Ensembleszene mit Anna-Lena Hitzfeld in der Titelrolle (r.)

Ensembleszene mit Anna-Lena Hitzfeld in der Titelrolle (r.)

© Foto: Tobias Metz
Schauspielkritik

Wimmelbilder und eine Geschichte vom Sterben

von Manfred Jahnke

Finn-Ole Heinrich, Dita Zipfel: Die Abenteuer der Maulina Schmitt

Premiere: 04.07.2018
Junges Ensemble Stuttgart
Homepage: https://www.jes-stuttgart.de/

Regie: Brigitte Dethier
Vorlage: Finn-Ole Heinrich

Wenn die Eltern sich trennen, ist das schon Schmerz genug. Ein geliebtes Paradies verlassen, eine neue Schule besuchen, ist schlimm. Dann zu erfahren, dass die Mutter schwer krank ist, sich bald nicht mehr bewegen können, die Krankheit in Schüben immer schlimmer werden wird, die Mutter im Rollstuhl, schließlich sogar im Bett festgenagelt sein wird, kann Paulina kaum verkraften. Sie wird auch Maulina genannt, weil sie ihre Emotionen in heftigen Ausbrüchen austoben muss. In drei Büchern, die 2013 und 2014 erschienen, erzählt Finn-Ole Heinrich „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“ trotz des ernsten Themas höchst vergnüglich und zugleich tief philosophisch. Es ist auch die Geschichte einer Läuterung: Paulina lernt in der Begegnung mit anderen Menschen und indem sie mehr und mehr Verantwortung übernimmt, nähert sie sich der Lebensmaxime ihres Großvaters an: Es ist besser über die Widrigkeiten des Lebens zu lachen als zu schimpfen.

Anna-Lena Hitzfeld spielt in der Inszenierung von Brigitte Dethier am Stuttgarter Jungen Ensemble diese Paulina. Sie zeigt die Ausbrüche wie die Verletzlichkeit dieses Mädchens, die Sehnsucht, die alten Verhältnisse wieder herzurichten, die Wut auf den Vater wie die Zärtlichkeit für die Mutter. In ihrem Spiel zieht sie das Publikum mit großer Empathie in den Bann. Dabei arbeitet die Regie von Dethier nicht in erster Linie mit der psychologischen Entwicklung der Figuren, sondern schafft Situationen, in denen sich deren Verhalten und Denken theatralisch äußert. Dafür hat Carolin Mittler einen von, wenn ich mich nicht verzählt habe, 16 Glühlampen überwölbten, dreiteilig strukturierten Raum geschaffen. Links steht eine Blumentopflandschaft mit Plastikschildkröte, die allerdings kaum angespielt wird, in der Mitte stellt ein aufrecht gestelltes Sofa, daneben ein Fenstergerüst das vergangene Paradies „Mauldawien“ dar, das allerdings nie ganz verloren ist. Daneben ragt eine schwarze Wand auf, auf die Paulina ihre Wut über den Vater schreiben kann. Ganz rechts dann das aktuelle „Plastikhausen“, ein Ledersofa, dahinter ein riesiges Regal mit Gläsern. Ansonsten werden zeichenhafte Elemente für andere mögliche Orte schnell hereingeschoben: der Küchenherd der Krankenhilfe Ludmilla, das Krankenbett im Krankenhaus, etc.

Was Carolin Mittler mit der Gleichzeitigkeit und der Verschränkung der Spielorte geschaffen hat, nutzt Brigitte Dethier für eine Ästhetik der Wimmelbilder. Stets sind alle Mitwirkenden auf der Bühne und wuseln häufig durcheinander, trotzdem wird eine klare Fokussierung geschaffen. Alle Blicke der „zuschauenden“ Mitwirkenden richten sich auf den Ort, wo gerade „gehandelt“ wird. So werden allein durch Blicke Spielorte geschaffen und das wird konsequent durchgehalten. Und da das Ensemble hochmusikalisch ist und alle ein Instrument spielen, gewinnt das Spiel eine Leichtigkeit, die das Publikum zum Mitträumen einlädt. Frank Kurac hat dazu Musik komponiert, die zum einen die Situationen atmosphärisch unterstützt, zum anderen aber auch, in den Songs, die Handlung weitertreibt, analog zu den Zeichnungen von Rán Flygenring in der Buchvorlage.

Das Ensemble erzählt Maulinas Geschichte mit großartiger Nonchalance, allen voran Gerd Ritter als Großvater, der aber auch noch in anderen Rollen auftritt. Eine Brille reicht ihm, um vom altersweisen Großvater in die Rolle des Lehrers zu springen und dabei zwei ganz verschiedene Persönlichkeiten vorzuführen. Sarah-Ann Kempin spielt die Mutter Klara als eine junge fürsorgliche Frau, die sich mit ihrer Situation abgefunden hat und nun versucht, Paulina mit ihrem Vater zu versöhnen. Wie sie die verschiedenen Stadien der Krankheit mit ganz wenigen Andeutungen ausspielt und dabei eine lächelnde Freundlichkeit vermittelt, erzählt viel über die Energie dieser Frau, auch, wenn sie der Schlaf immer stärker gefangen hält. Milan Gather hat es  als Vater Juri hingegen schwer, sich gegen diese Frauenpower, zu der noch Sabine Zeininger als polnische Betreuerin Ludmilla, die nicht nur die Suppen-, sondern scheinbar auch die Hexenküche beherrscht, hinzu kommt, durchzusetzen. Sebastian Brummer hingegen als schüchterner Freund Paule, der Paulina unterstützt und dadurch selbst an Selbstbewusstsein gewinnt, nutzt die Chancen, die seine Rolle ihm bietet, und spielt sich ins Zentrum der Aufführung.

Mit „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“ ist Brigitte Dethier und dem JES eine wunderbare Inszenierung gelungen, die erfolgreich zwischen Leichtigkeit und philosophischer Tiefe changiert. Das liegt an einer Regie, die die Figuren und das sie präsentierende Ensemble liebt, an einem Bühnenbild, das eine „warme“ Atmosphäre vermittelt, an der Musikalität des Ensembles. Und nicht zuletzt an der Textfassung von Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel, die das Geschehen der drei Bände geschickt konzentrieren auf das Verhältnis von Mutter und Tochter und dabei die anderen Personen als Mutmacher positionieren. Ich habe lange keine Inszenierung gesehen, die derart liebevoll sowohl mit den Figuren eines Stücks als auch mit dem Publikum umgeht.