Zwischen Oratorium und Performance: Szene aus Benedikt von Peters Inszenierung von Schumanns „Faust-Szenen“ am Luzerner Theater

Zwischen Oratorium und Performance: Szene aus Benedikt von Peters Inszenierung von Schumanns „Faust-Szenen“ am Luzerner Theater

© Foto: Ingo Hoehn
Musiktheaterkritik

Die Inszenierung als Prozession

von Tobias Gerosa

Robert Schumann: Faust-Szenen

Premiere: 24.03.2018
Luzerner Theater
Homepage: https://www.luzernertheater.ch/

Regie: Benedikt von Peter
Musikalische Leitung: Clemens Heil
Autor der Vorlage: Johann Wolfgang von Goethe

Fausts Schuldliste hängt übergroß an der Fassade des Theaters: Von Gretchens Verführung über Korruption und Kolonisierung reicht die Aufzählung und kulminiert in dem Vorwurf, die Verantwortung für das eigene Tun nicht übernommen zu haben. Wenn das Publikum ins Theater kommt, sitzt der Sünder Faust schon da, in Unterwäsche und mit einer Wolldecke, wie man sie selber auch angeboten bekommen hatte. Ein „Ein installatives Oratorium zwischen Bühne und Kirche“ nennt sich der pausenlose zweistündige Abend zu dem Natascha von Steiger die Bühnenbilder und Lene Schwind die Kostüme entworfen hat. Und in der Tat: Er beginnt auf dem Platz zwischen Theater, Reuss und Jesuitenkirche.

Die Stimmung um die entzündeten (Oster-)Feuer und die zombiehaft geschminkten Choristen mit ihren Totenkerzen herum ist sakral. Ein kurzer vierstimmiger Choral des späten Robert Schumann, der Kinderchor entrollt Transparente, dann öffnet sich das Kirchenportal. Und mit der Ouvertüre der „Szenen aus Goethes Faust“ tritt Gretchen als weiße Braut heraus und zieht das Publikum mit hinüber ins Theater – eben zu dem im schwarzen Loch der Bühne wartenden Faust. Während das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Clemens Heil jetzt aus der Kirche übertragen wird, sind Faust und Mephisto im Theater live präsent und kommen dem Publikum, weil kein Orchestergraben nötig ist, ganz nah. Das Gretchen aber – sie ist gleichzeitig da und nicht da, wird von fern projiziert und singt live aus dem Off – ein Zwischenwesen, irrealer als der Chor und die Nebenfiguren (herausragend: Robert Maszl als Ariel), die aus dem dunkeln zweiten Rang singen.

Ist sie nur eine Phantasie von Faust? Eben eine Projektion? Mal wird sie aus dem Untergrund gezaubert, dann singt sie auch die Rolle der Sorge. Rebecca Krynski Cox wandelt fast somnambul, singt aber mit großer Wärme und Textverständlichkeit. Letzetre ist bei Vuyani Mlindes Mephisto problematischer; und auch als Figur wird er nicht recht fassbar. Für die zentrale Faust-Partie hat das Luzerer Theater – anders als sonst, zumeist wird konsequent das eigene Ensemble eingesetzt – aus Frankfurt Sebastian Geyer geholt, ein suchender Faust, stimmlich differenziert. Darstellerisch wirken seine Gesten zumindest aus einer vorderen Parkett- und später Kirchen-Sitzreihe aber recht groß, gerade auch, weil sonst niemand etwas tut. Ist es diese Beschränkung, die den Chor – den Theater- und Extrachor, verstärkt durch Mitglieder des 21st Century Chorus und lokale Kinderchöre  – vor allem in dem Teil, der im Theater spielt, zum Überdruck verleitet? Oder ist es die akustisch schwierige Situation mit der technisch aufwändigen Übertragung an verschiedene Orte?

Denn nach den ersten fünf Szenen, wenn Mephisto mit den Lemuren das Grab Fausts gräbt, zieht man mit diesem hinaus auf den Theaterplatz. Faust „hält eine Rede an die Menschheit", sagt das Programmheft. Er steht dabei auf der hölzernen Theaterbox, Mephisto hält aus dem Fenster des Theaters dagegen. Das Problem ist, dass Regisseur (und Intendant) Benedikt von Peter hier eine Handlung suggeriert, die aus Goethes Drama wohl abgeleitet werden kann, aber von Robert Schumanns Fassung nicht wirklich getragen wird, wie sie überhaupt nicht gerade zwingend nach szenischer Umsetzung schreit. Zum dritten Teil dann zieht man in die Jesuitenkirche zum Orchester – wieder, wie auch auf den anderen beiden Wegen, ohne dass die Musik stoppen würde: Es geht offenbar nicht darum, alles genau zu hören und zu verstehen. Das zeigen auch die akustischen Probleme, die entstehen, wenn die Sänger von unterschiedlichen Positionen aus singen.

Für die hymnische Chöre und die Verklärung des letzten Teils setzt die Kirche einen passenden sakralen Rahmen. Der offene Sarg, in den Faust erst gedrängt wird und sich dann selbst hineinbettet, ist ein starkes Bild. Doch die Idee, dass Faust „emotional und ideell obdachlos“ sei, wie das Programm postuliert, vermittelt sich nur schwach. Mehr als um ein Verstehen geht es um Stimmungen und Rituelles. Eine Passantin holt Faust schließlich aus dem Sarg, gibt ihm ihren Pullover und geleitet ihn in die Nacht hinaus. „Das ewig Weibliche zieht uns hinan“?