Tara (Sophia Melbinger) und Mutter (Beatris Doderer) in der Uraufführung von "Kluge Gefühle"

Tara (Sophia Melbinger) und Mutter (Beatris Doderer) in der Uraufführung von "Kluge Gefühle"

© Foto: Sebastian Bühler
Schauspielkritik

Mutter, Tochter, Vaterland

von Detlev Baur

Maryam Zaree: Kluge Gefühle

Premiere: 20.04.2018 (Uraufführung)
Theater Heidelberg
Homepage: http://www.theaterheidelberg.de

Regie: Isabel Osthues

Maryam Zaree ist Exil-Iranerin der zweiten Generation; sie wurde in Teheran geboren und wuchs dann in Deutschland auf. Mit ihrem Stück „Kluge Gefühle“ gewann sie im letzten Jahr den Autorenwettbewerb des Heidelberger Stückemarktes; traditionsgemäß eröffnet nun die Uraufführungsinszenierung des Theaters Heidelberg den Stückemarkt. Auch Tara, die Hauptfigur des kammerspielartigen Textes ist eine junge deutsche Frau mit Migrationshintergrund. Zu Beginn bewegt sie sich noch ganz in den Sphären eines Befindlichkeits- oder Nicht-Beziehungs-Dramas; per Chat verliebt sie sich unglücklich. Sophie Melbinger beginnt das Spiel mit Turnübungen auf der Bühne voll türkis gesprenkelter Quader und Bauelemente (Bühne: Jeremias Böttcher). Hier wirkt die Inszenierung von Isabel Osthues noch etwas hyperaktiv, doch im Folgenden konzentriert sich das Geschehen auf die von innerer Verwirrung geprägte Situation Taras. Die fragil-flexiblen Bauklötze stehen für ihr und ihrer Mutter Heim, das Zuhause der besten Freundin Rabia oder die Praxis des Analytikers, aber auch - zumindest andeutungsweise - für die Mauern des Gefängnisses im Iran, in dem Tara geboren wurde. „Kluge Gefühle“ ist in erster Linie ein Tochter-Mutter- Drama, das sich jedoch nicht auf die bekannten Generationenprobleme beschränkt. Über den Tod der Vater und den Gefängnisaufenthalt der Mutter herrscht zwischen den beiden Frauen ein intensives Schweigen. Bis Tara durch den Hinweis des freundlichen persischen Taxifahrers, der ihr die verlorene Handtasche vorbeibringt, den Internet-Stream ihrer Mutter bei einem symbolischen Volkstribunal in Den Haag sieht. Ihre Geburt und Folter sind also eng miteinander verbunden.

Die Heidelberger Inszenierung schafft die Erweiterung des Selbstfindungsdramas zum weltpolitischen Familiendrama durch eine kluge Konzentration auf die Figuren: im Zentrum steht (sitzt oder krabbelt) Tara, die von Sophie Melbinger ernsthaft und mit großer Präsenz gespielt wird; ihr Leiden an ihrer Geschichte überwindet sie erst am Ende: Für das finale Speeddating greift sie einen Stuhl aus dem Publikum und verliert ihre verkrampfte Fokussierung auf sich selbst. Auch die anderen Akteure des – ausnahmslos mitteleuropäisch geprägten – Ensembles zeigen überzeugende Figuren und sind dabei ruhige Mitspieler in Taras Drama. Das kleine, gut geschriebene, ästhetisch nicht sonderlich innovative Stück hat wie so viele neue Stücke vermutlich keine ganz große Zukunft vor sich. In einer so sorgfältigen und runden Inszenierung (auf der Bühne voll eckiger Bauteile) wie sie Isabel Osthues und ihrem Team gelingt, schaffen „Kluge Gefühle“ aber durchaus die Grundlage für sehenswertes, anregendes Theater.