Es blaut so blau beim Umspannwerk… Szene aus dem neuen Bayreuther „Lohengrin“ in der Regie von Yuval Sharon und der Ausstattung von Neo Rauch und Rosa Loy, mit dem am Mittwoch die Festspiele eröffnet wurden.

Es blaut so blau beim Umspannwerk… Szene aus dem neuen Bayreuther „Lohengrin“ in der Regie von Yuval Sharon und der Ausstattung von Neo Rauch und Rosa Loy, mit dem am Mittwoch die Festspiele eröffnet wurden.

© Foto: Enrico Nawrath
Musiktheaterkritik

Ins Bild gesetzt

von Joachim Lange

Richard Wagner: Lohengrin

Premiere: 25.07.2018
Bayreuther Festspiele
Homepage: https://www.bayreuther-festspiele.de/

Regie: Yval Sharon
Musikalische Leitung: Christian Thielemann

 
Die Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele ist ein „Lohengrin“ mit Hindernissen. Dass es die Vorgänger-Inszenierung von Hans Neuenfels mit ihren putzigen brabantischen Ratten nach anfänglichem Protest zu einiger Beliebtheit, ja zu Kultstatus gebracht hat, ist da noch das Geringste. Die aktuelle Neuinszenierung aber bescherte den Festspielen noch kurz vor Torschluss einen Stresstest. Wenn vier Wochen vor der Premiere ein vorgesehener Lohengrin-Tenor abspringt und das auch noch damit begründet, dass er den Text nicht packt, dann wundert man sich schon über dieses Maß an Unprofessionalität. Das großzügige Angebot von Roberto Alagna, doch im nächsten Jahr zu singen, ist da schon ziemlich tollkühn. Aber was soll’s. Das ist Schnee von Gestern – Festspielchefin Katharina Wagner und ihr musikalischer Direktor Christian Thielemann haben dieses Problem erstklassig gelöst. Mit einem Retter, den sie auch gleich hätten engagieren können!

Für Thielemann ist „Lohengrin“ die letzte der zehn für Bayreuth gedachten Opern, die er hier noch nicht dirigiert hat. Sonst allerdings schon oft, vor allem in Dresden. Was in dem Fall Gold wert ist, denn von dort weiss er, dass sein diesjähriger Schwanenritter erste Wahl ist: Piotr Beczala. Der Pole kommt diesmal nicht nur auf der Bühne als Retter und veritables Wunder in höchster Not im richtigen Moment. Er kam in dieser Funktion auch nach Bayreuth. Anna Netrebko übrigens, die in Dresden die Elsa an der Seite von Beczala war, überlegt sich vorher, ob sie mit dem Wagner-Deutsch klar kommt. Sie lässt die Leute nicht auflaufen, nimmt sich vorher die Zeit – und wird im nächsten Jahr zwei Vorstellungen singen. Als Gala versteht sich…

Piotr Beczala nun ist ein mustergültiger Lohengrin! Mit lupenreiner Diktion und betörendem Timbre. Er wurde ganz zu Recht für ein Hügeldebüt vom Feinsten frenetisch gefeiert. Überhaupt kann sich Bayreuth mit dieser Besetzung wirklich hören lassen. Krise des Wagnergesangs? Mittelmäßige Besetzung bei den Festspielen? Das war mal. Jetzt herrscht Luxus, mindestens aber Festspielniveau. Anja Harteros ist nach wie vor eine erstklassige Elsa. Auch wenn man ihre Münchner Leistung vor ein paar Jahren als noch etwas überzeugender in Erinnerung hat. Doch ihre Traumerzählung packt, sie gestaltet den wachsenden Zweifel am Frageverbot, hat den dramatischen Biss für die Auseinandersetzung mit Ortrud und dann für ihr Aufbegehren in der Brautgemachszene. Georg Zeppenfeld gehört seit Jahren in vielen Partien zu den verlässlichsten Festspielsängern und ist als König Heinrich ein Ausbund an Verlässlichkeit. Egils Silins ist ein markant respekteinflößender Heerrufer des Königs. Als Friedrich Telramund gibt Thomas Konieczny zwar ein Tick zu viel den Kraftlackel, mogelt manchmal auch etwas mit der Diktion, macht aber Eindruck.

Un die große, mittlerweile schon legendäre Waltraud Meier? Ja, mag sein, dass die Ovationen für sie auch einen Schuss Lebensleistungs-Beifall enthielten. Aber sie beeindruckt bei ihrer Rückkehr auf den Grünen Hügel nach 18 Jahren (Wolfgang Wagner hatte sie damals wegen eines Probentermins außerhalb von Bayreuth zum Verdruss ihrer Fans vertrieben) mit einer technisch klug kalkulierten, imponierend gestalteten Ortrud. Den Wagnerdirigenten Christian Thielemann schließlich kann man auch für seinen „Lohengrin“ nur rühmen. Der kennt das Stück und das Haus wie kein anderer. Er liefert den musikalischen Energiestrom aus dem verdeckten Graben und verbreitet genau das Ausnahme-Wagner-Gefühl, das man es an diesem Ort erwartet. Vom ersten Ton des Vorspiels bis zum Schluss. Sängerfreundlich, transparent. Grandios!
 
Und jetzt kommt das Aber. Natürlich kann man die Rezeptionsgeschichte einfach ignorieren und „Lohengrin“ als Märchen erzählen. Warum auch nicht? Viele honorieren es, wenn sie nicht auf die Nebenpfade des Zweifels geführt oder zum Nachdenken verführt werden. Außerdem entfaltet die Musik ja tatsächlich ihre eigene Assoziationskraft. Aber wenn Märchen, dann man muss es auch wirklich erzählen. Und damit sind wir bei der einen großen Zusage – Malerstar Neo Rauch und seine Frau Rosa Loy stehen für Bühne und Kostüme – und der ersten großen Absage im Vorfeld dieser Produktion. Eigentlich sollte nämlich Alvis Hermanis Regie führen. Dem Letten passte aber die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin nicht, und er kündigte dem Thalia in Hamburg, Bayreuth und Deutschland Freundschaft und Vertrag. Was er natürlich darf. Wenn man allerdings den „Parsifal“, den er in Wien im Jugendstilambiente ertränkt hat, als Maßstab für sein Wangerfeeling nimmt, dann muss man unabhängig vom Politischen sagen: zum Glück für Bayreuth.

Dass Yuval Sharon eingesprungen ist, muss man ihm hoch anrechnen. Gegen die schon vorgegebene starke optische Setzung durch Neo Rauchs Bildwelt freilich hatte er kaum eine Chance für ein erkennbares eigenes Konzept. Man wird in den kommenden Jahren sehen, wie die vielbeschworene „Werkstatt Bayreuth“ funktioniert und ob sie ihm die Möglichkeit eröffnet, mehr als nur nachzujustieren. Rausgekommen ist nämlich nicht der erhoffte Gesamtkunstwerk-Geniestreich, der den Erzähler von phantastisch surrealen Alptraum-Geschichten auf der zweidimensionalen Leinwand als Raumerfinder für’s Musiktheater outet. Nein – Neo Rauch reiht sich da alles in allem eher bei seinen Kollegen Markus Lüpertz (siehe Berliner Lindenopern-Eröffnung) und Georg Baselitz (siehe sein Parsifal-Kopfstand im München) ein. Auch wenn er mit seiner blau-dunklen Farbigkeit, mit alptraumhaften Versatzstücken und Zeitbrüchen, dräuenden Wolken, wanderndem Schilf und geflügelten Menschen durchaus beglaubigen kann, dass ihn die Lohengrinmusik inspiriert hat. Als Maler.

Viele der Szenen bestehen als malerisch gedachtes Tableau vivant. Die haben ihren Reiz. Setzen Atmosphäre ins Bild – aber verschließen sich eben dem Theater. Soviel erstarrte Chorpose und hübsch symmetrische Aufteilung in linke und rechte Hälfte war selten. Akustische Delikatessen (die Chöre als solche überzeugen) werden so zum Killer für die Szene. Kleinigkeiten wie die Szene vorm Münster, wo Ortrud (ohne dass sich jemand von den kreuzbieder aufs Holländerklischee Kostümierten wundert) erst das Zentrum bildet, dann den Blick auf die hinter ihr kauernde Elsa freigibt und schließlich über die gesamte Bühnentiefe ihren Vortritt reklamiert, sind da noch geschenkt. Ärgerlicher ist das endlose Blumenstreuen, damit auch ja jedes Damenkostüm, das Rosa Loy beigesteuert hat, seinen separaten Auftritt bekommt.

Der große Rundhorizont mit wolkenverhangener Landschaft und das surreal dort hineingeträumte Umspannwerk sind auf Anhieb als Neo Rauch erkennbar. Von hier betritt Lohengrin im nüchternen Arbeitseinteiler eine andere Welt. Wenn man ein wenig sucht, findest sich sicher eine Raumschiff Enterprise-Episode, die man so bebildern könnte. Wenn die Blitze durch die Leitungen zucken, macht das Effekt für das Wunder der Rettung – der Scheiterhaufen für Elsa qualmt schon. Ziemlich voreilig. Hier findet sich aber nicht nur der Eingang in eine anderen Welt und Zeit, hier deutet sich doch auch ein Kraftzentrum für eine Erneuerung an. Eine Verheißung aus der Zukunft? Doch das bleibt nur eine mögliche Behauptung.

Den Menschen sind Insektenflügel als Insignien von Macht mitgegeben. Das hat den Vorteil, dass beim Gottesgericht in luftiger Höhe fliegend gekämpft wird. Wobei Telramund einen Flügel verliert. Den zweiten wird er am Ende los, wenn er in Lohengrins Schlafgemach eindringt. Lohengrin hängt die Flügel, die ihm als Zeichen der Zugehörigkeit verliehen werden, erst in der Brautnacht (neben einem Ehebett aus den 60ern im orangenen Umspannhäuschen) an den Kleiderhaken. Wenn Telramund und seine Ortrud im zweiten Akt ihre Gegenoffensive planen, dann machen sie das im diffusen Nebel hinterm Schilf, das sich bewegt – und Elsa schaut aus dem Fenster eines Türmchens auf sie herab. Beim großen Aufmarsch der Truppen dann, die der König für seinen Krieg braucht, steht einer hinter der Staffelei und malt die erstarrte Szene mit dem posenden, detailverliebt à la Delfter Kachelblau kostümierten Chor. Auf dem Bild sieht man dann aber nur die Bühne ohne Menschen. Wenn das eine selbstironische Pointe des Maler-Ausstatters gewesen sein sollte, so bleibt sie an diesem Abend mutterseelenallein.

Einen „richtigen“ Schwan oder auch Elsas Bruder Gottfried gibt es hier nicht wirklich. Wenn am Ende stattdessen ein altes grünes Männchen auftaucht, fallen die Brabanter alle um.  Nur Elsa und Ortrud bleiben aufrecht. Immerhin. Ein Fünkchen Hoffnung.