Susanne Serfling als Senta und Ray M. Wade jr. als Georg

Susanne Serfling als Senta und Ray M. Wade jr. als Georg

© Foto: Theater Koblenz
Musiktheaterkritik

Überall Meer

von Ulrike Kolter

Richard Wagner: Der Fliegende Holländer

Premiere: 20.01.2018
Theater Koblenz

Regie: Markus Dietze
Musikalische Leitung: Mino Marani

Senta ist irre geworden und mit lauter infantilen Frauen in einer Nervenheilanstalt gelandet. War ja klar, wenn sie tagein, tagaus auf dieses Porträt eines wildgelockten Seefahrers starrt und sich in ihre Traumwelt von Abenteuer und Erlösung versenkt. Als dann ihr fliegender Holländer eines Tages tatsächlich von Papa mit heimgebracht wird und sich ihr stumm von hinten nähert, erschrickt sie dermaßen, dass nicht nur das halbe Publikum mit ihr zusammenzuckt, sondern auch klar wird: Träumen ist schon herrlich, aber Realität ist brutaler.

Überhaupt: Träumen kann man phantastisch in dieser Koblenzer Neuinszenierung der Pariser Urfassung von Wagners „Fliegendem Holländer“. Der meist leere, zeitlose Bühnenraum von Bodo Demelius wird nämlich komplett mit überdimensionalen Videoprojektionen von Meer- und Strandszenen überschwemmt, Traumsequenzen alles, in denen mal Senta mit wehendem Haar und in historischem Samtkleid (Kostüme: Su Sigmund) in den Dünen sitzt, mal ihr Holländer männlich verlockend in Seefahrermontur durchs Wasser watet – oder beide bekleidet, Hand in Hand in die Fluten und damit ihrem imaginierten gemeinsamen Ende entgegen gehen. Was nach Kinokitsch klingt, funktioniert als zweite Ebene jenseits des skurrilen Heilanstalt-Alltags erstaunlich gut.

Hier sitzen die manisch blickenden Frauen in Rollstühlen, mit Kuschelkissen oder stumpf sich selbst schlagend vor der Leinwand und gucken – natürlich – historische Seefahrerfilme. Zum „Summ und Brumm, du gutes Rädchen“ findet die Ergotherapie am Spinnrad statt, einige machen derweil Frühsport mit Hanteln und Springseil. Köstlich! Dabei ist der Klang (Einstudierung: Ulrich Zippelius) für so einen kleinen Chor recht homogen und rhythmisch exakt, auch wenn Mino Marani am Pult keinen leichten Job hat, denn das Orchester ist hinter der Bühne postiert. Das ist zwar akustisch gewöhnungsbedürftig, zumal kaum Klangmischung entsteht und die Stimmen oft im Forte landen, wo es nicht nötig wäre. Andererseits dient diese akustische Isolation auch der szenischen Interpretation: Ein Miteinander gibt’s hier kaum, Holländer, Senta und Daland pflegen ihre Egozentrik, an Liebe glaubt hier keiner mehr. So ist es nur folgerichtig, dass die hier gespielte Urfassung von 1841 (übrigens noch in Schottland statt in Norwegen situiert) keine Erlösung bietet: der Holländer muss zurück aufs Meer, Senta springt in den Tod oder wird wieder in die Anstalt gesperrt – je nach Deutungswille. War eben doch nur ein manischer Traum, die erlösende Liebe.

Das Ensemble, größtenteils aus dem Haus besetzt, überzeugt durchweg: der kraftvoll, wenn auch ziemlich rau klingende Holländer des Nico Wouterse, Jongmin Lim als spitzfindiger, wohl artikulierter Donald, Ray M. Wade jr. mit bewährt hellem Tenorschmelz (Georg), Anne Catherine Wagner (Mary) und Junho Lee als komödiantisch veranlagter Steuermann. Star des Abends ist zweifelsohne Susanne Serfling in der Partie der Senta, die ihren wunderbar freischwingenden, leicht scharfen Sopran auch in diesem intimen Bühnensetting wohldosiert einsetzt und vor allem gestaltet. Ihre Ballade ist spielfreudiger wie musikalischer Höhepunkt eines unterhaltsamen, bewegenden, letztlich auch ernüchternden Abends.