Chaos am Flughafen: "Eyjafjallajökull-Tam-Tam" am Münchner Residenztheater.

Chaos am Flughafen: "Eyjafjallajökull-Tam-Tam" am Münchner Residenztheater.

© Foto: Thomas Dashuber
Schauspielkritik

Reales inszeniertes Chaos

von Anne Fritsch

Helmut Krausser: Eyjafjallajökull-Tam-Tam

Premiere: 09.10.2011 (Uraufführung)
Bayerisches Staatsschauspiel, München
Homepage: http://www.residenztheater.de

Regie: Robert Lehniger

Im März 2010 brach der isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen aus – und legte den Flugverkehr über Europa lahm. Martin Kušej, neuer Intendant des Münchner Residenztheater, wie das Bayerische Staatsschauspiel fortan heißt, schloss sein insgesamt enttäuschendes Eröffnungswochenende mit einem Projekt ab, das sein neues Ensemble vorstellen soll. Helmut Krausser schrieb ein Auftragswerk mit dem Titel „Eyjafjallajökull-Tam-Tam“. Es ist eine Ansammlung unzähliger Mini-Szenen über Menschen, die der Zufall mit Namen Eyjafjallajökull in einem Flughafen zusammenpfercht. Alle Schauspieler spielen mit. Wer gerade anderweitig verplant ist, ist auf Video-Einspielungen zu sehen. Sprich: Kein Abend ist wie der andere.

Alain Rappaport hat den Marstall in ein Flughafenterminal mit VIP-Lounge, Gates, Sicherheitsschleuse und allem, was dazugehört, verwandelt. Hier also sitzen Publikum und Schauspieler gemeinsam fest; die Zuschauer werden zu Statisten, zur stummen, duldsamen Masse. Regisseur Robert Lehniger steuert sie via Lautsprecheransagen durch den Abend: Hier werden Dreibeinhocker ausgegeben, dort gibt es Getränkebons… Überall entwickeln sich scheinbar spontane Szenen.

Das Spannende ist: Weil fast alle Schauspieler neu sind, verbreitet sich eine kollektive Ungewissheit. Wer spielt? Wer ist echt? Die Unsicherheit, die dargestellt wird, überträgt sich auf die orientierungslosen Zuschauer: Wohin gehen? Hinsetzen oder stehen bleiben? Aus dem inszenierten Chaos wird ein reales. Nachteil: Es ist unmöglich, alles zu sehen. Man ahnt, dass nebenan Neues vorgeht, während man selbst die gleiche Szene zum dritten Mal sieht. Die Schauspieler werden zu Nomaden, die in der Halle campieren. Die Zuschauer werden zu Nomaden, die der Herde folgen, auf der Suche nach geistiger Nahrung. Irgendwann werden am Lagerfeuer Lieder gesungen und Salzstangen herumgereicht: Ja, ja, so ein Stillstand ist doch der beste Moment, sich aufs Wesentliche zu besinnen.

Kraussers Text schwankt zwischen Realismus und Überhöhung, bleibt jedoch die meiste Zeit in einem beinahe naturalistischen Szenario stecken – wie auch die Inszenierung Lehnigers: Was macht der moderne Mensch, dessen Leben grad mal anhält? Er zückt sein Handy und erzählt es allen, die es interessiert – oder auch nicht. Smartphones und normale Handys sind die Hauptrequisiten des Abends. Was in sie gesprochen wird, kann man bei jeder S-Bahn-Verspätung am Bahnsteig ablauschen. Krausser hat dem Volk aufs Maul geschaut, das Ergebnis ist entsprechend. Zwischen Klopapier und dem Messias, zwischen Handyempfang und Holocaust, zwischen ewigem Leben und gähnender Langeweile dreht sich dieser Abend, der alles sein will und doch eher nichts ist, im Kreis, bis er abrupt endet: Die Aschewolke hat sich verzogen, der Luftraum ist wieder offen, auf Wiedersehen. Am Ende war es, was es auch in der Realität war: Viel Tam Tam um wenig.