Dascha Trautwein und Andreas Grothgar hängen sich rein in der Uraufführung von "Die Welt von hinten wie von vorne" in Mannheim.

Dascha Trautwein und Andreas Grothgar hängen sich rein in der Uraufführung von "Die Welt von hinten wie von vorne" in Mannheim.

Schauspielkritik

Die Werbefuzzis sind los

von Volker Oesterreich

Felicia Zeller: Die Welt von hinten wie von vorne

Premiere: 05.10.2013 (Uraufführung)
Nationaltheater Mannheim
Homepage: http://www.nationaltheater-mannheim.de

Regie: Burkhard C. Kosminski

Trommeln gehört zum Geschäft, auch auf der Bühne. Das halbe deutsche Feuilleton buchte Pressekarten, um bei der Uraufführung von Felicia Zellers Marketing-Farce „Die Welt von hinten wie von vorne“ im Nationaltheater Mannheim dabei sein zu können. Ein Abend über die Strategien der PR-Branche, bei dem der Name der 1970 geborenen Autorin selbst wie ein Markenzeichen wirkte. Kein Wunder, wurde doch gerade ihr Stück „X-Freunde“ zum „Deutschsprachigen Stück des Jahres“ gekürt. Auch davor schon sorgte die in Berlin lebende Stuttgarterin für Furore: als Preisträgerin des Brentano-Preises, als Mannheimer Hausautorin, als zweimalige Kandidatin für den Mülheimer Stückepreis und als Verfasserin der „Gespräche mit Astronauten“, die Burkhard C. Kosminski vor drei Jahren zu einem Geniestreich am Nationaltheater machte.

Nun also Felicia Zellers neues Werk, wiederum inszeniert vom Mannheimer Schauspielintendanten. Die Autorin führt uns mit ihren fünf Figuren die Abgründe der Werbebranche vor Augen. Wir erleben die Kaltschnäuzigkeit der PR-Strategen mit, lauschen ihren abgehackten Wortfetzen, die wie Slogans klingen. Lauter Zyniker strampeln sich da ab. Sie denken nur an die eigene Karriere und an die bestmögliche Kampagne für einen Prothesenhersteller, einen Automobilkonzern oder eine Pfeife von Präsidentschaftskandidaten. Ein Schelm, wer dabei an den gewulfften Niedersachsen mit dem weitverbreiteten Vornamen Christian denkt.

Journalisten und die öffentliche Meinung betrachten die Werbefuzzis als knetbare Masse. „Wir gestalten Deutschland“, sagen sie sich – egal ob es dabei um eine Aids-Kampagne geht oder um den Einfluss auf eine Talkshow, an der man insgeheim beteiligt ist. Nur „Rüstungsindustrie mach’ ich nicht“, sagt einer von ihnen, „Tabak ja“. Ein Restposten an moralischer Verantwortung ist also doch noch vorhanden. Das Quintett der Agentur „Mover und Shaker und Partner“ ist besetzt mit lauter Hipstern, die klobige Brillen tragen, mit extrem künstlich wirkenden Perücken ausstaffiert sind und in eng anliegenden Ganzkörpercondomen stecken, die halb Sportdress sein können, halb Comic-Outfit (Kostüme: Ute Lindenberg). Sie veranstalten „Meetings“, treffen sich zur Steigerung der Kreativität in der „Chillzone“, sondern schillernde Sprechblasen ab, und wenn sie besonders sportiv durch das vom Bühnenbildner Florian Etti entworfene Büroturm-Klettergerüst turnen, leuchten bunte Streifen an ihren Kostümen, so dass sie wie Piktogramme auf einer dreidimensionalen Excel-Tabelle aussehen.

Optisch macht der Abend also viel her. Akustisch auch, weil der Perkussionist und DJ Hans Platzgumer für perfekt wummernde Beats sorgt. Einen Schönheitsfehler hat die Produktion trotzdem: Andreas Grothgar, Dascha Trautwein, Klaus Rodewald, Sven Prietz und Sabine Fürst sind als Darsteller zwar mit vielen Wassern gewaschen, hier jedoch dürfen sie keine Charaktere spielen, sondern nur Charakterschablonen. Insofern ist „Die Welt von hinten wie von vorne“ leider weit von den deutlich besser gelungenen Stücken Felicia Zellers entfernt.

Weitere Termine: 13. Oktober 2013 – 18:30 Uhr, 29. Oktober 2013 – 19:30 Uh, 30. Oktober 2013 – 20:00 Uhr, 17. November 2013 – 20:00 Uhr