bewegt und abwechselnd bespielt werden. Man hört Bach und Bartok, aber zuweilen werden die Instrumente auch mit großen Blechen versehen, worauf sie ganz ungewohnte Töne von sich geben, wie  Regen auf einem Blechdach klingen.

Es ist ein Abend, der zuweilen von schwebender Poesie bestimmt ist, aber zum Schluss allzu selbstsicher erscheint mit seinen bildhaften Bedeutungsszenen in der Redundanz.