Ensembleszene

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© Foto: Jochen Quast
Schauspielkritik

Nur Gott weiß, was es anrichtet

von Florian Welle

Hans-Werner Kroesinger: #Meinungs­macher

Premiere: 19.01.2018
Theater Erlangen
Homepage: http://www.theater-erlangen.de

Regie: Hans-Werner Kroesinger

„Reconquer“ hat sich die diesjährige Digital Life Design-Konferenz auf ihre Fahnen geschrieben: Rückeroberung. Was auf der selbsternannten „Europe’s hottest conference“, die an diesem Wochenende zum vierzehnten Mal in München die Elite der digitalen Welt zusammenbringt, rückerobert werden soll? Die Gestaltung des Cyberspace. Diese darf nicht mehr, wie in den letzten Jahren geschehen, den großen Silicon Valley-Monopolisten Facebook, Google, Apple und Amazon überlassen bleiben. Denn was als Traum begann, hat sich sukzessive in sein Gegenteil verkehrt. Man muss sich nur einmal John Perry Barlows „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ von 1996 durchlesen, um zu verstehen, mit welchen Erwartungen man einst gestartet ist und was in Zeiten von Smartphone-Sucht, Hass-Post und Fake News aus ihnen geworden ist. Unter anderem heißt es bei Barlow: „Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht und Herkunft … Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die Eure Regierungen errichteten.“

Mittlerweile gestehen sogar die Tech-Giganten selbst ein, die Büchse der Pandora geöffnet zu haben. So ließ Sean Parker, einst Gründungspräsident von Facebook, im vergangenen Herbst mit einem Interview aufhorchen, in dem er unerwartet selbstkritisch gestand: „Die Motivation bei der Entwicklung der frühen Applikationen – und Facebook war die erste – war: Wie können wir so viel Zeit und Aufmerksamkeit der Nutzer wie möglich bekommen. Das bedeutete, dass wir einen regelmäßigen Dopaminausstoß triggern mussten, weil jemand ein Bild oder Post likte oder kommentierte“. Und er fuhr fort: „Nur Gott weiß, was es mit den Gehirnen unserer Kinder anrichtet.“ Sean Parkers bemerkenswerte Aussage kommt in einer gekürzten Version auch in Hans-Werner Kroesingers und Regine Duras jüngstem Stück „#Meinungsmacher – Du bist das Produkt“ vor, das gerade am Theater Erlangen seine Uraufführung erlebt hat.

Seit der Jahrtausendwende entwickeln die beiden zusammen Dokumentartheaterstücke, in denen sie Zitate, Dokumente und Statistiken so arrangieren, dass sie zu einem bestimmten Thema „den Mechanismus durchschaubar machen, in dem wir agieren“. Sagt Kroesinger. Auf die „#Meinungsmacher …“ übertragen heißt das, dass der Zuschauer für die Macht der sozialen Medien sensibilisiert werden soll allein durch die Komposition einzelner Statements von Mark Zuckerberg über Sean Parker bis Alexander Nix, Trumps Mann – nein, nicht fürs Grobe, sondern fürs Digitale. Was in diesem Fall möglicherweise dasselbe ist. Kroesinger und Dura halten sich dabei mit wertenden Kommentaren zurück, wollen also ganz hinter ihrem ausgestellten Material verschwinden. Doch natürlich ist das Arrangement selbst immer auch Statement. Dass die beiden der gegenwärtigen Entwicklung der digitalen Technologien kritisch gegenüberstehen, daran ist nicht zu zweifeln. In diesem Sinne sind auch sie Meinungsmacher.

Anders als es in diesen Tagen die DLD-Konferenz tut, nämlich über die digitale Zukunft nachzudenken, geht es Kroesinger/Dura im Markgrafentheater eher um eine aktuelle Bestandsaufnahme. Konkret: Sie lassen von sechs Schauspielern die wechselvolle Geschichte des Internets von dessen euphorischen Anfängen zu Hippie-Zeiten bis zum heutigen Tag nacherzählen. Akkurat chronologisch. Grundlage sind tatsächlich die guten alten W-Fragen. Das klingt dann trotz großer hölzerner Trichter, in die von Zeit zu Zeit wie in ein Megaphon hineingesprochen wird, wie in einer ziemlich konventionellen Uni-Vorlesung über Mediengeschichte: „Aber wie entstand eigentlich unser Internet?“ „Reisen wir zurück ins Jahr 1969, als alles begann“. „1971 – 23 Rechner sind vernetzt“ „Ebenfalls 1971: Versand der ersten E-Mail“. „1990: Die kommerzielle Phase des Internets beginnt“. „1994: Die Zahl der kommerziellen Nutzer des Internets übersteigt erstmals die der wissenschaftlichen Nutzer.“ „1998: Larry Page und Sergey Brin gründen Google.“ Und so weiter und so fort.

Mit der faktenbasierten Aneinanderreihung ist aber auch das Problem der Aufführung benannt, die dem Zuschauer wenig Neues erzählt. Mehr noch: Wenn sie dann in einem zweiten Schritt die milchbubigesichtigen Techies, allen voran Mark Zuckerberg, in verteilten Rollen zitiert, dann scheint sie den gesamten kritischen Diskurs gegenüber all den Monopolkapitalisten des Silicon Valley zu ignorieren. Dabei wird dieser doch seit einigen Jahren von Leuten wie zum Beispiel Evgeny Morozov („Smarte neue Welt“), Yvonne Hofstetter („Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen“) oder Byung-Chul Han („Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“) vehement geführt. Man muss wirklich in seiner eigenen Filterblase gelebt haben (was der durchschnittliche Theatergänger wohl eher nicht tat), um diese Debatten nicht zu kennen, die spätestens mit Trumps Social-Media-Wahlkampf und dem daraus resultierenden Wahlsieg in allen Medien, den neuen wie den alten, rauf- und runter besprochen wurde. Stichwort: Chat-Bots. Mit anderen Worten: Die Inszenierung traut dem Zuschauer nicht nur wenig zu, sondern rechnet erst gar nicht mit ihm als informiertem Bürger, der seinen digitalen Konsum möglicherweise bereits selbst zu hinterfragen begonnen hat. Dieser jedoch dürfte sich von dem Stück, das zum Beispiel auf ein immer drängender werdendes Thema wie Smart Home gar nicht erst eingeht, unterfordert fühlen. Anders könnte es mit Schülern sein, deren Lehrern nach der unter didaktischen Gesichtspunkten sorgfältigen Aufführung genug Diskussionsstoff für viele Stunden Unterricht an die Hand gegeben wurde.

Auch bei der Wahl der ästhetischen Mittel weiß die Inszenierung nicht zu überraschen oder einen gar einmal zu überrumpeln. Ästhetische Brechungen: Fehlanzeige. Weil die brav agierenden Schauspieler mit ihrer Gestik und Mimik stets das Erörterte verdoppeln müssen. Geht es ums süchtig machende Liken und den Facebook-Daumen, werden viele Minuten lang die Daumen gereckt und gestreckt, was das Zeug hält. Geht es um das chinesische Punktebelohnungssystem Sesam Kredit, das ab 2020 alle Chinesen förmlich um ein vermeintlich glückliches und zufriedenes, also staatskonformes Leben spielen lässt, rennen alle sechs auf der Stelle, bis sie ganz außer Atem sind. Auch die Videoprojektionen von Rob Moonen tendieren lediglich zur Bebilderung. Kommt die Sprache auf die vor allem für Wahlkämpfe und Werbung genutzte Praxis des Mikrotargetings, erscheint auf der Leinwand das Tatort-Logo mit einem Menschen darin. Da überrascht auch das düstere Ende nicht. Wenn wir so weiter machen, sagen die nun umgestürzten Trichter, dann: Gute Nacht!