Hier am Boden, sonst groß aufspielend: das Ensemble in "Ein grüner Junge"

Hier am Boden, sonst groß aufspielend: das Ensemble in "Ein grüner Junge"

© Foto: Thomas Aurin
Schauspielkritik

Geschichten aus St. Petersburg

von Detlev Baur

Fjodor Dostojewskij: Ein grüner Junge

Premiere: 01.11.2018 (Uraufführung)
Schauspiel Köln
Homepage: http://www.schauspiel.koeln

Regie: Frank Castorf

Dostojewskij-Romane lesen sich mühsam mit ihren zahlreichen Personen (mit uns unverständlichen, langen Namen), mit zahlreichen Handlungssträngen und sehr langen Gesprächen. Genau damit sind sie das bewährte Futter für den prägendsten deutschen Schauspielregisseur der letzten Jahrzehnte. Ausufernd, ausdauernd und anarchisch spielte er mit seinen coolen und zugleich einsatzfreudigen Darstellern die Irrungen dieser verirrten Seelen durch und machte das Publikum, so es denn bis zum Ende durchhielt, mit Live-Video-Projektionen aus den Innenräumen, mit Drehbühnen, Slapstick und intensiven Gesprächen in und neben den Rollen zu treuen Komplizen. Vor knapp 30 Jahren inszenierte er schon einmal am Schauspiel Köln „Hamlet“, nun brachte der ehemalige Intendant der Berliner Volksbühne dort den letzten der fünf „großen Romane“ Dostojewskijs auf die Bühne. „Ein grüner Junge“ oder „Der Jüngling“ ist der jüngste und mit Abstand unbekannteste.

Die Titelfigur ist das uneheliche Kind eines verarmten Adligen; er kommt aus Moskau, wo er in einem privaten Internat vom Erzieher gequält wurde, nach St. Petersburg, um seinen leiblichen Vater zu treffen, und seine „Idee“ zu verwirklichen: Durch extreme Sparsamkeit will er reich werden, damit er Macht erlangt. Im Roman ist dieser Arkadij ein nicht unbedingt sympathischer verwirrter junger Mann, der sich in abstruse Gesprächsbeiträge – etwa seine Idee oder die Ablehnung von Frauen – versteigt. In der Kölner Inszenierung ist der junge Darsteller Nikolay Sidorenko ein sanfter und sympathischer junger Mann, der in den Weiten der Petersburger Welt eingeschüchtert wirkt, sich aber langsam orientiert und dann auch vor einem Boxkampf nicht zurückschreckt und ganz am Ende, nach sechs Stunden, in das Türmchen des Hauses steigt, um kurz von oben einen Blick auf den Schauplatz zu werfen.

Auf der rechten Seite der Bühne hat Aleksandar Denic eine überaus russisch wirkende Blockhütte gebaut, die zwischen Datscha und Schlösschen vieles bedeuten kann. Die extrem breite Bühne in der Ausweichspielstätte des Schauspiel Köln wird intensiv genutzt, denn hinter einem Zaun samt Tor befinden sich noch ein roter Lada mit Boot auf dem Dach, Tische vor Filmplakaten und links schließlich ein kleiner Wohncontainer mit russischer Pepsi-Werbung. So wie die Bühne zahlreiche weitere Spielangebote macht – mit einer Solarium-Bank und schulischen Turngeräten im Haus oder Spielautomat und Jukebox im Hof – spielt auch das elfköpfige Ensemble zahlreiche Facetten des Textes, ohne je eine „runde“ Geschichte abzuliefern.

Ohne aus Berlin importierte Schauspieler, lediglich mit der Französin Tiphane Raffier als Gast, wirkt der Start am Allerheiligen-Abend noch etwas gebremst, auch weil Bruno Cathomas hörbar ­ – und immer wieder gerne thematisiert – mit seiner Stimme zu kämpfen hat. Dann findet das gesamte Ensemble aber bemerkenswert in das Castorfsche Intensivtheater aus überdrehtem, hyperintensiven Lautsprechen und Herumrennen, das zugleich unglaublich entspannt wirkt. Die Auseinandersetzungen und Annäherungen Arkadijs mit seinem leiblichen Vater (meist Peter Miklusz) sind ebenso ein Motiv wie der Selbstmord einer jungen Frau, Arkadijs „Idee“, die Frage nach der Rolle der russischen Nation oder Arkadijs Treffen auf ihn verwirrende junge Frauen aus Familie oder Stadt (Sophia Burtscher, Melanie Kretschmann, Tiphane Raffier, Sabine Waibel und Ines Marie Westernströer). 

Die Rollen sind nicht immer einfach erkennbar. Von Anfang an ist deutlich, dass das Ensemble (zu dem auch Nicolas Lehni, Sean McDonagh und Mathias Oster gehören) die Geschichte Arkadijs oder eigentlich Auszüge davon dem Publikum berichtet und vorspielt. Im Wechsel zwischen frontalem Spiel auf der Vorbühne mit Live-Projektionen aus den Hinterräumen auf eine große Leinwand über dem Zaun und der Pepsi-Bude ist „Ein grüner Junge“ ein fast opernhafter Abend. Die Musik (von William Minke, stilistisch extrem vielfältig mit russischen Schlagern, Rock’n‘Roll, Filmmusik oder atmosphärischer Sound) wechselt deutlich mit Sprechpartien, direkt sichtbares Spiel mit Filmprojektionen. So sind während eines Gesprächs Arkadijs mit seinem Vater anrührende (russische) Filmbilder von einem kleinen Jungen, der seine Eltern stört und von anderen Kindern geschlagen wird, zu sehen. Die Kombination der unterschiedlichen Sphären steigert noch die Intensität. Später findet eine Boxszene Arkadijs (vorne) im Wechsel mit dem Bericht zur Vorgeschichte des Selbstmords der jungen Frau (im Live-Film) statt. Auch wenn sich Einzelheiten der Geschichten und Figuren dem Zuschauer kaum erschließen, ist jede Szene für sich von großer Kraft und Klarheit. Die Szenen um den jungen Mann herum schaffen einen Kosmos, der viel von verwirrten Figuren, Hass, Verzweiflung und verständnisvollem Zuhören erzählt.

Castorf und sein Team (Kostüme: Andriana Braga Peretzki, Video: Andreas Deinert, Licht: Rainer Casper, Dramaturgie: Julian Pörksen) bauen die Chronologie des Textes zwar um, suchen aber kaum außerhalb des Romans (außer kurzen französischsprachigen Stellen, womöglich von Baudelaire) Assoziationsebenen – kleine Verweise auf Presse und Familie im Ensemble ausgenommen. So entsteht in dem sehr musiktheaterähnlichen Abend ein süffiges, häufig auch melodramatisches Potpourri. Die anarchische Kraft aus der großen Volksbühnen-Zeit, wo das Publikum auch liebevoll gequält wurde, scheint verloren. „Der grüne Junge“ ist etwas glatter und unterhaltsamer, dabei aber extrem virtuos komponiert. Die Mischung aus vollem künstlerischem Einsatz und innerer Entspanntheit in dieser verrückten Welt schafft angenehm kathartisches Theater.