Asmik Grigorian als Salome in der umjubelten Inszenierung von Romeo Castellucci bei den Salzburger Festspielen.

Asmik Grigorian als Salome in der umjubelten Inszenierung von Romeo Castellucci bei den Salzburger Festspielen.

© Foto: Ruth Walz
Musiktheaterkritik

Die Entdeckung der Langsamkeit

von Georg Rudiger

Richard Strauss: Salome

Premiere: 28.07.2018
Salzburger Festspiele
Homepage: https://www.salzburgerfestspiele.at

Regie: Romeo Castellucci
Musikalische Leitung: Franz Welser-Möst
Autor der Vorlage: Oscar Wilde

„Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!“, singt Julian Prégardien als syrischer Hauptmann Narraboth mit hellem Timbre nach wenigen, delikaten Takten Orchestervorspiel. „Sieh‘ die Mondscheibe, wie sie seltsam aussieht. Wie eine Frau, die aufsteigt auf dem Grab“, ergänzt der Page (klar: Avery Amereau). Laut Regieanweisung scheint der Mond in Richard Strauss‘ Einakter „Salome“ zu Beginn sehr hell. Bei den Salzburger Festspielen schwebt eine schwarze Scheibe über der Szenerie. Es herrscht Mondfinsternis. Obwohl die Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst, der vor zwei Jahre in Salzburg schon Strauss‘ „Liebe der Danae“ zum Funkeln brachte, zunächst einen ganz transparenten, lichten Klang in die Felsenreitschule zaubern, ahnt man, dass diese Geschichte nicht gut enden wird.

Wie ein musikalisches Leitmotiv taucht auch der schwarze Mond immer wieder auf an diesem suggestiven Musiktheaterabend, mit dem die Salzburger Festspiele einen echten Triumph feiern können (Regie, Bühne, Kostüme, Licht: Romeo Castelluci). Großartig, wie dieser runde Schatten, der dem gefangenen, aus dem Verlies auftauchenden Jochanaan Deckung gibt, ganz allmählich wächst, ehe die gesamte Bühne in ein tiefes Schwarz getaucht ist, um dann wieder auf ursprüngliche Größe zu schrumpfen. Romeo Castellucci entdeckt die Langsamkeit. Die von Cindy Van Acker choreographierten Bewegungen der Figuren erhalten gerade in der Stilisierung eine Dringlichkeit, die das auf die Katastrophe zusteuernde Musikdrama unter Spannung setzt. Der blanke, goldene Boden kündet vom Reichtum Herodes‘, die nackte Felswand der Felsenreitschule von der Archaik der Geschichte. Bis auf Salome und Jochanaan haben die Figuren bis zur Nase rot geschminkte Gesichter. Eine verschworene Gemeinschaft, deren Gewaltpotential sich nicht nur auf den wie mit Blut bemalten Köpfen widerspiegelt, sondern auch in den transparenten Leichensäcken sichtbar wird, die auf die Bühne geschleift werden. Auch die Lichtblitze, die für verstörende Augenblicke die gesamte Bühne rot färben, verweisen auf das kommende Ende.

Die Wiener Philharmoniker können ihre Muskeln spannen und zuschlagen, ohne dabei die Sänger zu erdrücken. Als Jochanaan (mit nie nachlassender, im Lyrischen verwurzelter Dramatik: der ungarische Bassbariton Gábor Bretz) mit schwarzem Fell umhängt und Federn geschmückt, wie ein Tier in sein Verlies zurückkriecht und Salome verflucht, zelebrieren die Wiener Philharmoniker die Dissonanzen mit extremer Schärfe. Die Orchesterwucht spiegelt sich in der Unruhe des Pferdes, das aus dem runden Kerker hochgefahren wird. Dazu windet sich Salome am Boden und spreizt ihre Beine. Theaterbilder, die sich einbrennen! Magische Momente, von denen es, szenisch wie musikalisch, an diesem enthusiastisch bejubelten Abend einige gibt. Ein goldener Pokal, der am Boden, wie von unsichtbarer Hand bewegt, seine unendlichen Kreise zieht oder ein Streicherklang, der in seiner Süße und Tiefe Richard Strauss‘ exotische Farben und subtile Stimmungen geradezu traumwandlerisch entstehen lässt. Beim „Tanz der sieben Schleier“ ist alle Bewegung im Orchester. Salome kniet dazu - nackt und gefesselt - auf einem goldenen Quader. Der Stein, der sich drohend auf sie senkt, wird die leidende Königstochter am Ende umschließen, wenn die Wiener Philharmoniker im Orchestergraben den Tanz zur entfesselten Klangorgie werden lassen.

Asmik Grigorian ist in ihrem hochgeschlossenen weißen Kleid eine Salome, die nicht dem Klischee einer männermordenden Femme fatale entspricht. Ihr Werben um den asketischen Propheten ist zunächst ganz verbindlich. Aber nach und nach gibt die Litauerin ihrem perfekt geführten Sopran mehr Substanz und Härte, ehe sie am Ende kehlig brüllt: „Gib mir den Kopf des Jochanaan“! John Daszak ist ein schön schmieriger, höhensicherer Herodes, Anna Maria Chiuri eine kühle Herodias mit schneidender Tiefe. Am Ende fallen die Blicke des Publikums auf einen abgetrennten  Pferdekopf und den enthaupteten Körper von Jochanaan, an den sich die mehr und mehr entrückte Salome schmiegt. Ein letztes Mal schwingt sich Asmik Grigorian zu leuchtenden Spitzen auf, ehe Herodes‘ Ruf „Man töte dieses Weib“ die perverse Idylle zerstört und die Wiener Philharmoniker mit einem letzten schroffen Ausbruch das Drama beenden.

Weitere Vorstellungen: 1./9./12./17./21./27. August 2018.