Schauspielkritik

Draußen ist Ebbe

von Jens Fischer

Thomas Köck: dritte republik

Premiere: 02.11.2018 (Uraufführung)
Thalia Theater, Hamburg
Homepage: https://www.thalia-theater.de

Regie: Elsa-Sophie Jach, Thomas Köck

Gruselwillig spielen Ventilatoren mit Gardinen, die im Halbrund den von Stephan Weber geleerten Bühnenraum umarmen. Einige Säulen sollen ihn als Abendland markieren. Nebel, Nebel und noch mehr Nebel erhebt sich als Vorhang. Kommt später auch beim Stichwort „eisige Wand“ und „Grenze“ zum Einsatz. Mit Oma-Perücke und Hosenanzug ist Barbara Nüsse als bürokratisch verknöcherte Geodätin ausgestattet und vervollständigt das Rauch-Event, indem sie sich eine Zigarette anzündet. Nebenbei startet sie mit distanzierter Stimme die kafkaeske Erzählung ihrer Figur, die in einer „höchst zerfickten Drecksprovinz“ herumirrt, Außengrenzen sucht, um sie neu zu vermessen. Während ein kauziger Kutscher ihr die Blindheit der Menschen nahebringt. Von zerstörten Ländern geht die Rede. Winter 1918/19. Aber erstmal schmeißt Nüsse eine Gegenwindmaschine an. Sturm! Der bläst den Nebel ins Publikum – und verflüchtigt sich schließlich. Endlich klare Sicht. Ein Verweis auf die dezente Neuorientierung des österreichischen Schöngeistes Thomas Köck. Nicht mehr das verfremdende Reden in der dritten Person bestimmt die sprachspielerischen Assoziationsfluten in „dritte republik“. Das bisher bodenlose, sich allmählich verfertigende, aber nie verfestigende monologische Endzeit-Denken Köcks ist nun teilweise in dialogische Szenen gefügt, mäandert weniger nach dem Vorbild Elfriede Jelineks dahin, sondern experimentiert mit heinermüllernden Verdichtungen, wirkt daher inhaltlich wie sprachlich prägnanter als in den bisherigen Stücken, mit denen die Evolution des Kapitalismus als Prinzip der Selbstauslöschung des Menschen analysiert wurde, was auch im neuen Text nicht unerwähnt bleibt.

Zwischen den Kassandra-Rufern und Dystopie-Malern Europas will Köck aber nun Klartext reden und das Grundübel, die Nationalstaaterei, endlich verständlich benennen. Sie wird für die zu schwache, zu langsame, zu ineffiziente EU verantwortlich gemacht. Die kann als Vereinigte Nationalstaaten Europas, die egoistisch ihre Interessen verfolgen, nie China, Russland und den USA auf Augenhöhe gegenübertreten und dem Kontinent eine von den Märkten geraubte Souveränität auch nicht zurückgewinnen. 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der folgenden Republikanisierung, ein halbes Jahr vor der nächsten EU-Wahl und kurz bevor am 10. November auch von Balkonen deutscher Theater die postnationale Republik Europa ausgerufen werden wird, scheint jetzt ein idealer Zeitpunkt, den ganzen EU-Schlamassel auf der Bühne zu behandeln. Köck bezieht sich in seinem Text mit direkten Zitaten auf die Initiatoren des „European Balcony Project“, den Schriftsteller Robert Menasse und die Politologin Ulrike Guérot.

Textlich arrangiert der Autor um das zentrale Nationalstaaten-Bashing einige weitere Feindbilder. Es gibt Sottisen gegen Städter, Männer, Konsum, Schlankheitswahn. Und den Krieg im Allgemeinen. Schon ist Köck beim nationalen Wimmern in den Schützengräben. Wer sonst nichts habe, ergreife das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Aber Europa bestehe nur aus landschaftlich unterschiedlichen Regionen, die seien „Heimat, Nation ist Fiktion“, wie es auch bei Menasse heißt. Mit einer aus den Gardinen sich herauswindenden „blinden Fallschirmspringerin“ und einem wahnsinnig zuckenden, hochangestrengt gegen das Stottern anspielenden „Patienten“ wird die Willkür von Aus- und Eingrenzungen thematisiert, die nicht Freiheit, Gleichheit garantieren, sondern immer wieder neue Kriege evozieren würden. Grenzen seien als politische Nähte nie verheilende Narben. Ein Jugendchor Kriegsversehrter drängt derweil auf schnelle Grenzvermessung, „weil nicht jeder, der in der Welt unterwegs ist, kann automatisch zu uns kommen, es eilt, verstehen sie?“ Damit ist dann auch Migration abgehakt.

Pompös schließlich der Auftritt des Helden im Kampf des Umsteuerns. Die Gardinen fallen, Nebel wallt schon wieder, Musik dröhnt, der Chor vollführt rhythmische Sportgymnastik. Herein wütet der Hamburger Stadtheilige Albert Ballin. Er ist durch billige Menschenmassentransporte nach New York reich geworden, dann managte er Hapag zur größten Reederei der Welt und erfand die Kreuzfahrt. Bei Köck lobt er die Auswanderer, weil sie „das Nationale transzendiert haben“, und fragt nach nationaler Identität und Heimat. „Was soll das sein zugehörigkeit seele sprache / was denn boden land kultur / oder gar der wald der wald der tiefe / dunkle deutsche wald ach bitte den / holzen sie doch heute schneller und / gnadenloser ab als man hier braunkohle / sagen kann all die zuschreibungen sind / doch völlig arbiträr“. Kunstvoll gesprochen wie vom Thalia-Ensemble werden die chronisch klein geschriebenen, von Satzzeichen befreiten, lyrisch verdichteten Passagen durchaus zu verständlichen Redebeiträgen. Ballin räsoniert weiter und erinnert als Weltenbürger-Apologet daran, dass „grenzen durch handel austausch ökonomie globalisierung aufzulösen“ seien. Ihm widerspricht der Psychopath und behauptet, die Menschen liebten „die klarheit der diktatur die reinheit nichts fürchten sie so sehr wie die ambivalenz“. Das sei „der ewige traum der dritten republik der autoritäre vollverschlankte national slim fit state“, erwidert der Reeder. Das ist Köcks Verweis auf ein Präsidialsystem, ähnlich der Erdogan-Türkei, mit dem die urpopulistische österreichischen FPÖ in den 1990er Jahren den Politikmarkt aufgemischt hat. Zum Finale kehrt die Landvermesserin aus dem Alptraum europäischer Geschichte zurück in die Gegenwart und strandet bei Nieselregen, „draußen war ebbe“. Nüsse zuckelt mit einer Kehrmaschine über die Bühne, um den Müll und die Grenzziehungen vom Boden fegen. Nun ja.

Immerhin: Die Fronten sind klar formuliert und die Meinung des Autors wird deutlich. Der geist- und anspielungsreiche Formulierungszauber ist geeignet, zur Nationalstaatendebatte anzuregen. Findet aber keine Unterstützung durch die szenische Aufarbeitung, die der Autor und Elsa-Sophie Jach verantworten, eine Absolventin der Hamburger Theaterakademie. Beide haben neben den plump Atmosphäre hubernden Illustrationsideen – Soundtrack, Gruselgardine, Nebel – nur noch einige komisch sein sollende Elemente des absurden Theaters im Angebot. Etwa die Unmöglichkeit, Tee aus löchrigen Tassen zu trinken, und ein mehrfach wiederholter Selbstmord Ballins. Nicht aufgrund der fragmentarischen Regie, nur dank der Schauspielerpersönlichkeiten wird der Grenzen öffnende Diskurs Köcks zumindest ansatzweise lebendig. Für eine Uraufführung ist das viel zu wenig.