"Rheingold"-Bühne am Staatstheater Kassel

"Rheingold"-Bühne am Staatstheater Kassel

© Foto: N. Klinger
Musiktheaterkritik

Das Logo von Walhall

von Armin Hennig

Richard Wagner: Das Rheingold

Premiere: 01.09.2018
Staatstheater Kassel
Homepage: http://www.staatstheater-kassel.de/

Regie: Markus Dietz
Musikalische Leitung: Francesco Angelico

Der letzte Kasseler Ring war noch eine Art Milleniumsveranstaltung, knapp ein Fünftel des 21. Jahrhunderts sind gelebt und überlebt, gleichbedeutend mit einem enormen technischen Innovationsschub und einem Wandel in der Wahrnehmung der Welt, den Markus Dietz in sein Rheingold integriert hat, das am 1. September Premiere hatte. In der alltagsnahen Neuinszenierung, die allenfalls Mythen der Gegenwart aufs Korn nimmt, ist Walhall infolgedessen kein prächtiger Palast mehr, sondern ein ganz gewaltiges Logo. Hinter dem Machtanspruch des ganz gewaltigen W mit seinen Lichtbalken geht es dagegen vergleichsweise schäbig zu. Auch die Social-Media-Welt ist voll ins Geschehen integriert. Loges Schilderung vom Raub des Rheingoldes läuft im Hintergrund als Einspieler, die Verwandlungsszenen in Nibelheim finden schon gar nicht mehr auf der Bühne statt: Der Riesenwurm und die Kröte sind Youtube-Videos im Grünen.

Den ersten Moment der Verstörung gibt es gleich zu Beginn, das mystische Brummen aus dem Graben bleibt erst einmal aus, als sich der Vorhang hebt: Stattdessen steht sich das Gegensatzpaar Alberich (unten im Dunkeln) - Wotan (oben mit Lichtspeer) schon vor dem ersten Takt auf der Bühne (Bühne: Ines Nadler) gegenüber. Erst nach der Entzündung des Lichtrahmens durch Wotans Speer setzt das orchestrale Geschehen ein, bis zum Beginn der Handlung in einem übervölkerten Strandbad färbt sich die Szene komplett in Gold. Die Rheintöchter und ihr magisches Bassin sitzen im Zentrum, beim Werben um ihre Gunst erfährt Alberich unterschiedliche Stadien der Demütigung von der Sektdusche bis zum Kopf im Zangengriff von Flosshilde, worauf das Spießrutenlaufen durch die Menge im Strandbad folgt. Die Retourkutsche des durch den Liebesfluch allmächtig gewordenen Schwarzalben wird im Nibelheim-Kapitel folgen, denn Alberich hat nicht nur sein eigenes Volk unterworfen, sondern auch die Rheintöchter in seine Unterwelt verschleppt. Die Naturwesen werden durch die Allmacht Alberichs ebenso versklavt wie die Menschen, deren unterworfenes Humankapitel in der Inszenierung des Kasseler Oberspielleiters das Rheingold symbolisieren.

Die sonst auf Anfangsspott und Schlussklage beschränkten drei Schwestern sind hingegen, abgesehen vom zweiten Bild, komplett im Geschehen. Als Rachehelfer kommen die befreiten Rheintöchter auch nach Walhall und verfolgen erst gebannt die Demütigung ihres Peinigers, werden dann aber von der Macht des Rings und Wotan enttäuscht, um für die abschließende Klage beim Einzug der Götter als Nornen-Trio wieder in Erscheinung zu treten. Der optische Bezug zum Vorspiel der Götterdämmerung ist einer der vielen Binnenbezüge, die Markus Dietz gezielt einsetzt, um die Motivation zu stärken. Der Eindruck des visuell prophetisch gestalteten finalen Auftritts der Rheintöchter gibt das Stichwort zu Loges Schlussmonolog.

Dem oft als zusätzliche Quälerei empfundenen Auftritt Erdas gibt die Kasseler Neuinszenierung durch einen weiteren Bezug auf das Werk Richard Wagners Bedeutung. Erscheint schon das Kleid der Dea ex Machina als fehlendes Stück zum Walhall-Logo, so bringt erst der Kuss der weisen Frau Wotan zur Einsicht und Aufgabe des Rings, die Parsifal-Parallele gibt der sonst schwächsten Szene des Rheingoldes eine zusätzliche Bedeutung, die bis in die letzten Takte durchhält und schon auf die Walküre vorausweist. Zur finalen Steigerung der Einzugsmusik wirft Erda ihren Rock ab und paart sich mit Wotan, bevor der Vorhang fällt. Brünnhilde ist auf den Weg gebracht. Für diesen letzten Moment behält sich Francesco Angelico den vollen Orchestereinsatz vor. Das Dirigat von Francesco Angelico ist durchweg sängerfreudig und auf einen konstanten Fluss bedacht. Der Generalmusikdirektor lässt sich beim Rheingold sehr viel Zeit und das Orchester auch in den rein instrumentalen Passagen (Verwandlungsmusik) nicht von der Leine, wer auf spektakuläre Brillanz in typischen Momenten gehofft hatte, wurde sicher enttäuscht, bis auf einen Hornkikser im zweiten Bild gab es auch keine Patzer zu beklagen.

Das durch etliche Gäste verstärkte Sängerensemble leistet sich auch keine Schwächen und stellt sich komplett in den Dienst der Inszenierung. Stimmgewaltige Ausbrüche ertönen im rechten Moment, tatsächlich erweist sich Hansung Yoo als Donner bei der Beschwörung der Naturgewalten vor dem Einzug der Götter als lauteste Stimme, Wotan ist im Rheingold häufiger hilflos als allmächtig, deshalb glänzt Bjarni Thor Christinssons Göttervater bei seinen Manövern auch nicht durch Stimmgewalt. Machtdemonstrationen mit den Stimmbändern finden nicht statt, in diesem Rheingold wird niemand an die Wand gesungen. Auch die Riesen Fasolt und Fafner demonstrieren ihre Machtposition durch eifriges Betätscheln von Freia, die als Geisel auch mal an einen Pfeiler von Walhall gefesselt und geknebelt wird.

Vereinzelte Buhrufe ertönten nach dem Verklingen der letzten Takte, vielleicht hatte die starke Sexualisierung der Machtverhältnisse im Ring für das 21. Jahrhundert ein paar Altwagnerianer verschreckt. Alles in allem weist die Inszenierung von Markus Dietz aber vergleichsweise wenig Inkonsistenzen auf. Die unvermittelte Kräftigung Wotans, dem Loge ebenfalls den Apfel verweigert, entwertet die Wucht der Vergreisungsattacke, die den Göttervater dazu zwingt, die Konfrontation mit Alberich im Rollator zu bestehen. Auch die Szene, in der Freia nur unzureichend vom humanisierten Rheingold verdeckt wird, ist nicht glücklich gelöst, an die 30 Statisten können jede Person absolut blickdicht verdecken. Trotz kleiner Einwände im Detail ist die Neuinszenierung des Vorabends gelungen und weckt hohe Erwartungen für die Walküre.