"Elektra" in Aix-en-Provence

"Elektra" in Aix-en-Provence

Evelyn Herlitzius (Elektra), Mikhail Petrenko (Orest)

© Foto: Pascal Victor/Artcomart
Musiktheaterkritik

Rachemord auf offener Bühne

von Joachim Lange

Richard Strauss: Elektra

Premiere: 10.07.2013
Grand Théâtre de Provence, Koproduktion des Festival d’Aix-en-Provence, Mailänder Scala, der MET, der Nationaloper Helsinki, des Gran Teatre del Liceu Barcelona und der Deutschen Staatsoper unter den Linden Berlin

Regie: Patrice Cheréau
Musikalische Leitung: Esa-Pekka Salonen

Wie nicht anders zu erwarten war der Jubel nach dieser „Elektra“-Premiere beim Sommerfestival in Aix-en-Provence (Grand Théâtre de Provence) gewaltig. Weil dieses wuchtige Rachedrama von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal immer noch einer spektakulärsten (Mit-)Reißer des Opernrepertoires ist. Weil der französische Filmregiestar und einstige Bayreuther Jahrhundertring-Schmied Patrice Chéreau in Frankreich machen kann, was er will und dafür angestaunt wird, als würde er die Oper neu erfinden. Was er definitiv nicht macht. Vor allem aber, weil es die Besetzung in sich hat. Ganz besonders liefert Evelyn Herlitzius eine darstellerisch exzessive, vor allem aber vokal höchst überzeugende Elektra ab! Nach der Färbersfrau in Salzburg entspricht diese Premium-Strauss-Partie wohl im Moment genau ihren Möglichkeiten. Ihre Elektra allein ist den Abend wert!


Vokal geht es jedoch so weiter: eine so eindringlich leuchtende Chrysothemis wie Adrianna Pieczonka ist im Opernalltag auch nur selten zu finden. Und dass Waltraud Meier aus ihrer Klytämnestra etwas Besonderes machen würde, war auch klar. Sie setzt ihre gestalterischen und stimmlichen Qualitäten für eine gegen den Strich gebürstete Gattenmörderin ein und wird in ihrer attraktiv eleganten Erscheinung zum bewussten Gegenentwurf des gängigen Rollenklischees. Da das auch bei der eher bieder „normal“ als mit unterdrückter Sinnlichkeit lodernden Chrysothemis der Fall ist, hat es Regiemethode. Geht aber nicht so ganz auf, denn für die Nachbarn im Reihenhaus bleibt diese Familie doch eine Nummer zu archaisch. Und so gibt es gerade beim Versuch Cheréaus, das Grauen hinter der Fassade des scheinbar Normalen zu zeigen, ein überzogenes Ausbremsen. Was in einer Mutter-Tochter Szene mit Herlitzius und Meier auch schon wieder eine Leistung ist!


Die in jeder „Elektra“ untrügliche Probe aufs Exempel, die emotionale Wucht, mit der sich der heimgekehrte Orest (mit dunkler Würde: Mikhail Petrenko) zu erkennen gibt, die besteht diese Inszenierung freilich. Aber wen soll es auch nicht anrühren, wenn sich da das Personal in die Arme fällt und der alte Pfleger des Orest kein geringerer als Franz Mazura (89) ist (bei dessen Präsenz es auf die paar Worte, die er singt, wirklich nicht ankommt) und der alte Diener Cheréaus einstiger Bayreuther Wotan Donald McIntyre (78)! Dazu noch Renate Behle als Vertraute. Ein derartiger Festspielluxus muss anrühren! Und er rührt an! Dass Tom Randall als Aegisth da nicht nur von diesem alten Diener auf offener Bühne erstochen wird, sondern auch vorher fast untergeht und die Mägde es schwer haben, sich zu profilieren, ist der Preis, den so etwas halt hat.


Cheréaus Dauerbühnenbildner Richard Peduzzi hat die Bühne wieder mit seinen typischen, Scala-kompatiblen Peduzzi-Wänden gefüllt. Diesmal geformt zu einem archaischen Innenhof mit großem Tor links, einer Eingangsalkoven in Muschelform in der Mitte, einer Treppe, zwei Opfersteinen und einer Bodenklappe für das Mörderbeil. Was nicht originell ist, aber vor allem der Elektra genügend Entfaltungsspielraum lässt. Caroline de Vivaise steckt Elektra in einen Antilook mit Hose und Trägershirt, macht ihre Schwester und die Mägde zu grauen Mäusen, verpasst der Königin ein dunkles Upperclass-Outfit und tendiert mit den Kostümen für die Männern zu Gegenwartszivil von heute.


Dass Chéreau Orest den Rachemord an Klytämnestra (und den des Dieners an Aegisth) auf offener Bühne ausführen lässt, wirkt freilich nicht schlüssiger, als der berühmte Schrei hinter der Bühne. Im Gegenteil. Dass Orest dann wie verstört durch das geöffnete Tor vom Ort des Grauens flieht, an dem Elektra nach ekstatisch zuckendem Jubel verharrt, ist immerhin eine Möglichkeit. Esa-Pekka Salonen am Pult des Orchestre de Paris musste als einziger auch etliche Buhs einstecken. Er war tatsächlich allzu massiv, füllte mehr den Raum zwischen den wuchtigen Wänden auf der Bühne, als das er analytisch in die Tragik der Figuren hinein zu lauschen versuchte, um die es Cheréau und seinen wunderbaren Protagonisten wohl in erster Linie ging.