Reich, kalt, allein, überwacht

Reich, kalt, allein, überwacht

Irina Simmes (Cinna, l.), Ekaterina lekhina (Giunia) und James Edgar Knight (Silla, u.)

© Foto: Falk von Traubenberg
Musiktheaterkritik

Narzisst und Wolfshund

von Andreas Falentin

Wolfgang Amadeus Mozart: Lucio Silla

Premiere: 08.07.2018
Badisches Staatstheater Karlsruhe
Homepage: http://www.staatstheater.karlsruhe.de

Regie: Tobias Kratzer
Musikalische Leitung: Johannes Willig

Zweifellos ist „Lucio Silla“ eine absolute Perle in Mozarts Frühwerk. Das 16-jährige Genie gießt Farben aus, kombiniert Flöten und Trompeten, integriert das Cembalo stellenweise meisterhaft in den Tutti-Klang, gibt den Streichern manchmal lange Bögen, hält sie aber meistens kurz, lässt sie unruhige, fast abgehackt klingende Phrasen spielen. Schon durch die Musik erfindet er eine Welt aus Angst und Wut, in der nichts sicher ist. Dazu kommt ein Figurenarsenal, dass in seiner fundamentalen Ich-Bezogenheit mitnichten alt geworden ist – im Gegensatz zur dramatischen Form. „Lucio Silla“ befolgt die im Barock herrschende Form der Opera seria, ist also ein Festival ausufernder da-capo-Arien. Nur in den Finali der drei Akte tritt der Chor auf und grundiert und begleitet den Ensemblegesang.

Die Aufführung dauert inklusive zweier Pausen fast vier Stunden. Wie die nun mit dieser überalterten Form erlebbar machen? Tobias Kratzer und sein Ausstatter Rainer Sellmaier betonen einerseits die Heutigkeit des Stoffes und haben sich gleichzeitig von einer Eigenheit des Librettos von Giovanni de Gamerra inspirieren lassen. Hier kreist alles um den Tod; man trifft sich auf dem Friedhof, von Geistern umschwärmt, man fürchtet den Tod und sehnt ihn herbei. Fast alles erscheint auf das Ende menschlichen Lebens bezogen.

Klugerweise haben sich Kratzer und Sellmeier entschlossen, „Lucio Silla“ nicht konkret in der Gegenwart zu verorten. Ihr nach dem historischen Vorbild des römischen Tyrannen Sulla geformter Diktator ist löblicherweise kein Trump, Putin oder Erdogan. Die wabern wie ein Vorspann während der Ouvertüre über die Videoleinwand, setzen das Thema und kommen dann nicht mehr vor. Wenn sich der Vorhang hebt, sehen wir auf eine jener viereckigen, aufgebockten Villen, die heute fast als Topos gelten können für die Behausung eines sozial kalten Machtmenschen, so oft werden sie in Film und Fernsehen als solche gezeigt.

Die erste Figur, die uns in diesem Setting erfreut, ist Yonna. Grau am ganzen Körper, vermutlich getönt, überquert sie die Bühne von rechts nach links. Yonna ist ein Hund, und weil wir in Deutschland sind, erfreut uns das Programmheft mit der Mitteilung, dass ihr Einsatz tierärztlich unbedenklich ist. Was er dramaturgisch bedeutet, bleibt zunächst im Unklaren. Aber Yonnas Fähigkeit, im offensichtlich genau richtigen musikalischen Moment an der genau richtigen Stelle das Bein zu heben, verblüfft – wie vieles an diesem außergewöhnlichen Theaterabend. Über weite Strecken erzählt Kratzer Handlung und Figuren klar, differenziert und auf einer rein metaphorischen Ebene. Der Umgang mit Messern und Blut etwa zeigt den Charakter der Figuren, Sillas zwanghaftes Herrschenwollen, die Funktion seines Beraters Aufidius – im Barockgewand, vielleicht eine Anspielung auf Mozarts Vater – als affirmativer Dämon oder die geheimnisvolle Ambivalenz des Politikers Cinna, der als einziger sorgfältig darauf achtet, nie mit Blut in Berührung zu kommen. Solange Kratzer auf dieser symbolischen Ebene bleibt, gelingt ihm alles. Da wird gestorben und sekundenschnell wieder aufgestanden, sich verletzt mit fast genauso schneller Heilung. Und alles nimmt man hin, weil es die Figuren reicher macht. Und Phantastisches stiehlt sich herein, Vampirismus. Diese Figuren saugen sich gegenseitig aus, sie leben nicht eigentlich. Vermutlich wird Silla sogar in dunklen Vollmondnächten – zu Yonna, dem Werwolf. Warum auch nicht.

Problematisch wird es allein da, wo es scheinrealistisch wird, wo Kratzer psychologisierend konkretisiert. Und das passiert stets da, wo Komponist und Librettist ihre düstere Weltschöpfung aufhellen. Warum muss Celia, Sillas Schwester, die stets  empathisch versucht, die Dinge zum Guten zu wenden, ein zurückgebliebenes, auf eine Puppenwelt fixiertes Mädchen sein? Warum muss Cinna seinen inneren Zwiespalt, ob er nun Diener seines Staates oder doch Herrschender sein will, epileptische (oder Magen-)Krämpfe vorzeigen? Warum wird Silla, als er von sich aus aufhört, Diktator zu sein, von billigen, dumpf und nachlässig choreographierten Polizisten verhaftet? Warum tritt Cinna auch noch als deren Chef in Erscheinung? Darf das Gute nicht sein, nicht einmal im Ansatz, im Widerschein?

Dass man diese finstere Welt so intensiv erlebt, liegt an einer grandiosen musikalischen Wiedergabe. Johannes Willig, auch selbst am Cembalo aktiv, und die Badische Staatskapelle bleiben der Partitur nichts an Dynamik und Farbigkeit schuldig, massieren und kitzeln die vielen kostbaren Einzelheiten scheinbar mühelos heraus und stiften doch einen großen, kohärenten Klangbogen. Der Opernchor ist ein Wunder an Transparenz und Klangpracht und sämtliche Solisten sind auf demselben Stratosphärenniveau unterwegs.

Weswegen sie hier genannt werden müssen: Klaus Schneider als Aufidius mit seiner intensiv irrlichternden Präsenz und seinem immer noch makellos geführten Tenor; Uliana Alexyuk, die stimmlich jenen Sonnenstrahl der Empathie bewahrt, den die Inszenierung ihr vorenthält; Irina Simmes, die mit Präsenz und brunnenklarer und doch modulationsreicher Sopranstimme ein berührendes Porträt des wissenden, unentschlossenen Cinna zeigt; Ekaterina Lekhina als Giunia, das Objekt der allgemeinen Begierde, spinnt ihre halsbrecherischen Koloraturen mit fast zirzensisch anmutender Leichtigkeit und brennendem Ausdruck, den sie an Intensität im Verlauf des Abends immer weiter steigert; schließlich der Countertenor Franco Fagioli, eine Art Hausberühmtheit in Karlsruhe, auch er mit kaum beschreiblicher Koloraturwendigkeit und musikalischer Ausdruckskraft, dazu in seiner Rolle als Verbannter Cecilio geradezu authentisch ungeschickt in kleinen wie in großen Dingen. Zum Schluss der Titelheld. Sillas Arien sind nicht so virtuos wie die seiner Kollegen, was aus der Entstehungsgeschichte des Werkes erklärlich ist. Was der junge James Edgar Knight aber daraus macht, wirft einen schier um. Immer wieder lässt er plötzlich und unerwartet in tiefste Seelenabgründe blicken.

„Lucio Silla“ in Karlsruhe: ein anstrengender und großartiger Theaterabend, dem nichts fehlt als eine Messerspitze Güte.