"Der haarige Affe" am Schauspiel Frankfurt (Ensemble)

"Der haarige Affe" am Schauspiel Frankfurt (Ensemble)

© Foto: Arno Declair
Schauspielkritik

Unterschicht-Blues

von Michael Laages

nach Eugene O'Neill: Der haarige Affe

Premiere: 07.09.2018
Schauspiel Frankfurt
Homepage: https://www.schauspielfrankfurt.de

Regie: Thomas Dannemann

Wie sie wohl klingt, die gute alte, die mechanische Maschine? Rhythmisch in jedem Fall – darum bietet Regisseur Thomas Dannemann drei wuchtige Schlagzeuger samt Sound-Spezialist an Computer und Mikrophon auf, wenn „Der haarige Affe“ akustisch ins Leben treten soll; das frühe Stück von Eugene O’Neill, uraufgeführt 1922, beginnt jetzt am Schauspiel Frankfurt mit Klang-Gewittern und Trommelwirbeln. Der Ozeandampfer, im Stück als Sinnbild für Gesellschaft definiert, rollt quasi nicht nur durch Wellen zwischen Amerika und Europa, er rockt auch – akustisch und optisch bekommt Dannemann das archaische Drama vom ersten Moment an überzeugend in den Griff.

Denn auch Stephane Laimé erfindet ein Bild für’s Spiel, das es in sich hat. Ein Bühnensegment quer unter dem Frankfurter Bühnenportal wird in fast voller Breite zum Hubpodium mit drei Stockwerken; fährt es zu voller Höhe hinauf, füllen Unter-, Mittel- und Oberdeck des virtuellen Dampfers fast die volle Bühnenhöhe. Das Publikum sitzt nicht nur normal im Saal, sondern auch in sieben Reihen auf der Hinterbühne; durch die Geschosse des Schiffsrumpfes fällt der Blick immer auch hindurch aufs Gegenüber. Unten schuften, saufen und streiten die proletarischen Heizer, in der Mitte donnert die Schlagzeug-Brigade, ganz oben debattieren Tante und Nichte aus feinsten Kreisen – die Sehnsucht des Mädchens nach einem Besuch ganz unten, bei den Männern in der Kohlenkiste, gibt dem Stück schließlich den entscheidenden dramatischen Impuls.

Obendrein stützen die beiden zentralen Bausteine, Bild und Sound, den dritten und wichtigsten: den Text, den der in Leipzig lebende Autor Clemens Meyer, bereits im Theater präsent mit „Als wir träumten“ und „Im Stein“, nicht nur neu übersetzt hat; er hat ihn im Grunde (so der gern gebrauchte Begriff) „überschrieben“. Speziell der Heizerbrigade verpasst Meyer eine gehörige Portion Brüll- und Bölk-Stoff; der Text suhlt sich ziemlich ausgiebig in forciertem Proll-Machismo. Anleihen an altlinke Revolutionsrhetorik und neurechtes Hassgezeter finden sich auch, obendrein eine Überdosis an absichtsvoll halbgarer Reimerei. Diesen Meyer-Ton muss niemand mögen, massiv und massiert wie hier kann er auch beträchtlich auf die Nerven gehen – unstreitig aber stecken Kraft und Wirkung in dieser Sprache, in diesem Unterschicht-Blues.

Wo Frank Castorf die Geschichte um den archaisch-haarigen Affen zuletzt am Deutschen Schauspielhaus Hamburg wie gewohnt mit extrem viel transkulturellem Fremdtext durchschoss, geht Dannemann jetzt in Frankfurt einen anderen und unbedingt auch produktiven Weg; und gelangt zumindest im ersten Teil, also auf dem Schiff, ans Ziel. Mit André Meyer hat er zudem einen Kraftprotz an zentraler Position im Spiel, der das Zerrissensein der Hauptfigur Yank nachdrücklich markiert: Sitzt er zunächst als eine Art „Denker“ von Rodin im Untergeschoss zwischen den (wenigen) Kohlen, so tritt er in der Folge jedem gegenüber als der übermächtig starke Mann auf – gefriert allerdings schlagartig, als ihm das schöne Mädchen von oben entgegen tritt. Das ist die weiße Frau, er ist jetzt King Kong.

Leider gelingt der Aufführung der zweite (und in der Tat viel schwieriger umzusetzende) Teil sehr viel weniger – paralysiert durch die Begegnung mit der anderen Welt, geht Yank in New York an Land, um das Mädchen zu suchen. Jetzt ist die Bühne leer, die Schlagzeuger verlegen sich auf virtuelles Lufttrommeln, und Chefmusiker Michael Wertmüller kreiert virtuelle Gewitter an einer Art Theremin-Instrument. Die „5th Avenue“ sind nun wir, das Publikum, Yank entdeckt derweil vor allem den alt-proletarischen Reichenhass wieder und macht viel Skandal. Er endet im Zoo – und stirbt in der Umarmung eines „richtigen“ haarigen Affen, eines Zoo-Gorillas, der zum letzten Gesprächspartner wird. Meyers Text kreiselt nun fast nur noch wie in Endlosschleifen, Dannemann scheint mit diesem zweiten, sehr kurzen Teil auch nicht wirklich viel anfangen zu können. Das Ensemble schrumpft zum Affenduett; nur noch die allgegenwärtige Conference bleibt im Spiel.

Das Ensemble – neben André Meyer Andreas Giesser, Stefan Graf, Nils Kreutinger, Katharina Linder, Michael Schütz und Luana Velis – stürzt sich weithin wild in dieses Abenteuer; alle sind mikrophoniert, schon weil sie die Schlagzeuger übertönen müssen. Der Abend ist darum durchweg sehr laut – als André Meyers Yank zum Schluss mal einfach nur spricht, verweht die Stimme fast. Das passt zu einer Inszenierung, die stark gedacht, aber nicht wirklich ausgegoren ist. Dannemann sprang ja als Regisseur ein für den erkrankten Eric de Vroedt; er hat sich sehr achtbar geschlagen – und verdient mehr Aufmerksamkeit: demnächst in Osnabrück, beim braven Soldaten Schwejk.