Gemeinsam stark!

Gemeinsam stark!

"Proletenpassion" in Essen

© Foto: Martin Kaufhold
Schauspielkritik

Schmetterlinge im Geschichtsb(a)uch

von Andreas Falentin

Heinz R. Unger, die Schmetterlinge: Proletenpassion

Premiere: 10.05.2018
Schauspiel Essen
Homepage: https://www.theater-essen.de/schauspiel/

Regie: Bernd Freytag, Mark Polscher

42 Jahre können sehr lange her sein. 1976 schrieben der Autor Heinz R. Unger und die Rockband „Schmetterlinge“ ein Rockoratorium, das sie bei den Wiener Festwochen uraufführten. Es war gedacht als eine Art künstlerisch durchgearbeitete und fragmentarische alternative Geschichtsschreibung. Von den Bauernkriegen bis zur französichen Revolution, über die Pariser Kommune und die Oktoberrevolution bis in den Faschismus hinein sollte der Blick von unten kultiviert werden, das Lied der oft entrechteten Masse gesungen werden. Textlich und musikalisch kommt das Ganze als große, von der Flutwelle der 68er-Revolte getragene Utopie daher, mit Textstellen wie „Dem einigen Volk gehört sein Staat“ und einer aus dem musikalischen Fundus von Volks- und Arbeiterliedern schöpfenden, mit Rock-Elementen verbrämten Klanggestalt.

Nostalgisch könnte man werden, so naiv, so herzig wirkt das heute. Und doch haben Bernd Freytag und Mark Polscher ausgerechnet aus dieser Vorlage einen der spannendsten Schauspielabende der Spielzeit entwickelt, sowohl dramaturgisch als auch musikalisch und schauspielerisch originär, wenn nicht gar innovativ.

Den Liedern über Leid und Entrechtung der „Proleten“, des sogenannten einfachen Volkes, stellt der als Sprechchorleiter bei etlichen von Volker Löschs Erfolgsprojekten bekannte Freytag eigene, in der Regel solistisch gesprochene Texte entgegen. In diesen wird hochpoetisch und –konzentriert, die Selbstbewusstseinskrise und Zerrissenheit des Individuums beschrieben. Ganz aktuell und heutig, verortet zwischen der Gier nach möglichst raumgreifender Selbstentfaltung und der Sehnsucht nach Geborgenheit bei anderen Menschen bis hin zum Verschwinden in der Masse. Das ist nicht nur treffend beobachtet und fantastisch gespielt, sondern öffnet auch die chorisch gesungenen und gesprochenen Texte der Vorlage, gleichsam von hinten.

Damit korrespondiert die musikalische Gestaltung. Es wird ausschließlich a capella gesungen, oft, besonders bei Silvia Weiskopf und Henriette Hölzel, auf allerhöchstem Niveau – und immer ohne Mikroports. Die menschliche Stimme versinnlicht alte wie neue Texte, belebt sie durch authentischen, nicht technisch nachregelbaren Vortrag, der durch kleine musikalische Ungenauigkeiten nicht das Geringste verliert. Dazu sind nahezu alle Mitwirkenden mit Musikinstrumenten ausgestattet,  mit denen die meisten hörbar allenfalls bedingt vertraut sind. Sie machen Krach zusammen, wütend, rebellisch, die Gemeinsamkeit genießend. Hier und da stehlen sich wie von ungefähr Strukturen hinein, es entwickelt sich etwas, es entsteht – Musik.

Die Bühne ist dunkel und leer. Freytag, Polscher und Christina Hillinger haben alle Mitwirkenden in schwarz dominierte, gedeckte Farben gesteckt, in Hemd und Hose und antiquiert wirkende Jacken- Westenoberteile. Und alle tragen Hüte. Unwillkürlich denkt man an Chaplins Tramp, an Magrittes surrealistische Bilder, an Zimmerleute auf der Walz, an kleine Leute, an das Fremde und die Entfremdung. 25 Menschen, die zumindest nicht hauptberuflich dem Schauspielerberuf nachgehen, aber alle sechs Wochen Vollzeit geprobt haben, hat das Schauspiel Essen für dieses Projekt gecastet und mit fünf Ensemblemitgliedern zusammengespannt. Und – Wunder und Clou der Inszenierung – sie haben zu einem Team zusammengefunden. Was nicht heißt, das alle „Laien“ große Solo-Szenen hätten oder die „Schauspieler“ nur im Chor mitwirken. Aber, Beispiel unter vielen, bei der Rezitation von Heines „Webern“, steht der Schauspieler Sven Seeburg mitten im Sprechchor, spricht mit, führt das Chor-Ensemble aufgrund seiner schauspielerischen Fähigkeiten an, zieht es mit, lässt sich aber auch von seiner Energie stützen. Man arbeitet in fast allen Szenen barrierefrei miteinander. Jeder kann tatsächlich seine Stärken einbringen, jeder Sprechchorist, jede Sprechchoristin ein Individuum, jede Schauspielerin, jeder Schauspieler ein Teamplayer.

Freytag und Polscher haben so aus dem Nährboden einer 40 Jahre alten, nicht mehr vermittelbaren Utopie eine neue entwickelt, auf der und für die Theaterbühne. Und setzen so nachdrücklich das Thema, das auch die alten Texte zusammenbindet: Solidarität als Wunschvorstellung und Rettungsanker – und warum das einfach nicht klappt, hier und anderswo.

„Die Antworten ändern sich, aber die Fragen bleiben“, sagte ein kürzlich verstorbener Kölner Germanistik-Professor oft und gerne. Nur müssen die eben auch gestellt werden.