Ensembleszene

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© Foto: JU
Schauspielkritik

Nachrichten aus dem Wirtschaftswunderland

von Manfred Jahnke

Martin Walser: Ehen in Philippsburg

Premiere: 11.03.2017 (Uraufführung)
Schauspiel Stuttgart
Homepage: https://www.schauspiel-stuttgart.de

Regie: Stephan Kimmig

1957 erschien der Erstlingsroman „Ehen in Philippsburg“ von Martin Walser. 2017 nun haben Jan Hein und Stephan Kimmig wenige Tage vor dem 90. Geburtstag des Autors eine Bühnenfassung zur Uraufführung gebracht. Wie wirken nach 60 Jahren die Nachrichten aus einem Wirtschaftswunderland, in dem die Doppelmoral einer noch restaurativen Gesellschaft hoch moralisch vorgeführt wird? Erstaunlicherweise hat die Geschichte vom Aufstieg des unehelichen jungen Journalisten Hans Beumann wenig Patina angesetzt, aber auch die von den Männern, die zwischen Ehefrau und Geliebte schwanken. Deren Bewusstseins-, oder besser: Rechtfertigungsstrom werden in vier Kapitel vorgeführt, mehr Reflexion als Handlung, kein einfaches Unterfangen für ein Theater.

Kimmig belässt den Roman in seiner Zeit. Ein kurzes Video zu Beginn der Aufführung führt die Mythen des Wirtschaftwunderlands vor. Katja Haß hat dazu auf der Drehbühne Räume aufgestellt, die mit Tüchern, Bilderrahmteilen, dunklem Holzfurnier Säulen und im Mobilar mit Zitaten des Gelsenkirchener Barocks arbeitet, schnelle Verwandlungen zulässt. Eine der Wände hat vier Türen, zwei davon mit dem leuchtenden Hinweis „Bitte Ruhe“. Die Kostüme von Anja Rabes malen auch mit stilisiertem Zeitkolorit. Auch musikalisch werden vom „lachenden Vagabunden“ bis „Blubayou“ die 50er Jahre in Erinnerung gerufen und der Existentialismus in französischen Chansons beschworen. Die musikalischen Arrangements von Michael Verhovec verarbeiten Melodien aus dieser Zeit, die Kimmig mit seiner Choreografin Sally Cowdin für einen überzeugenden Zugriff nutzt. Er lässt die Szenen aus dem 14-köpfigen Ensemble aus Partytänzen, wie man sie aus den alten Schlagerfilmen kennt, entstehen, mal in der Reihe, mal mit den Händen schüttelnd, mal klassisch in Paarkonstellationen.

Dieser Zugriff, der schnelle Tempi braucht, ist auch deshalb notwendig, weil Hein/Kimmig den Grundduktus des Romans beibehalten. Es gibt nur wenig Dialoge, die Textmassen sind zumeist in Form kleiner Monologe strukturiert, die insbesondere von Matti Krause als Hans Beumann bis zu seiner Verlobung mit der Unternehmerstochter Anne Volkmann die ganze Zeit auf einem kleinen Laufband sich fortbewegt, frontal vorgetragen werden. Durch diese monologische Grundstruktur gelingt es, die Isolation der einzelnen Figuren deutlich heraus zu stellen. Hein/Kimmig machen das gleich zu Beginn deutlich, wenn sich die Figuren mit ihren Problem nacheinander sich vorstellen, wobei auch hier häufig die Monologe aus szenischen Arrangements heraus entstehen, in der sich der Sprecher aus der Gruppe löst und diese nicht darauf reagiert: Im bildhaften Material wird so immer wieder Bewegung generiert.

Inhaltlich lassen Hein/Kimmig die Mediensatire von Martin Walser weg, weder der Intendant des Rundfunks, noch der Verwaltungsdirektor des Staatstheaters Stuttgart, pardon: Philippsburg treten in dieser Bühnenfassung auf. Dafür konzentrieren die Bearbeiter auf die Geschichte von Hans Beumann, in Parallele zum Rechtsanwalt und werdenden Politiker Alwin, der aus ärmlichen Verhältnissen kommend eine Adlige geheiratet hat, sowie auf die Geschichte des Dr. Benrath, der sich die Kunsthändlerin Cécile zur Geliebten hält und dessen Frau Birga sich umbringt. Konsequent entwickelt Kimmig in seiner Inszenierung das Psychogramm einer Gesellschaft, die auf reinen Materialismus ausgerichtet ist – und doch die Leere spürbar wird, ja, diese Menschen geradezu unter dieser Leere leiden. Kimmig setzt in seiner Personenführung stark auf dieses Moment und lässt hierzu die Figuren immer wieder in extreme, groteske Gesten auflaufen, die den Schmerz dieser Gesellschaft zum Ausdruck bringen.

Matti Krause als Beumann auf seinem Laufband ist ein Beobachter, der als Provinzler wie ein großes Kind auf dieses merkwürdige Panoptikum schaut und schnell lernt, sich opportunistisch in diese Gesellschaft einzupassen. Sandra Gerling führt als Unternehmerstochter Anne das Leben einer verhuschten Existenz vor, während sie als Marga, die Geliebte des, junge Begierde ausspielt. Felix Klare spielt den Frauenarzt Benrath nach außen hin als forschen Mann, der aber vor lauter taktischem Denken nicht mehr mit sich klar kommt und nach dem Selbstmord seiner Frau Birga (Verena Wilhelm) nicht zu seiner Geliebten Cécile (Svenja Liesau) zurück kehrt, sondern Philippsburg verlässt. Paul Grill spielt den Aufsteiger Dr. Alwin, der in die Politik einsteigt, als jemanden, der im Innersten unsicher und feige ist, der unter der Fuchtel seiner eiskalten Frau (Manja Kuhl) steht, die nur an das Materielle denkt. Manja Kuhl spielt auch die große Kunstmäzenin Bertha Volkmann, ihren sich zunächst im Hintergrund haltenden Ehemann spielt Michael Stiller, Horst Katterba führt seine Dichterfigur Klaff mit anrührenden Gesten vor, Abak Safaei-Rad brilliert als Sängerin Alice DuMont ebenso wie Sebastian Röhrle als Maler Claude, beide singen auch live ihre Chansons.   

Nach fast vier Stunden entlässt einen die Inszenierung in das nächtliche Stuttgart. Ein Blick vom Talkessel nach oben und die bange Frage: Ist der Materialismus als entscheidende Triebkraft in unserer Gesellschaft nicht noch stärker geworden?