Dietmar Bär und Fridolin Sandmeyer in der Uraufführung "Furor" am Schauspiel Frankfurt

Dietmar Bär und Fridolin Sandmeyer in der Uraufführung "Furor" am Schauspiel Frankfurt

© Foto: Thomas Aurin
Schauspielkritik

Eindrucksvoller Papiertiger

von Andreas Falentin

Lutz Hübner, Sarah Nemitz: Furor

Premiere: 02.11.2018 (Uraufführung)
Schauspiel Frankfurt
Homepage: https://www.schauspielfrankfurt.de/

Regie: Anselm Weber

Es ist eine große Stärke des Dramatikerpaares Lutz Hübner und Sarah Nemitz, unserer Zeit sozusagen genau aufs Maul zu schauen. Diesen besonderen Blick gestalten sie stets souverän und vor allem mit klarer Haltung und bringen uns so dazu, über uns nachzudenken.

Das jetzt in Frankfurt uraufgeführte „Furor“ ist eines ihrer deprimierendsten Stücke, vor allem weil die gesellschaftliche Diagnose, die dem Text zugrunde liegt absolut stimmig, geradezu unwiderlegbar scheint. Ein großes, in gleich mehrfacher Hinsicht existenzielles Aneinander-Vorbei-Reden zweier Menschen wird hier gezeigt. Es gibt schlicht keine Verständigung. Und das, obwohl die AfD komplett draußen bleibt.

Der Politiker Braubach trifft auf den Paketboten Jerome. Der Anlass: Braubach hat Jeromes Cousin Enno überfahren, nicht schuldhaft zwar, aber er kommt doch zu Ennos Mutter, um ihr Hilfe anzubieten. Vielleicht aus gutem Herzen, bestimmt, weil Ministerialdirigent Braubach Oberbürgermeister werden will. Und weil der Unfall Schlagzeilen gemacht hat. Weil Enno vorbestraft ist und im Moment des Unfalls dabei war, einen Kontrolleur zu verprügeln.

Braubach kommt zu Ennos Mutter. Die spielt Katharina Linder als niedergedrückte, ängstliche, aber nicht vollkommen hilflose Person mit großem Charme. Sie ist die einzige Figur in dem 3-Personen-Stück, die aus ihrem intakten Wertesystem Kraft schöpft. Später kommt Jerome dazu. Der Kampf beginnt.

Jerome arbeitet für einen Sub-Unternehmer der Post, für 5 Euro die Stunde, trotz Mindestlohn. Er hasst die „Eliten“ und will daher an Braubach, den er dieser Kategorie zurechnet, ein Exempel statuieren, das der Anfang einer „Revolution“ sein soll. Er sieht sich und sein Umfeld abgehängt und ist daher dagegen. Gegen die da oben, gegen was auch immer. Seine Waffen sind das Internet, sein Hass und seine Hemmungslosigkeit. Braubach behauptet, Jerome zu verstehen, aber tatsächlich scheinen beide von verschiedenen Planeten zu kommen, eine Verständigung bleibt unmöglich. Beide erklären ihre Methoden und Vorhaben, Braubach in öligen, verwaltungsaffinen Satzgefügen oder billigen Dominanzparolen, Jerome durch pseudo-intellektuelles Gegeifer. Beide haben Recht und sind total auf dem Holzweg. Das Duell, das schließlich auch handgreiflich ausgetragen wird, kann keinen Sieger finden.

Lydia Merkel hat für „Furor“ die Basisfassung eines Wohnzimmers gebaut: Sofa, Stuhl, Tisch auf Läufer. Dieser Modellraum ragt aus einer realistischen Hochhausfassade heraus, die, da man sie über die ganzen 110 Minuten ansehen muss, fast Mahnmalcharakter bekommt. Auf der kleinen Spielfläche konzentrieren sich Anselm Weber und seine Schauspieler auf den Text. Es wird ohne Mikroports gespielt, es kommt kein Video zum Einsatz, leise Gitarrenmusik kommt ausschließlich als Szenentrenner zum Einsatz. „Furor“ in Frankfurt ist ein Kammerspiel, fast als Hörspiel denkbar. Denn der Text steht über allem. Es ist faszinierend, wie dicht er gebaut ist, wie nachvollziehbar, wie authentisch die Gespräche ablaufen, in der Selbstentlarvung wie im aggressiven Ausfall oder im Kreisen um die ewig selben Themen und Statements. Aber es ist sehr viel Text. Dass man trotzdem gerne zusieht, liegt an Webers durchgearbeiteter Inszenierung, vor allem aber an Fridolin Sandmeyer und Dietmar Bär. Man glaubt ihnen ihre Figuren. Sandmeyer ist Jerome, der ohne Schulabschluss ist, sich aber eine Menge Rhetorik und Wissen angeeignet hat, um sie als Waffe zu verwenden. Es ist aufregend zu sehen, wie Jerome darum ringt, nicht alles auf einmal auszuspeien. Schließlich Dietmar Bär als Braubach. Sein Leben und seine Angelegenheiten werden von seinem „Büro“ geregelt, als dessen Chef und Repräsentant er auftritt. Wo er hinkommt, kommt er freundlich, fast bescheiden – und stets von oben. Eine fast ekelhaft genaue Studie.

Manchmal geraten beide Männer wie aus Versehen in einen hohen, klassischen Theaterton, aber das nimmt dem Text überraschender Weise nur wenig von seiner Kraft. Es bleibt intensiv und deprimierend. Dass zwei Menschen keine Möglichkeit finden zu kommunizieren, auch weil sie das gar nicht wollen, weil Kommunikation nur noch Mittel zum Zweck ist. Und dass ein geistig verfetteter Mittelbau-Politiker tatsächlich Teil einer Elite sein soll. Aber auch das haben Lutz Hübner und Sarah Nemitz sicher gründlich recherchiert.