Das Ensemble im Trichter

Das Ensemble im Trichter

in der Mitte André Kaczmarczyk (Caligula)

© Foto: Sandra Then
Schauspielkritik

Gedankenklar

von Andreas Falentin

Albert Camus: Caligula

Premiere: 17.03.2018
Düsseldorfer Schauspielhaus
Homepage: https://www.dhaus.de/

Regie: Sebastian Baumgarten

Camus‘ erstes abendfüllendes Stück ist ein merkwürdiger Zwitter, halb Well Made Play, halb philosophisches Pamphlet, fast nie beides gleichzeitig. Sebastian Baumgarten hat den Text offenbar sehr genau gelesen und erspart uns die Trumps, Erdogans, Putins und Orbans, die zur Zeit gefühlt in jeder zweiten Aufführung auf den Bühnen präsent sind, zumindest einer von ihnen. Wenn man dem formidablen Hauptdarsteller Andrè Kaczmarczyk genau zuhört und –sieht, erfährt man auch warum. Dieser Kaiser Caligula ist keinesfalls ein karrieregeiler, chauvinistischer Egomane, hier geht es nicht um „Roma prima“.

Ausgelöst durch eine private Katastrophe, den Tod der inzestuös geliebten Schwester, stellt Caligula sich und das ganze System, in dem er lebt, in Frage. Durch willkürliche, brutale Eingriffe in dieses System bringt er gezielt jeden einzelnen und alle gemeinsam gegen sich auf, arbeitet sich ab an Wahrheitsbegriffen, jongliert mit der Erzeugung und Wirkung von Angst, will die Verdorbenheit von allem und jedem beweisen und so zeigen, dass zielgerichtetes Handeln unnötig, die Ausrichtung auf das Gemeinwohl eine Illusion ist.

Barbara Steiner hat dafür eine Art Stationenbühne errichtet. Geisterbahnfronten mit exotischen Motiven rahmen die Spielfläche ein, die zu Beginn der pausenlosen zwei Stunden von einer rosa Riesenmatratze, später von einem Podest mit Thron und Lichtgestell beherrscht wird.  Links kann eine weiße Gardine einen vielfältig nutzbaren intimen Raum verhüllen und so auch als Projektionsfläche dienen. Rechts gibt es einen gewaltigen Trichter, der immer wieder wie ein Bildmegaphon, ein Textverstärker eingesetzt wird, und in dem am Ende der einsame Caligula endgültig dem Wahnsinn anheimfällt.

Die Vorstellung beginnt, als befänden wir uns in einem Historienfilm. Ein Text läuft von oben nach unten über eine Leinwand, wild und augenzwinkernd simulierte spätromantische Filmmusik wabert darüber hin, eine Karte zeigt die Ausdehnung des römischen Reiches. Die klug und rationell eingesetzten, kantenscharfen Videos von Hanna Dörr dienen vor allem als Distanzmittel wie auch die Kostüme von Christina Schmitt – ein angenehm anzusehender, farbiger, fast augenzwinkernder Mix von einst und jetzt, stilisierte Kittel und Kunststoffmäntel über heutiger Couture und Alltagskleidung.

So wird Camus‘ abgezirkelte, komplexe, aber nie verschwurbelte Sprache frei, kann und muss man seine messerscharfen Gedanken nachvollziehen. Was funktioniert, weil wir einem herausragenden Ensemble bei der Arbeit zusehen und der Regisseur die Gedankenklarheit und das Grobschnitthafte dieser Sprache meisterhaft disponiert. André Kaczmarczyk führt Caligulas Besessenheit, die geradewegs in die Selbstzerstörung führt, absolut glaubwürdig vor, durch viele Kostüm- und subtile Haltungswechsel hindurch. Immer wieder scheinen da Zitate, Anspielungen in der Luft zu liegen, greift der Zuschauer nach ihnen, sind sie aber längst vorbei. Irgendwann kommt eine rote Gardine heruntergefahren und Caligula tanzt, mit schwarz-weiß geschminktem Gesicht und  dem – vorher umgebrachten – Patricius (Markus Danzeisen) auf dem Arm einen Totentanz vor seinen lebenden Opfern. Hier findet sich Baumgartens Inszenierung ganz, in einem intensivsten Moment absurder Poesie.

Und doch bleiben Camus‘ Figuren uns letztlich fremd, wirken wie virtuos geführte, aber nicht wirklich mehrdimensionale Typen, was in keiner Weise an den herausragenden Düsseldorfer Schauspielern liegt. Der loyale Ex-Sklave von Ben Daniel Jöhnk, der verzweifelt liebende, dennoch bekennend freigeistige Dichter von Jonas Friedrich Leonardi, der um Handlungskraft ringende Intellektuelle von Miguel Abrantes Ostrowski, der Politiker von Rainer Philippi, dem man sein Fundament aus Saturiertheit, Korruption und der Macht der Rhetorik entzieht und das zunehmend skrupulöse It-Girl von Yohanna Schwertfeger: sie alle machen das großartig. Und bleiben Behauptungen. Ihr Text, Camus‘ Drama schafft es nicht ganz bis zu uns ins Jahr 2018. Vielleicht deshalb lässt Sebastian Baumgarten André Kaczmarczyks monologisches Ankommen im Wahnsinn von einem von Yohanna Schwertfeger live gesungenen Pop-Song überlagern und verbannt die Sprache ausgerechnet am Schluss einmal in die zweite Reihe. Eine bekennende, melancholische Kapitulation vor Stoff und Text. So etwas trauen Regisseure sich selten.